Dar Wasserlöaser Säa

Dar Wasserlöaser Säa

In unern Durf hats früher en Säa gawa und dan geits hoit nou. Es wor blos a Pfütscha, awer für uns warsch halt a richtiger Säa und vor allem a dar schüenste Säa, weil es wor weit breit der enziche. Dar wor a sou tief, dass du a do drin hättst dersauf könn, wenn da nit aufgepoast hast. Dar Söa war mitta im Durf gelache und rings drüm rüm warn di ganza Höif voul mit Hosaküh, Soi und Rindviecher. Bei uns hats ja früher kä Kanalisation gawa, also sen die ganze Dochrinne, dar Überlauf vo die Misthaufa und des wos die Küh produziert höm, also nit di Milich, nei dan Säa gelafa. Wenn a strenger Winter wor, hat er a Eisflächa koht und mir konnta da druf Schlittschuh gelaf oder äfach druf rüm ruetsch. Im Summer höm da zwä Schwän gewoht, die hatte a ächenes schwimmendes Hoisla und da sen sa abeds neigange. Für uns Kinner war dar Säa, also des groaßa Sudalouch a groaßer Spielplatz und hat uns agezoucha wie sust neas, also höm mir duet a viel vo unner Freizeit verbrocht. Mir höm geplanscht, sen gschwumma und getaucht und höm nach Herzenslust gspielt, a wenns gfährlich woar; weil es hat a Stella gawa wo mer gar nix mer hat stia könn. Vo uns hat noch känner schwimm könn, awer mir höm uns ümmer todesmutich neigewocht.

Uner Durf hat Wasserloasa kässa und dar Noma kühnt nit vo ungfähr, weil du gleich wässt, dass es do weit und breit kä Wasser geit. Weder en annere Säa, kä Flüssla und erscht racht kän Brünn.

Wos war des für a Fräd im Summer, wenn da Zeit hats und konnst a so an häßa Toch nei dann Wasser ghopf. Im Grunde genumma höm mir da uner ganze Freizeit verbracht. A Poor woan a ganz mutich, die höm versücht im Wasser üm dann Säa rümzulaffa. Wie gsocht, vuena a die Tröppa wu mer nei sen, höm mer nou stiah könn, weiter vuen links und rachts war des gar nix mer möglich. Da bist da in a Louch neigetrate und wurscht uf ämol total wag vom Fenster und känner hat mer wos vo dir gsahn. Wenn ich soch mir sen gelaffa, nacher ist des total überdriewa, weil es wor so a Morast do din, dass de kaum weiterkumma bist und es bei jedem Schriet gequakt hot. Monchmol sen a die Schuh äfoch din steckagebliewe. Des wor a mueds Arwet bis de die wieder geborche hats. Es waor nit ungfährlich, weil in dan Morast woan a Gloschirwa, Dosa, Stocheldroaht und annersch Gelump din, daswache warsch guat, wenn da Schu ohatst.

Des ölles hot uns awer nix ausgemacht, des war äfach uner Säa und mir höm da gspielt. Die Eltern höm immer gwüsst wu de woarscht, weil du hast halt ziemlich noch dara Suda gstunke und monchmal bist da dann darhäm mit en Wasserschlauch ogsprützt woan. Im Summer host du a viel mehr geroche, weil da des Wasser sou gegärt hat, awer es war schüa worm wenn mer nei is. Monchmol host da nocher dahäma a a schöne Trocht griecht, wenn du grod die bessere Kläder okhabt hast und die höm sou ach gstunke.

Die Forb vo unern Gewässer war zwüscha undurchsichtich bis dunkelgrau fast schwoz und für frömma Loit, also für Turista, war des scheinbar a gfährliche Sach wenn mer da din woar, und dass mir uns überhaupt do nei getraut höm. Mir woan zwor noch Klä, awer mir höm die fröma Loit in dann Glauwe gelasse, dass mir do a ganz gfährliches Abenteuer mocha. Mir häm dara gsocht, dass mir trotz dar Gfährlichkeit ganz a gor durch dann Säa laffa und dass do a scho mol a poor dersuffa sen, weil se des gemacht höm. Na höm mir gsacht, für zäa Pfennich täte mir des riskier und wenn sa eiverstana woan, sen mer losgelaffa. Es war nit gfährlich, mir höm ja ella Löcher gekennt, awer ziwschedurch sen mer a mol mit em ganze Koupf unergetaucht, sou als wenn mer jetz untergange sen und in dann Moment hätte die a sicher zwanzich Pfennich bezohlt. Nach en Moment sen mir wider aufgetaucht und höm ganz schwär gschnauft, sou als wenn mer die Luft ganz lang oghalte höm. Sou höm mir a nou a mueds Geeld verdient, a wenn mir nit reich woan sen.

Hoitzutoch geits dann Säa ümmer nou und es is immer nou a schüener Säa. Des Wasser hömsa gewechselt, jetz wird Brunnawasser neigepumpt und nix mer die Suda. Es sen a richtiche Fisch din und ich gläb, es geit sougor en Anglglub in dann Durf. Ich kumm nou oft da vorbei, weil wenn da Wasserloasa besüchst, kümmste unweigerlich do vorbei, weil dar ümmer no des Zentrum is. Nei döf ower känner mia, daswache is ach au Zau außer rüm. Und da hengt a a groaßes Schild und da stäat druf, dass es verbouta ist neuzugean.

Oh jeh, die Eltern hoitzutoch täta des gar nix mer aushalt, wenn die wüssta, dass ihr Kinner blos in dara Näh vo dann Säa rümlaffa; die täta sich nei die Hoasa moch. Und a nou nei dann Wasser gia, des wär ja a gsundheitlicher Supergau und die Angst wär groaß, dass die Kinner wie die Mugga starba, wenn sa blos mit dann Wasser in Berührung kumma.

Also uns hat des früher ächentlich nix ausgemacht. Ich hob sougor mer als än Schluck davor genumme und ich gläb es hat mir nix gschoad. Awer die änne soch sou und die anner sou.

fa201115

Emotionale Momente der Geschichte

Emotionale Momente der Geschichte

Es passiert genug in der Welt, Katastrophen, Kriege und sonstige schlimmste Ereignisse. Viele vergisst man sofort wieder, andere bleiben ein Leben lang im Gedächtnis, weil sie mit einer wahnsinnigen Emotionalität verknüpft sind und Herz und Gefühl berühren. Es ist schwer zu sagen, warum gerade diese Geschichte dich berührt und nicht die andere, aber es hat sicher irgend etwas mit deinem eigenen Leben und deiner Art zu leben zu tun.

Ich war schon immer ein Fußballfan, habe selbst seit frühester Kindheit gespielt und habe 1966 das WM Finale miterleben dürfen. In unserem Haus hatten wir eine kleine Wohnung vermietet und diese Mieter hatten einen Fernseher. Mein Vater und ich durften uns das Endspiel mit ansehen. Damals verstand ich noch nicht so viel von Gefühlen, aber meine Mitzuschauer waren danach sowohl wütend als auch traurig, also sehr stark berührt. Das habe ich nicht vergessen.

Ich kann mich erinnern an die 1. Mondlandung der Amerikaner im Jahre 1969. Dies wurde live im Fernsehen übertragen; was für ein sensationelles Spektakel. Ich war damals im Internat, wir waren in der Nacht aufgestanden, um dieses einmalige Geschehen zu beobachten. Ich fand schon damals die Worte richtig, dass dies für die Menschheit ein großer Schritt war, weil so viele Menschen daran gearbeitet hatten. Sie hatten ein Problem, haben Lösungsansätze entwickelt und alles zu Ende gebracht, obwohl die Technik im Jahre 1969 im Vergleich zu heute noch unterirdisch war. Das habe ich nicht vergessen.

Prinzessin Dianas Unfalltod im Jahre 1997 war unwahrscheinlich emotional. Immerhin zählte ich mich schon zu den Erwachsenen, aber wir waren in der Familie alle sehr erschüttert, haben stundenlang vor dem Fernseher gehangen und konnten gar nicht mehr klar denken. Was für ein Verlust war das damals und es war nicht zu begreifen, dass auch so eine glorifizierte Person durch einen Unfall sterben kann. Diese Tage habe ich bis heute nicht vergessen.

Als die Zwillingstürme und das WTC am 11.9.2001 in sich zusammenstürzten, mussten wir die Arbeit unterbrechen. Wir waren gerade dabei eine Garage zu betonieren als die ersten Nachrichten von den Treffern der Zwillingstürme gemeldet wurden. Aufgrund der Dramatik konnten wir nicht mehr arbeiten, gingen nach Hause, um das weitere Geschehen direkt zu beobachten. Man ist einfach fassungslos, dass so etwas überhaupt passieren kann. Die Tage danach, die Aufarbeitung und die Folgen haben uns sehr mitgenommen. Das haben wir nicht vergessen.

In den letzten Tagen war ich wieder sehr mit einem einzigen Thema beschäftigt. Die Wahlen in Amerika sind noch nicht zu Ende und man fiebert dem Ende der Auszählung entgegen. In den letzten Jahren sind ja viele Menschen durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen und es lässt sich so schwer glauben, dass ein einzelner Mensch, ein Präsident, so eine Unruhe in die Welt hineintragen kann. Jetzt, da die Chance groß ist, diesen Menschen wieder loszuwerden, ist man natürlich sehr aufgeregt und verfolgt staunend was alles passiert. Menschen, denen es gut geht, gehen vor der Wahl aufeinander los, aus Angst etwas von ihren Gütern zu verlieren und sie stehen sich mit Waffen gegenüber, um ihre angeblichen Werte zu verteidigen. Dies alles geschieht, weil ein einzelner Präsident, losgelöst von allen moralischen Herangehensweisen, Hass und Zwietracht schürt. Man hätte es sich ja denken können, so wie er, von manchen auch als „Anomalie der amerikanischen Geschichte“ bezeichnet, die letzten 4 Jahre gewirkt hat. Jetzt sitzt man hier und verfolgt die Zahlen der Wahl und fühlt sich mal gut und mal schlecht, je nachdem wie die Auszählung gerade läuft. Es ist schon Wahnsinn, dass eine solche Wahl in meine persönliche Hitliste der „emotionalen Momente“ der Geschichte gelangt. Aber nicht nur in Amerika, nein auch hier bei uns hat es zu einer fühlbaren Spaltung geführt. Es gibt Menschen, die ich mal gemocht habe und zu denen ich in dieser Zeit ein sehr gespaltenes bis ablehnendes Verhältnis entwickelt habe. Gerade heute, während ich die Wahlen in Amerika verfolge, habe ich noch einen Tweet eines dieser Menschen, der gerade auf dem Weg nach Leipzig zur Querdenkerdemo ist, bekommen: „Ich erwarte heute Hundert Tausende Menschen in Leipzig, die erkannt haben, was die Regierung uns antut. Nur wenige stumpfsinnige, dumme und gutgläubige Menschen folgen noch unserer Regierung, die im Deckmantel der Pandemie ein weltweites totalitäres Regime errichten will ….. und ich bin Anhänger von Trump und Putin“. Diese Aussage ist für mich so Sinn frei, dass sie gar nicht kommentiert werden muss.

Ja und gestern ist es passiert. Trump ist fertig und hat offensichtlich verloren, auch wenn das Endergebnis offiziell noch nicht feststeht. Den meisten fällt ein Stein vom Herzen, die Emotionen kochen hoch und der Tag wird für viele als „Meilensteintag“ in die Geschichte eingehen. Während gerade in Leipzig noch 20.000 Pandemieleugner auf der Straße demonstrieren, wird gerade einer davon völlig demontiert. Das hat auch die Presse rund um den Globus in eine unheimliche Euphorie und Erwartung versetzt; überall kann man das Aufatmen spüren, doch jetzt wird erst mal gefeiert. Man liest schon von Befreiung, von Vertrauen, das wiederhergestellt wird und von der Hoffnung der Verbesserung der frostigen Weltpolitik, ausgelöst durch das Tauwetter, welches Biden und Harris einleiten werden. Viel heftiger urteilt die „New York Times“ über ihren noch amtierenden Präsidenten: „Das amerikanische Volk hat in den Abgrund des autokratischen Nationalismus geblickt und sich entschieden, einen Schritt zurückzutreten. Der vier Jahre anhaltende Angriff des Präsidenten auf die Demokratie wird bald enden“. Auch der „Guardian“ reagiert mit aufgestauter Wut: “Die Wähler haben sich gegen das entschieden was nur als die krasseste, eitelste, dümmste und dysfunktionalste Führung bezeichnet werden kann, unter der dieses Land jemals gelitten hat“.

Also ich freue mich wie viele andere auch. Eines hat Trump erreicht: er wird in die Geschichtsbücher eingehen. Aber nicht durch besondere Leistungen wird er ausgezeichnet werden, sondern er wird immer damit in Verbindung stehen, dass er einfach ein scheinbar kranker Typ war. Trump, ich werde dich nie vergessen. Halleluja !!

fa201108

Analreflexion mit Zwiebelkuchen

Analreflexion mit Zwiebelkuchen

Zuerst ist es nur ein leichtes Ziehen mit einem Rumpeln, dann kommt ein Glucksen dazu, so als wenn Blasen aufsteigen und an der Oberfläche zerplatzen, jetzt ein Moment Ruhe und du atmest entspannend aus. Aber dann kommt es gewaltig zurück. Ein Orkan fegt durch den Darm mit Windstärke 12, wirbelt, verkrampft, kneift und zieht von rechts oben im Bauch nach links und dann mit aller Macht und blubbernd nach unten Richtung Ausgang, wobei dieser den unmissverständlichen Befehl erhält, alles dicht zu machen. Du kannst dem Gespräch nicht mehr folgen, denn deine Konzentration hat schon auf Alarmstufe „Rot“ geschaltet. Schon früher hast du öfters heimlich versucht den Druck zu entlasten, indem du die Luft durch unmerkliches Heben der Pobacke ganz sachte abgelassen hast und dann so getan hast, als ob du es nicht gewesen bist. Zum Glück war hier und heute die Luft so und so noch von dem Zwiebelduft geschwängert. Aber etwas war anders, fühlt sich feucht an und dir war schlagartig klar, dass der Darm diesmal mit der Luft, notwendig zur Druckentlastung, nicht nur das Luftventil geöffnet hatte. Das Material hatte gefühlt die Konsistenz wie Apfelbrei, verteilte sich genüsslich zwischen den Pobacken und wurde auf einen Schlag unangenehm.

Wir haben einen Bekanntenkreis, mit dem wir uns jedes Jahr zum Federweißer Abend treffen. Der Zwiebel-Plootz ist immer selbst gemacht und dieses Jahr gab es roten und weißen Federweißer. Der Unterschied zu den Jahren davor war, dass du diesmal, weil er wirklich nur wie Saft schmeckte, in kurzer Zeit drei Gläser davon getrunken hattest.

Wenn man noch ofenwarmen Zwiebelkuchen zu sich nimmt und den mit Federweißer nach unten spült, ist das in etwa so, als wenn man in einem Chemielabor zwei hochreagible Essenzen zusammenmischt und dann eine Sekunde später eine explosive Reaktion beobachtet. So ähnlich musste der Darm gedacht haben, so dass er dem Schließmuskel, der sonst alles dichthält, diesmal missverständlich den Befehl gab, und auch nur ganz minikurz, wie ein Sicherheitsventil kurz auf „Öffnung“ zu stellen. Es ist ein kurzes matschiges und quartschiges Geräusch zu hören und du weißt in dem Augenblick sofort: das geht nicht mehr rückwärts. Du hast keine andere Möglichkeit, als direkt auf der Toilette zu verschwinden.

Du verziehst dich also, und bist froh, dass du nicht deine helle Hose anhast. Auf der Toilette, ziehst du Hose und Unterhose aus und siehst die Bescherung. Auch die sonst ideale

Schießer-Unterwäsche sieht mit solchen färbenden Materialansammlungen sehr unerfreulich aus. Du nimmst also die dort stehende edle Handwaschseife von Dove und fängst an dich zu waschen, dann die Hose erst in einem Waschbeckenbad zu tränken und auszuwaschen. Zum Glück hatte sich das Material noch nicht so fest in der Baumwollstruktur der Unterhose verankert, so dass die Entfernung eigentlich ganz gut gelingt. Ein Fön war nicht zu finden, es war ja auch die Gästetoilette. Deshalb bist du gezwungen, den frisch gewaschenen und ausgepressten Slip in die Tasche zu stecken und die Hose ohne Unterbuchse wieder hochzuziehen. Zurück auf dem Platz macht sich erst einmal wieder Erleichterung breit, aber dem Abend kannst du nichts mehr abgewinnen, denn, wie bei einem heranrollenden Zunami, kündigt sich schon die zweite Welle an. Schnell verabschiedest du dich mit deiner Frau, „also der Zwiebelplootz war wieder eine Offenbarung“, und strebst mit schnellsten Schritten deiner Wohnung entgegen. Deine Frau wollte noch bleiben, deshalb beichtest du dein Missgeschick, was sie erst einmal sehr erheitert.

„Ja und wie läuft es sich mit nacktem Hintern und mit nasser Unterhose in der Tasche?“, fragt sie.

„Ach weißt du, die Hose ist weg, die habe ich doch bei dir in die Handtasche gesteckt, gleich als ich zurückgekommen bin“, war meine Antwort, erleichtert, dass alles so glimpflich ausgegangen ist.

Sie schaut dich im Stehenbleiben merkwürdig an und sagt erschüttert: „Du bist aber lustig, ich habe doch gar keine Handtasche dabeigehabt“.

Da fängst du dann wirklich an blass zu werden, und das liegt jetzt gar nicht mehr an dem Druck im Unterbauch. Denn dir wird schlagartig klar, du bist ja kürzlich erst von der Reha zurückgekommen, und damit es keine Verwechslungen gibt, hatte deine Frau deine gesamte Unterwäsche mit kleinen Namensschildern versehen – mit Deinem Namen.

Am nächsten Tag bist du wieder der Nachbarin begegnet, die auch auf deiner Tischseite gesessen hatte. Als sie dich erblickt, rümpft sie unmerklich die Nase und ihr ein wenig unverständlicher und belustigter Blick drückt aus: „Sowas habe ich auch noch nie erlebt“. Du denkst „ich auch nicht“ und du bist dir auch sicher, die Gastgeberin hat das erfahren und du wirst sicherlich nie mehr dort eingeladen.

Drei Tage später lag die Unterhose, gewaschen und fein zusammengelegt in deinem Briefkasten und versprühte einen leichten erotischen Hauch von Lavendel. Es lag ein Zettel dabei auf dem stand:

Es ist gescheh´n du armer Tropf

Jetzt weinst du sicher bitt´re Tränen

Es ist doch klar, dass Menschen sich

Nach kleinen Pannen sehnen

Jetzt ging´s dir so

Und mir passiert es vielleicht Morgen

Ich erzähl´ es keiner Seele

Hilde – Deine Nachbarin

Mach dir keine Sorgen

fa311020

Das Seniorentelleralter

Das Seniorentelleralter

Dieses Zeitalter beginnt gerade richtig, hat aber schon seit längerem angefangen, ohne dass du das so richtig gemerkt hast. Du kannst allgemein nicht mehr so, du fühlst dich körperlich unwohl, alles wird anstrengender und du hoffst, wenn du mal außer Haus gehst, bald wieder daheim zu sein. Hinweg ist der Drang hinaus in die Welt zu gehen und möglichst viel zu erleben. Du suchst jetzt mehr deine Basis im Leben, deine Ecke auf der Couch, deinen Fernsehsessel und freust dich über das Nichtstun und manchmal auch, wenn gar nichts geplant ist. Es gibt Menschen, die akzeptieren das so und verabschieden sich vollkommen chillig aus der Erlebniswelt. Ich habe zwar auch meinen geerdeten Fernsehsessel, aber doch noch ab und zu den Drang nach außen zu gehen.

Zum Essen bin ich immer gerne gegangen, vor allem dorthin, wo die Größe der Mahlzeit ein hohes Sättigungsgefühl verspricht. Ich mochte es immer sehr gerne, so wie beim „Schnitzel-Schorsch“: einfache Küche, einfache Möbel und brutal viel Essen auf dem Teller. Ein Berg Kartoffelsalat, darüber liegt dann das Schnitzel und überragt den Tellerrand noch nach allen Seiten. Es ist in der Pfanne in einem Meer von Schweinschmalz rausgebacken, hat diese wellige braune Kruste, die eine Fritteuse niemals erreicht und eine Dicke, fast wie dein Handgelenk. Der Geruch haut dich einfach um und literweise wird in deinem Magen die Magensäure ausgeschüttet. Die ersten Bissen sind eine kulinarische Offenbarung; nach der Hälfte bist du eigentlich schon satt. Es schmeckt jedoch so vorzüglich, dass du auch den Rest durchaus noch mit Genuss verschlingen kannst. Die Gürtelschnalle um ein Loch zu versetzen, hat jedenfalls immer geholfen.

Heute, in der fortgeschrittenen Jugend, ist das etwas anders. Auch wenn der Geruch noch etwa gleich ist und auch der Appetit sein früheres Level erreicht, so macht doch der Anblick des Schnitzelungetümes auf deinem Teller schon Unbehagen und fast ein bisschen Angst. Das schaffst du doch niemals. Sofort erinnerst du dich an das letzte Mal, das letzte Mal, dass du so ein Riesending geschafft hast. Schlafen war danach nicht möglich, das Grummeln im Bauch hat die ganze Nacht angehalten, und dann kam auch noch Durchfall dazu. Irgendwie wollte der Körper dieses Übermaß an Kalorien und Fett wieder loswerden. Wahrscheinlich war auch noch viel davon dabei, denn es ist nur so geflutscht. Wenn du dann auf deinem Sessel liegst und vom Schlemmen erschöpft die Gliedmaßen ausstreckst, dann bleibt auf jeden Fall, und das kannst du nicht auf die Winterklamotten schieben, in Körpermitte eine veritable Vorwölbung, so als wenn man in der Ebene in Tansania läuft und in der Ferne den Kilimandscharo sieht. Und der hat bei dir zunehmend die Form eines riesigen Schnitzels. Die Vorstellung, dass man jetzt zu einem Riesenschnitzel mutiert und dann den Menschen, die dir begegnen das Wasser im Munde zusammenläuft, ist nicht angenehm.

Heute wie gesagt ist alles anders. Du hast beim Betreten der Wirtschaft den Gürtel heimlich schon ganz aufgemacht. Am Morgen hast du ein Hemd gewählt, welches weit genug ist und nicht schon bei geringer Füllung zum heftigen Anspannen neigt. Außerdem hast du das Frühstück ausgelassen, was aber ein Fehler war, denn jetzt hast du gerade so einen riesigen Kohldampf, dass du überlegst, vielleicht noch einen Liter Leberknödelsuppe im Voraus zu bestellen. Der Blick in die Karte hilft auch nicht besonders, obwohl es nur wenige Gerichte zur Auswahl gibt: einmal das Riesenschnitzel, dann den Schweinshaxen, der von einem Riesenschwein kommen muss, wie die Riesenschnitzel auch und dann noch ein Hackbraten, rund geformt in Kindskopfgröße. Also was nun? Jedes einzelne Gericht lässt dir das Wasser im Mund zusammenlaufen, erzeugt aber in der Vorstellung schon die unangenehmen Nebenwirkungen wie oben beschrieben, aber ich selbst wollte ja mal wieder hier zum Essen gehen. Schweren Herzens fasse ich den Entschluss, die Leberknödelsuppe, die am Nachbartisch gerade aufgetragen wird und in der drei riesige Leberknödel schwimmen, umgeben von selbstgemachten Schwammerln und bedeckt mit einem Hauch feiner Petersilie, heute nicht zu bestellen. Also das Schnitzel auf jeden Fall. Als die Bedienung kommt, werden wir alle der Reihe nach abgefragt. Als ich an der Reihe bin, schenkt sie mir einen längeren Blick, lässt davor in einer einzigen schnellen Augenbewegung den Blick von oben nach und gleiten und sagt dann: Es gibt auch Seniorenteller!

Ich strafe die Bedienung, die selbst in meinem Alter sein muss und durchaus korpulent ist, mit einem strafenden Augenaufschlag. Was soll das? Sehe ich so alt aus? Sieht Sie mir mein erhöhtes Cholesterin an? Dann aber wird mir sofort klar, diese Frau hat Menschenkenntnis und sie muss mir meinen inneren Kampf mit der Speisekarte angesehen haben. Das ist die Lösung: „Oh ja, bitte das Schnitzel als Seniorenportion“. Das Seniorenschnitzel reicht immer noch bis an den Rand des Tellers, und ehrlich gesagt war es immer noch zu viel, so dass ich es nicht aufessen konnte. Auch das Grummeln im Bauch hat sich wiedereingestellt.

Woher soll mein Bauch auch wissen, dass ich jetzt nur noch Seniorenportionen bestelle und er in Zukunft gemäßigt reagieren kann? Mit meiner Frau muss ich noch reden. Sie soll auf keinen Fall auf die Idee kommen, ab jetzt Zuwendung aller Art nur noch in spärlichen Seniorenteller-Häppchen zu gewähren.

fa201027

Warum denkst du nur so verquert?

Warum denkst du nur so verquert?

In der letzten Zeit habe ich mich beruflich viel mit Corona, mit Pandemie und den Folgen davon beschäftigt. In der letzten Zeit habe ich mich privat auch viel mit den Auswirkungen der Pandemie in meinem privaten Umfeld beschäftigt und die folgende Tatsache ist kein Einzelfall geblieben. Es gibt Menschen um mich herum, Menschen mit denen ich zu tun habe, Menschen die gerade so verzweifelt sind, dass sie das Rechtssystem „Deutschland“ und den gesunden Menschenverstand der Regierung und der Wissenschaftler in Frage stellen und einfach glauben, sie alleine hätten, in den meisten Fällen aus dem Internet, die Erleuchtung bekommen. Diese Erleuchtung stamme von irgendwelchen Menschen, die die Wahrheit erkannt hätten und auch sie würden jetzt, im Gegensatz zu dem Rest der Menschen die Wahrheit erkennen. Diese „erleuchteten Gurus“ im Internet sind in der Regel nicht sehr bekannt, wissenschaftlich überhaupt, oder nicht mehr anerkannt. Sie führen teilweise auch akademische Titel und, während der Rest der Welt in einem Chaos von Intrigen und Lügen verstrickt ist, das Ganze nicht begreift und unweigerlich untergeht, wissen sie genau wie der richtige Weg aussieht.

Seit Corona hat sich dieses verschwörerische Denken massiv verstärkt. Insgesamt beobachte ich 7 Personen aus meinem Umfeld: wie sie sich erst in diese Theorien verstricken und dann so langsam, wie in einem Gehirnwäscheprozess, langsam die Kontrolle über ihr Leben verlieren, gegen alles oder jeden angehen und, da sie die Wahrheit kennen, sich einer Elite zugehörig fühlen, welche weit über dem Rest der Menschen steht. Das geht so weit, dass die Ersparnisse von der Bank geholt werden, um gegen den drohenden weltweiten Crash gewappnet zu sein und das eigene Denken nur noch, wie bei einer hochpsychotischen Person, um das Verschwörungsthema kreist und nicht mehr abgestellt werden kann. Ich versuche zu ergründen, welche psychopathologische Struktur gegeben sein muss, um sich dermaßen auffällig zu verhalten. Das Internet und meine psychotherapeutische Bibliothek geben dazu nicht viel her und so muss ich auf die Suche gehen, um diese psychopathologische Seite zu ergründen.

Die Beschreibung dieser 7 Personen in ihrem sozialen Umfeld gibt jedoch schon einige Hinweise auf gemeinsame Sonderbarkeiten, mit dem man möglicherweise die Herkunft deren Gedanken erklären kann.

Person 1 ist wegen einer Erkrankung sehr früh berentet und bezieht seine Rente genau von dem Staat, den er angreift und dessen Autorität er in Frage stellt. Er ist ein Einzelgänger, fühlt sich nach meinem Empfinden vernachlässigt und nicht wahrgenommen und er habe schon immer die Wahrheit gesagt. Er sei sehr beliebt gewesen, aber durch seine Arbeit habe er sich die Krankheit erworben, die zu seiner Berentung geführt habe.

Person 2 hätte, das merkt man, sehr gerne studiert, dies aber nicht gemacht.  Es wurden gewisse Spezialisierungen erworben, wodurch sich diese Person auch auszeichnet. Person 2 ist jedoch nicht gruppentauglich, da sie alle Gruppen, trotzt ihres Könnens wieder verlassen musste, da sie sich einfach nicht eingliedern kann.

Person 3 hat studiert, hat auch in dem Fach gearbeitet, aber, so glaube ich, an der Arbeit bislang keine Erfüllung und Zufriedenheit gefunden. Auf ein berufliches Weiterkommen hat die Person jedoch keinen Fokus gelegt und wirft deshalb denjenigen, die beruflich etwas erreicht haben, vor, zum Establishment zu gehören.

Person 4 hat auch studiert, hat aber in dem Studiengang keinen Fuß gefasst und ist deshalb frustriert. Es besteht eine große Angst vor der Zukunft.

Person 5 arbeitet in einem Beruf, ist aber sonst total außerhalb der Gesellschaft, geht, auch schon vor Corona, nicht aus dem Haus, ist keiner sozialen Gruppe zugehörig. Das Leben besteht aus vielen Eingrenzungen und damit aus vielen nicht erfüllten Erwartung, gleichzeitig besteht auch massive Angst und Geldsorgen vor der Zukunft.

Person 6 war schon immer anders, hat schon immer auch persönliche medizinische Probleme mit ihrem eigenen Weltbild gesehen und dann behandeln lassen. Auch diese Person ist sozial nicht integriert, geht nicht aus dem Haus, ist keinem Verein zugehörig und lernt und verbreitet auch die Lehren von QAnon und anderen obskuren Vereinigungen.

Alle diese Personen versuchen, sobald das Gespräch darauf kommt, sofort mit schon längst widerlegten Fakten die Ernsthaftigkeit der Situation darzustellen, möchten dich überzeugen dass ihre Thesen doch der Wahrheit entsprechen, verstehen das Unverständnis des Gegenüber nicht, obwohl dieser doch studiert habe und die Wahrheit erkennen müsse und ordnen jeden Andersmeinigen der Schlafherde zu, denen noch die Augen aufgehen werden, wenn erst einmal passiert, was noch kommen wird.

Person 7 habe ich aus den Augen verloren. Sie hatte alle ihre Kontakte in eine WhatsApp-Gruppe gesammelt und ihre Lehren verbreitet. Sie hatte einen riesigen Shitstorm erlebt und ist untergetaucht. Danach wären schon seit Mai alle Banken geschlossen, das Militär hätte die Macht übernommen und unser Geld wäre nichts mehr wert. Zum Glück ist es ja anders gekommen. Ich glaube nicht, dass sich ihre Denkweise seitdem verändert hat, obwohl nichts von dem passiert ist, was sie vorausgesagt hatte.

Im April dieses Jahres hatte ich schon einmal einen Artikel über Verschwörungstheorien geschrieben und diesen Artikel jetzt noch einmal, da ich mehrere solcher Personen kenne, überprüft. Ja, es gibt Gemeinsamkeiten, die ich bei den oben aufgezählten Personen erkenne. Diese Gemeinsamkeiten fallen mir auf, sind jedoch in keiner Weise statistisch signifikant. Obwohl ich diese Personen nicht negativ sehe, sondern in ihren Eigenheiten sogar mag, hat sich der private Kontakt durch die gegensätzlichen Meinungen deutlich verringert oder ist ganz abgebrochen.

Ich glaube, dass diese Personen eher am Rande der Gesellschaft stehen. Sie fühlen sich nicht integriert, ihre Ideen werden nicht wahrgenommen oder abgelehnt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die den „Durchblick“ hat, schafft ein starkes „Wir-Gefühl“ auf der einen Seite und eine komplexe Ablehnung der anderen Seite („Ihr seid ja nur Schafe, die alles abnicken“). Es gibt in der Literatur bei einigen Autoren eine Korrelation der Anhänger dieser Theorien zu einem geringen Selbstwertgefühl. Gerade in Zeiten der Unsicherheiten wie jetzt wendet man sich einer elitären Randgruppe mit Spezialwissen zu, um wieder das Gefühl zu haben, die Situation kontrollieren zu können und den Selbstwert zu stärken. Es besteht ein Zusammenhang im Verhalten von Verschwörungstheoretikern und Merkmalen wie sie bei Persönlichkeitsstörungen zu finden sind, z.b. Angst und eine Art wahnhaftes Verhalten (die ganze Welt wird zusammenbrechen). Einfache Erklärungen für Katastrophen, wie die Pandemie, werden nicht akzeptiert, mögen sie noch so wissenschaftlich fundiert sein. Lieber wird an eine Verschwörung der Mächtigen der Welt oder zumindest der Pharmaindustrie geglaubt, die sich jetzt durch den Impfstoff weiter bereichern. Eigen ist allen diesen Personen auch, dass es kein überzeugendes, nicht mal wissenschaftliches Argument für sie gibt, obwohl sie keinen schlüssigen Beweis für ihre eigenen Behauptungen haben. Es besteht einerseits eine Mischung aus Misstrauen gegenüber den Behörden mit dem Gefühl, keine Kontrolle über sein Leben zu haben und andererseits Unzufriedenheit mit dem Leben an sich, was vor allem bei Randgruppen häufig zu finden ist. Die gesamte Welt wird als bedrohlich und angstmachend erlebt und so ist das Verhalten eine Art Sinnsuche in dieser chaotischen Welt. Die Behauptung, dass Menschen mit geringem Bildungsgrad anfälliger für solche Theorien sind, kann ich nicht bestätigen. Es sind eher Menschen, denen ein gesellschaftlicher Aufstieg fehlt oder die die Befürchtung haben, durch das akute Erleben weiter abzusteigen.

Ich glaube, dass existenzielle Angst ein Persönlichkeitsmerkmal dieser Menschen ist. Es geht um Unsicherheit, Befürchtungen und Zukunftssorgen. Um diese Ängste einzuordnen, sucht man nach Erklärungen und landet bei den Verschwörungstheorien, verbunden mit der Sehnsucht, durch die Verfolgung dieser Theorien die Ängste zu bewältigen. Dies gelingt natürlich nicht, so dass immer neue Theorien die Macht über diese Menschen erlangen.

Die Phänomene „Soziale Ansteckung“, „Gruppenzugehörigkeitsstreben“ und „Minderheiteneffekt“ sind bekannte sozialpsychologische Effekte. Es bietet immer Sicherheit, zu einer solchen Gruppe zu gehören; vor allem geheimnisvolle Gruppen mit Spezialwissen sind sehr attraktiv, gerade für Menschen mit Zugehörigkeitswünschen.

Es wird auch ein Leben nach der Pandemie zu führen sein und für alle gilt: Es muss einen Weg von der Ablehnung über die konstruktive Diskussion bis zur möglichen Akzeptanz der anderen Meinung geben. Die Verzeihung wird eine große Rolle spielen.

fa201026

Wenn ein Schnitt daneben geht

Wenn ein Schnitt daneben geht

Haare sollten ab und zu geschnitten werden. Die Methode der Wahl ist die mit einer Schere, oder auch elektrisch, mit einem Rasierapparat. Wer die Methode des Haareschneidens beherrscht, wird mit beiden Möglichkeiten keine Schwierigkeiten haben. Als wir jetzt unsere Tochter in Berlin besuchten, stand auf ihrem Wunschzettel, dass ihre Haare mal wieder gekürzt werden sollten. Meine Frau, ihre Mutter, hat früher sowohl meine als auch ihre Haare geschnitten und war deshalb dazu auserkoren, dies zu tun. Meine Tochter hat eine Frisur, die keinen Namen aus einer Fachzeitung hat, es sind halt Haare, die auf dem Kopf wachsen. Trotzdem wird die eigen kreierte Frisur liebevoll „Warnfried“ genannt, eine Komposition der Nachnamen der beiden Personen, die sich sonst an den Haaren auslassen. In der jüngsten Zeit waren die Haare mal ganz vom Kopf verschwunden, also kahl rasiert. Zuvor zierte ein prächtiger, blau leuchtender Haarbüschel die Kopfhaut und jetzt hatten die Haare schon wieder so eine akzeptable Länge, dass ein professionelles und geschicktes Händepaar durchaus in der Lage sein musste, sie zu einer Art Frisur zu formen. Anlässlich dieses Ereignisses versammelte sich die gesamte Familie im Badezimmer, um dem Akt der Beschneidung beizuwohnen. Der Beginn erfolgte mit einer extra dafür angeschafften scharfen Schere, mit geübten Scherbewegungen durch meine Frau, so dass sich der Boden schnell mit einer leichten Haarschicht bedeckte. Es wurde oben gekürzt, es wurde seitlich gekürzt und der Pony wurde mit schräg verlaufenden Schnitten ebenfalls auf ein dazu passendes Maß eingestutzt. Möglicherweise, da der Haarwuchs meiner Tochter in den letzten Monaten ungezügelt und frei von frisörhandwerklichen Einschränkungen wachsen konnte, hatte sich am Hinterkopf, in der Mitte und eher rechts, ein kleiner Wirbel gebildet, der nun einen Strudel von Haaren in rundlicher Form zeigte und nicht gewillt war, sich, wie die übrigen Haare, in eine Form zähmen zu lassen. So blieb, als der Grundhaarschnitt beendet war, eine auffallende Stufe am Hinterkopf, am Übergang von Haut zu Haaren, sichtbar. Nach kurzer Familienberatung wurde beschlossen, diese schwierige Stelle elektrisch zu bearbeiten und so kam die Maschine zum Einsatz. Zuerst versuchte sich meine andere Tochter, sehr vorsichtig, da sie den Umgang mit der Maschine nicht gewohnt war. Diese Bemühung brachte jedoch auch nicht das gewünschte Ergebnis. Ich aber, jahrelange elektrische Rasur gewohnt, ergriff als nächstes die Maschine mit der rechten Hand, stellte mich hinter meine Tochter und führte einen beherzten Schnitt vom Ansatz der Haare bis in das obere Drittel des Kopfes. Durch das berufliche Operieren war ich es gewohnt und es wurde mir auch so beigebracht, dass der erste Schnitt einfach sitzen muss und entscheidend für die restliche Operationsführung ist.

Gut, ich hatte den ersten Schnitt gemacht, allerdings etwas zu enthusiastisch, und so zeigte der Hinterkopf nun gerade das Gegenteil eines Irokesenschnittes, nämlich eine glatte, circa 3 cm breite kahle Landebahn in der oben beschriebenen Länge. Das Schnittgut segelte mit einer kreischenden Drehung zu Boden und überragte die schon liegenden Haare wie die Spitze eines Berges. Genau gesagt kam das Kreischen nicht von den Haaren, sondern es war der entsetzte Aufschrei meiner anderen Tochter die ungläubig das Geschehen verfolgte. Die Tochter jedoch, die vor mir saß, lachte verstört, wobei es auch im Nachhinein nicht klar war, ober es Tränen der Freude oder doch akute Trauertränen über den schnellen Haarausfall waren. Jetzt jedoch musste gehandelt werden. Um quasi diese Scharte auszubügeln, ließ ich die Apparatur schnell noch 2-3 mal nach oben fahren, links und rechts von der kahlen Stelle, um einen gekonnten Übergang zur Seite und nach oben zu schaffen. Auch das half nicht viel, und wie bei einer Brandrodung im Dschungel wurde das freie Gelände im größer und auffälliger. Jetzt wurde mir die Verursachermaschine von meiner Frau aus der Hand genommen und ich wurde aus dem Bad verbannt, während der Rest der Familie noch versuchte, das Beste aus dieser Naturkatastrophe zu machen. Das war sehr schwierig. Der Grund für meinen misslungenen Schnitt war der Wirbel, an dessen hartem Rand mein durchaus gekonnt geführter Schnitt unweigerlich abrutschen musste. Nun gut; nach all den Bemühungen ist es dann doch noch ein moderner sehr kurzer Kurzhaarschnitt geworden der den Haarschnitten der Vergangenheit wahrscheinlich um nicht viel nachsteht.

Meine gerade begonnene Familienkarriere als neuer Starfrisör wird wahrscheinlich schon ganz zu Beginn wieder beendet sein. Ich werde aber trotzdem weiter auf die Suche nach Übungsmöglichkeiten gehen, denn wie immer macht die Übung den Meister. Also wenn jemand die Haare geschnitten haben will?

Wenn du das Haareschneiden gern willst üben

Dann fang doch an bei deinen Lieben

fa20.10.21

Die Mitfahrgelegenheit ins Leben, Teil 2

Die Mitfahrgelegenheit ins Leben, Teil 2

Ich verabschiedete mich schnell von S., denn ich hatte das Gefühl meinen Kopf komplett neu sortieren zu müssen. Allerdings hatte ich sämtliche Kontaktadressen und Telefonnummern meiner Fahrerin bekommen, denn wir wollten zusammen die Berliner Kultur genießen. Da kannte ich mich wirklich aus, denn ich war schon seit Jahren in Berlin und kannte die Hotspots des kulturellen Lebens schon ein bisschen.

Untrennbar mit unserem Zusammentreffen ist der Blueskönig B.B.King verbunden, der am nächsten Abend in Berlin auftrat. Den wollte ich unbedingt sehen und dann am nächsten Tag in das Musical „Evita“ gehen. An diesen beiden Tagen haben wir uns noch verpasst und dem gefühlten harten Trennungsschmerz konnte ich nur mit harter Arbeit für meine Doktorarbeit begegnen. Aber dann war es soweit. Wir hatten uns zum Frühstück in meiner Wohnung verabredet. Ich hatte alles aufgeboten was mein karger Studentenkühlschrank zu bieten hatte, aber das Essen war wirklich egal. Es zählte nur das Dasein, das Licht war heller als sonst, das Zimmer war warm, überall schwebten weiche Wolken und der Leitfaden bestand darin, sich immer näher zu kommen, an nichts mehr Anderes zu denken. Es sonst nichts mehr auf der Welt was annähernd diese Wichtigkeit erreichte. Um Luft zu schnappen, gingen wir am Nachmittag auf einen Flohmarkt und verabredeten uns erneut für den nächsten Tag. Klar schien an diesem Tag die Sonne, es war warm und wir beschlossen, als sie am Abend zu mir kam, in den nahen Park zu gehen. Dort befindet sich auch ein Teich, durchaus morastig und mit einigen Pflanzen und für Enten sehr geeignet. Für uns aber bot sich die Möglichkeit, textilfrei eine kleine Abkühlung zu finden. Das war auch gut, denn nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen brannte die Luft und hinterließ einen versengten Geruch in dem kleinen Park. Man sagt, dass der erste innige Kuss das ganze Leben entscheiden kann, und so war es auch an diesem Tag. Ich bin jetzt nicht der großartige Schwimmer, aber jetzt schwamm ich wie wild und voll konzentriert mit kräftigen Zügen quer durch den kleinen Teich, froh über die willkommene Abkühlung. Bei einem kleinen Teich kreuzen sich irgendwann die Wege der Schwimmer und da nur der Kopf aus dem Wasser schaute, war ein Zusammenstoß in Lippenhöhe unvermeidlich. Und so küssten wir uns, mehr aus Zufall und doch mit einer zunehmend gierigen verschmelzenden Kraft inmitten von Morast und Seerosenblättern. Nun weiß ich eigentlich nicht mehr viel; führte dies schon zu unserer ersten Liebesnacht, oder war es der Tag danach. Mein Zimmer war klein und hatte einen Schreibtisch, eine Couch und darüber ein Hochbett, selbstgebaut mit einem andauernden, selbstgefälligen Knarzen. Der Weg über die Leiter nach oben war zu weit, so dass wir die Nacht auf dem Boden verbrachten. Was für ein Leben, dachte ich und war gezwungen genau darüber nachzudenken.

Wie sollte es weitergehen, jetzt da ich eingetaucht war in ein Meer von Empfindungen und mit einem Bauchgefühl, das vermuten ließ, dass Horden von Schmetterlingen mit den Flügeln gegen die Bauchwand schlugen. Ja, mein Weg war klar, ich wollte dies genauso, ich hatte darauf gewartet und ich war frei dafür und alt genug sowieso. Wir hatten noch einen weiteren Tag zusammen und sind dann am Abend zum Essen gegangen. Für mich lag das weitere Leben klar vor mir und so viel es mir nicht so schwer, mit Hilfe einer Pizza einzugestehen, dass es mich erwischt hatte und ich verliebt war. Es ging ungefähr so: „Ich glaube ich liebe dich, aber vielleicht ist es auch die Pizza“. Jetzt weiß ich nicht mehr welche Pizza ich gegessen hatte, aber mein Plan ist im Endeffekt aufgegangen, denn ich hatte ihr hier schon – wenn auch nur im Kopf – einen Heiratsantrag gemacht. Zunächst war noch eine Durststrecke zu überstehen, da S. wegen ihrer Semesterarbeit für 6 Wochen nach Venezuela gehen wollte. Diese Zeit der Trennung war mehr als hart, ich hatte das Gefühl emotional nicht zu überleben und es brauchte die massive Zuwendung meiner Lerngruppen, die meine emotionalen Capriolen hautnah mitbekamen. Aber Zeit geht vorbei und da sich nach ihrer Rückkehr an den beiderseitigen Gefühlen nichts geändert hatte, war es klar, dass wir zusammenbleiben wollten. Es war nur ungünstig, um direkt Nägel mit Köpfen zu machen, dass ich gerade eine Stelle als Arzt im Praktikum in einem Berliner Krankenhaus angefangen hatte. Um diese Stelle zu bekommen, hatte ich mehr als 50 Bewerbungen schreiben müssen. Ich glaube mein damaliger Chef hat es verstanden als ich sagte: „Ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt und ich muss hier wieder aufhören und wegziehen“. Ich bin dann zurück nach Unterfranken gezogen, wir waren räumlich näher beieinander und sahen uns sehr oft.

Nach einem Jahr haben wir uns verlobt und genau zwei Jahre nach unserem Kennenlernen habe ich Silvia und Sie mich geheiratet.

Ich finde diese Geschichte auch heute noch ganz besonders aufregend und bemerkenswert und freue mich immer, wenn ich an das sanfte Schlagen der Schmetterlingsflügel denke.

fa201015

Die Mitfahrgelegenheit, Teil 1

Die Mitfahrgelegenheit, Teil 1

Da stand Sie. Da stand Sie und lächelte mich an und sagte „Hallo“. Da stand Sie und lächelte und sah aus, wie wenn Sie einem Katalog entsprungen wäre, den ich selbst mit den schönsten Frauen der Welt zusammengestellt hatte. Lange Beine und blondes Haar. Nicht dass ich immer nur auf blondes Haar stehe, aber Sie war nun mal blond. Warum Sie die Frau von der 1. Seite sein musste, kann ich gar nicht sagen. Wahrscheinlich ist es genetisch fixiert, welche Frau man außerordentlich gut findet und wer einen so richtig umhaut und flasht. Das mit dem Umhauen ist fast wörtlich zu nehmen, denn in meinem Kopf und meinem Körper setzte sofort ein Gekräusel ein, unbeschreibbar, so ähnlich wie wenn der Kreislauf mal wieder eine wilde Achterbahn fährt. Ich hatte Mühe mich zu konzentrieren und wusste gleichzeitig, jetzt passiert gerade etwas Wichtiges und Entscheidendes für mein Leben. Ich musste mich zusammenreißen und krächzte sicherlich auch so etwas wie „Hallo“.

Was war passiert?

Ich hatte gerade kein Auto und nutzte die Mitfahrgelegenheit, um wieder an meinen Studienort nach Berlin zu kommen. Ich hatte in Würzburg bei der Mitfahrzentrale angerufen und eine Telefonnummer erhalten, diese Nummer angerufen und diesen Treffpunkt zum Einsteigen erhalten. Ich hatte also schon mit Ihr telefoniert und wahrscheinlich hatte mich auch die Stimme schon so elektrisiert, dass ich sofort in eine Art Ekstase verfiel, als ich auf einmal vor Ihr stand. Ungünstigerweise hatte ich an diesem Tag starke Rückenschmerzen, aber hatte dafür meine besten Klamotten an: Sandalen, eine selbstgebatikte Hose und ein ebensolches T-Shirt an. Eine runde Brille vervollständigte den Aspekt eines revolutionären Freigeistes, der aber gerade seinen Verstand zu verlieren begann. Ein weiterer Mitfahrer hatte sich eingefunden und so ging die Fahrt los. Der weitere Mitfahrer fungierte als Beifahrer und ich hatte auf dem Rücksitz Platz genommen. Hier konnte ich mich auch mal strecken und hinlegen, um meinen Rücken zu entspannen. Und los ging die Fahrt. Die Entspannung für meinen Rücken blieb erst einmal aus, denn gerade hinten im Auto war ich den Schlägen der Straße, die wegen der kaputten Stoßdämpfer nicht abgefangen wurden, gnadenlos ausgesetzt. Aber ich hatte ja den Blick nach vorne und konnte, durchaus in Ruhe, meine Fahrerin im Profil betrachten. Was für feingeschwungene Gesichtszüge, links und rechts eingerahmt mit goldenem Engelshaar, zeigten sich mir.

Auch damals wollte Sie schon alles besser wissen, auch den Weg nach Berlin, obwohl Sie noch nie selbst mit dem Auto dorthin gefahren war, ich jedoch schon gefühlte hundert Mal. Es war ihre erste Fahrt mit ihrem ersten Auto, und diese Fahrt sollte nach Berlin führen. Nachdem wir uns auf meinen Weg geeinigt hatten, entspann sich doch ein zunehmend feines und tiefes Gespräch über das Leben, über die Art zu leben und über die Art des Zusammenlebens. Der arme Beifahrer versuchte immer wieder in das Gespräch einzugreifen, merkte jedoch sehr schnell, dass sich zwischen Fahrerinnensitz und Rückbank ein feines Netz des gegenseitigen Verstehens zu bilden begann, welches mit jedem Kilometer stärker wurde. An der Grenze in Hof angekommen, wurde eine kleine Rast eingelegt und ich wurde von meiner Fahrerin zu einem Getränk eingeladen. Zum ersten Mal waren wir beide allein in einer Raststätte, ich konnte Sie wieder betrachten und mit ihr reden. Was für ein Genuss. Offensichtlich hatte der Beifahrer schon etwas bemerkt, denn er bot sich an, die weitere Strecke zu fahren, und so konnte Sie auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Die weitere Fahrt gestaltete sich so: Der Fahrer fuhr zwar, hatte aber seinen Kopf meist zur Beifahrerseite gedreht, wobei er anhimmelnde Blicke nicht auf die Straße, sondern zur Beifahrerin warf, was manchmal etwas gefährlich war. Die Beifahrerin hatte ihre Sitzposition so gewählt, dass sie bequem zu mir nach hinten reden konnte und ich hatte überhaupt keine Rückenschmerzen mehr und konzentrierte mich auf die Beifahrerin. Oh, wie schnell ging die Zeit vorbei, war aber ausreichend bemessen, um ein fast klares Bild jeweils von der Gegenseite zu bekommen: Wie ticke ich, was habe ich für berufliche Pläne, was will ich erreichen, welche Familienplanung würde anstehen, sollte sich ein/e Partner/in finden. Wir waren beide gerade am Endpunkt einer Trennungsphase, hatten also auch durchaus ähnliche Startbedingungen. Auch wenn wir ganz allgemein redeten, hatte ich doch das Gefühl als wenn wir schon über unser zukünftiges, gemeinsames Leben reden würden; als würden wir die Weichen dafür stellen. Meinem Gefühl nach wurde in den drei Stunden Fahrt durch die Ostzone die Richtung für uns schon gestellt, erhielt aber einen kleinen Dämpfer, da der Fahrer, als Belohnung für seine Fahrt, und da er sich wahrscheinlich für unwiderstehlich hielt, beim Abschied noch intensiv geküsst werden wollte. Zudem war diese Fahrt, als ich meine Fahrerin bezahlte, die teuerste Fahrt, die ich jemals nach Berlin unternommen hatte. Ich selbst hatte für diese Strecke immer nur 7 oder 8 Mark verlangt. Gut, ich hatte auch nur eine Ente, aber die 30 Mark jetzt waren doch sehr viel.

Aber wie sich herausstellen sollte, war dieses Geld für mein Leben und das gemeinsame Leben für mich und meine zukünftige Frau sehr wenig, bzw. sehr gut angelegt.

Und wie ging es weiter????

fa201013

Mit dem wollte ich nie mehr sprechen

Mit dem wollte ich nie mehr sprechen

Feindbilder hat jeder Mensch und das ist gut so. Auf seine Feindbilder kann man alles projizieren, was man an charakterlichen Schwächen an anderen Menschen erkennt und man kann sich dadurch viel besser fühlen. Deshalb hält sich jeder seine Feindbilder und manche bleiben es ein Leben lang. Feindbilder sind in der Regel andere Menschen, nicht unbedingt Politiker oder andere bekannte Persönlichkeiten. Nein, deine Feindbilder sind viel näher, es kann der Nachbar, kann jemand aus dem Verein oder sonst jemand im Dorf sein. Manche Menschen wissen gar nicht, dass sie deine Feindbilder sind. Auch ich habe solche Feinde. Sie befinden sich in meinem Kopf, leben aber in der Realität. Schon oft habe ich mit ihnen auf dem Schlachtfeld gekämpft und natürlich, weil es ja mein Schlachtfeld ist, auch gewonnen. Ach, wie herrlich, wenn man immer gewinnen kann. Mir ist aber bewusst, dass ich diese Funktion auch für Andere habe. Bei mindestens Zweien weiß ich es ganz genau; mit ihnen teile ich eine gegenseitige heftige Abneigung, will heißen, wir kennen uns. Auch wenn die Welt groß ist, so kreuzen sich manchmal die Bahnen der Krieger wieder miteinander. Mit dem einen hatte ich früher mal einen Faustkampf, kurz und heftig.  Das Resultat waren heftige Kopfschmerzen bei mir und bei ihm irgendwo im Gesicht mindestens ein Faustabdruck. Danach ging man sich in weitem Bogen aus dem Weg und verschob den weiter bestehenden inneren Konflikt in die Feindbildschublade.

Nun wurde mir mal ein Projekt von einem Freund angeboten, bei dem ich hätte mitarbeiten sollen, und er wüsste noch einen super Typen, der genau dazu passen würde. Zur Erstbesprechung sollten wir uns am Nachmittag in seiner Praxis treffen. Ja und da saß er nun, etwas älter geworden, aber er entsprach noch immer dem inneren Bild, das bei mir sofort sämtliche Kampfhormone aktivierte. Zum Glück war ich inzwischen schon weit sozialisiert und so blieb der Computer auf dem Tisch und wurde nicht zum Wurfgeschoss und meine Fäuste, die sich schon wieder geballt hatten, konnte ich durch tiefes Bauchatmen – wie in einer Yogaübung – wieder entspannen. Schnell hatte ich, nach einigen sprachlosen Sekunden, eine Ausrede gefunden und verließ den Raum, der viel zu klein geworden war. Direkt neben dem Ausgang stand sein Auto. Es musste es sein, den die Buchstaben des Nummernschildes an dem Porsche entsprachen exakt den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens. Den Impuls, mit meinem Schlüssel eine kreischende kratzende Spur unauffällig quer über beide Seitentüren zu ziehen, beließ ich als Impuls und versteckte alle sonstigen mörderischen Gedanken wieder in der Schublade. Der Tag wird kommen.

Gerade erst neulich ist es wieder passiert. Und Schuld ist diesmal die Gesichtsmaske, quasi die Burka des kleinen Mannes. Man erkennt die Menschen nicht sofort und man muss oft mehrere Blicke und Überlegungen investieren, um auf die Person und auf den Namen zu kommen. Ich gehe also vom Parkplatz in den Edeka hinein, als mir eine männliche Person mit Miniburka begegnet. Ein gegenseitiges Zunicken, könnte ja sein, dass es ein Bekannter ist, und dann, nach einigen Millisekunden, die wie eine Sturzflut einsetzende Erkenntnis: Das war er doch! Nicht derselbe wie oben, aber auch einer, mit dem ich nie mehr was zu tun haben, geschweige denn reden wollte. Offensichtlich haben wir die gleiche Reaktionszeit, denn ich sah es in seinen Augen, genauso wie es bei mir zu sehen gewesen sein musste. Eine unmerkliche konzentrative Verengung der Pupillen, bei gleichzeitiger Hebung der Augenbrauen als Ausdruck des Erkennens. Wie gesagt, nur ein Augenblick, denn schon war man aneinander vorbeigegangen, hatte den Blick wieder verloren und konnte wieder beginnen, den auch schlagartig erhöhten Puls wieder zu beruhigen. Als ob ich es nötig hätte, mich über sowas aufzuregen, aber es passiert halt und gleichzeitig merkte ich, dass sich über die Jahre mein Kampfeswillen abgeschwächt hatte. Liegt es am Alter oder an der Dauer des Konfliktes, der sich irgendwann wieder beruhigt? Egal, sicherheitshalber drehte ich mich noch einmal um und, so ein Mist, auch er hatte sich nochmal umgedreht und wieder trafen sich unsere Blicke, diesmal ein bisschen, sagen wir mit einer Art belustigten und ein kleinwenig peinlichen Freundlichkeit.

Vielleicht schafft uns ja die Maske den kleinen Spielraum, den wir im Kopf brauchen, um erst einmal zu sortieren und zu bewerten und um nicht gleich in Kampfposition zu gehen. So sollten wir es im Leben doch immer machen.

Also ein weiterer Vorteil eine Maske zu tragen!

Sie kann dich vor Feinden und vor Viren schützen!

fa201003

Frauen sind eigentlich wunderbar

Frauen sind eigentlich wunderbar

Die Frauen zu verstehen ist für die Männerwelt wirklich nicht so einfach. Frauen haben so viele Seiten, zu denen wir keinen Zugang haben, und je mehr wir das versuchen, umso mehr werden wir scheitern. Dies alles zu beschreiben ist nicht so einfach. Es liegt nicht nur daran, dass der Chromosomensatz der Frau, im Gegensatz zum Mann, aus zwei X-Chromosomen besteht. Nein, es gibt eine riesige Bandbreite an Unterschieden, woran Männer einfach manchmal verzweifeln, weil kognitives Verstehen nicht möglich ist. Ich habe mir heute mal exemplarisch zwei Felder herausgegriffen: Das Essen und das Einkaufen.

Also gehe mal mit deiner Frau einkaufen. Die Meine hat dazu meist gar nicht so viel Lust, es ist alles zu viel und „eigentlich“ braucht sie ja nichts. Jetzt müsste man definieren was das Wort „eigentlich“ bedeutet. Das Wort „eigentlich“ verstärkt laut Duden im Satz eine Bemerkung oder hebt sie etwas hervor. Wenn sie also sagt: „Eigentlich“ brauche ich nichts, bleibt im Endeffekt übrig: „Eigentlich“ brauche ich!!

Diese Woche habe ich meine Frau mit zum Shoppen in ein Kleidergeschäft genommen. Für eine Einladung zur Hochzeit wollte ich mir ein neues Sakko kaufen, da Corona meine bisher getragenen untersetzten Größen quasi torpediert hat. Es musste also zwingend etwas Neues angeschafft werden. Ich konnte meine Frau, nachdem sie ihren Vortrag über die Vorteile der Gewichtsabnahme beendet hatte, und ich ihr klargenmacht hatte, dass eine notwendige Gewichtsabnahme in den 14 Tagen bis zur Hochzeit nicht funktionieren würde, überreden, mit in die Stadt zu fahren. Aber sie brauche ja nichts. Im Geschäft war ein Sakko für mich sehr schnell gefunden, dazu noch ein Hemd und somit war ich schon fast wieder für die Heimfahrt fertig. Ich war noch am Anziehen, als meine Frau plötzlich mit verschiedenen Blusen, Jacken und Hosen neben mir in der Kabine erschien. Ja, die Teile würden ja doch ganz toll ausschauen, sie würde sie nur mal kurz anprobieren. Von den 8 verschiedenen Kleidungsstücken haben 7 auf Anhieb gepasst, nur die Winterjacke sollte ich noch schnell eine Nummer größer holen. Der zeitliche Aufwand hielt sich wider Erwarten in Grenzen, aber der Preis war sehr hoch. Dafür, dass sie auch diesmal nichts brauchte, hatte sie das Vierfache mehr an Kosten als ich, und ich hatte wirklich was gebraucht. Nachdem wir bezahlt hatten, und aus dem Geschäft gegangen waren, wollte ich gerade einsteigen, als ihr Blick auf das danebenliegende Schuhgeschäft fiel. Sie wolle nur mal schnell gucken, weil „eigentlich“ brauche sie nichts an Schuhen (Ich weiß genau, dass mehrere Reihen ähnlich aussehender Ballerinas unseren Hausgang zieren). Mein schwacher Einwand, sie habe doch genügend Schuhe, schien sie, wie bei Gedankenübertragung, direkt zu den Ballerinas zu führen und zielsicher griff sie sich eines der teureren Modelle. Pro forma wurde ich gefragt, ob die nicht sehr schön seien, und ich musste dies mit leichtem Nicken bestätigen. Kein Mann hätte in dieser Situation nicht genickt. Dafür, dass sie „eigentlich“ nichts brauchte, hatte sie wirklich stark zugeschlagen.

Das Essen ist ein weiteres schönes Beispiel, aber da hat sich meine Frau stark gebessert, da sie weiß, dass ich aufgrund meiner Sozialisation im Internat sehr futterneidisch bin. „Eigentlich“ habe sie ja keinen Hunger, aber wenn ich was essen wolle, würde sie mitgehen und nur was Trinken. Beim Bestellen war sie noch hart geblieben, hatte die Lende, die Steaks, den Sauerbraten und das Hochzeitsessen abgelehnt und nur einen Wein bestellt. Meine Wahl fiel auf das Strindberg Steak mit einem Salat. Zunächst kam dann der Salat, den ich aber zu dem Steak essen wollte. Ob sie mal den Salat probieren dürfe? Ja klar, so schlimm bin ich auch nicht. Scheinbar ohne es zu merken, verschwand während unseres Gespräches Gabel um Gabel des Salates in ihrem Mund und der Teller wurde immer leerer. Ich dagegen wurde innerlich immer unruhiger, denn ich wusste genau, an welcher Stelle im Magen ich den Salat platzieren wollte. Unmerklich verschob ich den Teller langsam auf die andere Seite, so als ob ich Platz für den Hauptgang machen würde, und so konnte ich den halben Salat noch für mich retten. Der Salat schien ihr Appetit zu machen, denn kaum war der Hauptgang aufgetragen, wollte sie schon wieder nur mal probieren.

„Dann bestell dir doch noch was !!“ Das dachte ich nur, denn ich wollte unsere harmonische Stimmung nicht verderben. Ein normales Steak hat nun mal nur ein Standardgewicht von ungefähr 200 Gramm. Wenn man jemanden 2-3 mal probieren lässt (a´ 50 Gramm), fällt das prozentual schon sehr ins Gewicht und vor allem hat man das Gefühl von den übrig gebliebenen gefühlten 50 Gramm nicht mehr so richtig satt zu werden.

„Hat es dir geschmeckt?“ fragte sie. „Ja, natürlich, aber ich bin fast noch ein bisschen hungrig“. Das war nur ein unbeholfener und hilfloser Einwand von mir, denn sofort folgte die weibliche logische Erklärung: „Ach was, von so einem großen Steak muss man doch satt werden. Denk doch nur an deine Sakkos, die im Schrank hängen“. Damit war das Thema erledigt. Aber hätte sie sich nicht was bestellen können?

Auf dem Heimweg fand meine Frau, dass der Abend eigentlich sehr schön gewesen sei, sie sei so froh mal gar nichts bestellt zu haben, und ob wir vielleicht im Anschluss noch ein bisschen auf der Couch….???

Ich sagte: „Eigentlich“ sei ich ja noch hungrig, und müsse zu Hause auf jeden Fall noch einen kleinen Happen vernaschen.

„Oh ja“, sagt sie, und ich konnte ihre Gedanken lesen und das was sie eigentlich wieder verstanden hatte: „Eigentlich ja auf jeden Fall vernaschen“. Ob das Augenblinkern nicht doch vom Hunger kommt?

Frauen zu verstehen ist auch nach gemeinsamen Jahrzehnten nicht so leicht.

fa080920