Warum denkst du nur so verquert?

Warum denkst du nur so verquert?

In der letzten Zeit habe ich mich beruflich viel mit Corona, mit Pandemie und den Folgen davon beschäftigt. In der letzten Zeit habe ich mich privat auch viel mit den Auswirkungen der Pandemie in meinem privaten Umfeld beschäftigt und die folgende Tatsache ist kein Einzelfall geblieben. Es gibt Menschen um mich herum, Menschen mit denen ich zu tun habe, Menschen die gerade so verzweifelt sind, dass sie das Rechtssystem „Deutschland“ und den gesunden Menschenverstand der Regierung und der Wissenschaftler in Frage stellen und einfach glauben, sie alleine hätten, in den meisten Fällen aus dem Internet, die Erleuchtung bekommen. Diese Erleuchtung stamme von irgendwelchen Menschen, die die Wahrheit erkannt hätten und auch sie würden jetzt, im Gegensatz zu dem Rest der Menschen die Wahrheit erkennen. Diese „erleuchteten Gurus“ im Internet sind in der Regel nicht sehr bekannt, wissenschaftlich überhaupt, oder nicht mehr anerkannt. Sie führen teilweise auch akademische Titel und, während der Rest der Welt in einem Chaos von Intrigen und Lügen verstrickt ist, das Ganze nicht begreift und unweigerlich untergeht, wissen sie genau wie der richtige Weg aussieht.

Seit Corona hat sich dieses verschwörerische Denken massiv verstärkt. Insgesamt beobachte ich 7 Personen aus meinem Umfeld: wie sie sich erst in diese Theorien verstricken und dann so langsam, wie in einem Gehirnwäscheprozess, langsam die Kontrolle über ihr Leben verlieren, gegen alles oder jeden angehen und, da sie die Wahrheit kennen, sich einer Elite zugehörig fühlen, welche weit über dem Rest der Menschen steht. Das geht so weit, dass die Ersparnisse von der Bank geholt werden, um gegen den drohenden weltweiten Crash gewappnet zu sein und das eigene Denken nur noch, wie bei einer hochpsychotischen Person, um das Verschwörungsthema kreist und nicht mehr abgestellt werden kann. Ich versuche zu ergründen, welche psychopathologische Struktur gegeben sein muss, um sich dermaßen auffällig zu verhalten. Das Internet und meine psychotherapeutische Bibliothek geben dazu nicht viel her und so muss ich auf die Suche gehen, um diese psychopathologische Seite zu ergründen.

Die Beschreibung dieser 7 Personen in ihrem sozialen Umfeld gibt jedoch schon einige Hinweise auf gemeinsame Sonderbarkeiten, mit dem man möglicherweise die Herkunft deren Gedanken erklären kann.

Person 1 ist wegen einer Erkrankung sehr früh berentet und bezieht seine Rente genau von dem Staat, den er angreift und dessen Autorität er in Frage stellt. Er ist ein Einzelgänger, fühlt sich nach meinem Empfinden vernachlässigt und nicht wahrgenommen und er habe schon immer die Wahrheit gesagt. Er sei sehr beliebt gewesen, aber durch seine Arbeit habe er sich die Krankheit erworben, die zu seiner Berentung geführt habe.

Person 2 hätte, das merkt man, sehr gerne studiert, dies aber nicht gemacht.  Es wurden gewisse Spezialisierungen erworben, wodurch sich diese Person auch auszeichnet. Person 2 ist jedoch nicht gruppentauglich, da sie alle Gruppen, trotzt ihres Könnens wieder verlassen musste, da sie sich einfach nicht eingliedern kann.

Person 3 hat studiert, hat auch in dem Fach gearbeitet, aber, so glaube ich, an der Arbeit bislang keine Erfüllung und Zufriedenheit gefunden. Auf ein berufliches Weiterkommen hat die Person jedoch keinen Fokus gelegt und wirft deshalb denjenigen, die beruflich etwas erreicht haben, vor, zum Establishment zu gehören.

Person 4 hat auch studiert, hat aber in dem Studiengang keinen Fuß gefasst und ist deshalb frustriert. Es besteht eine große Angst vor der Zukunft.

Person 5 arbeitet in einem Beruf, ist aber sonst total außerhalb der Gesellschaft, geht, auch schon vor Corona, nicht aus dem Haus, ist keiner sozialen Gruppe zugehörig. Das Leben besteht aus vielen Eingrenzungen und damit aus vielen nicht erfüllten Erwartung, gleichzeitig besteht auch massive Angst und Geldsorgen vor der Zukunft.

Person 6 war schon immer anders, hat schon immer auch persönliche medizinische Probleme mit ihrem eigenen Weltbild gesehen und dann behandeln lassen. Auch diese Person ist sozial nicht integriert, geht nicht aus dem Haus, ist keinem Verein zugehörig und lernt und verbreitet auch die Lehren von QAnon und anderen obskuren Vereinigungen.

Alle diese Personen versuchen, sobald das Gespräch darauf kommt, sofort mit schon längst widerlegten Fakten die Ernsthaftigkeit der Situation darzustellen, möchten dich überzeugen dass ihre Thesen doch der Wahrheit entsprechen, verstehen das Unverständnis des Gegenüber nicht, obwohl dieser doch studiert habe und die Wahrheit erkennen müsse und ordnen jeden Andersmeinigen der Schlafherde zu, denen noch die Augen aufgehen werden, wenn erst einmal passiert, was noch kommen wird.

Person 7 habe ich aus den Augen verloren. Sie hatte alle ihre Kontakte in eine WhatsApp-Gruppe gesammelt und ihre Lehren verbreitet. Sie hatte einen riesigen Shitstorm erlebt und ist untergetaucht. Danach wären schon seit Mai alle Banken geschlossen, das Militär hätte die Macht übernommen und unser Geld wäre nichts mehr wert. Zum Glück ist es ja anders gekommen. Ich glaube nicht, dass sich ihre Denkweise seitdem verändert hat, obwohl nichts von dem passiert ist, was sie vorausgesagt hatte.

Im April dieses Jahres hatte ich schon einmal einen Artikel über Verschwörungstheorien geschrieben und diesen Artikel jetzt noch einmal, da ich mehrere solcher Personen kenne, überprüft. Ja, es gibt Gemeinsamkeiten, die ich bei den oben aufgezählten Personen erkenne. Diese Gemeinsamkeiten fallen mir auf, sind jedoch in keiner Weise statistisch signifikant. Obwohl ich diese Personen nicht negativ sehe, sondern in ihren Eigenheiten sogar mag, hat sich der private Kontakt durch die gegensätzlichen Meinungen deutlich verringert oder ist ganz abgebrochen.

Ich glaube, dass diese Personen eher am Rande der Gesellschaft stehen. Sie fühlen sich nicht integriert, ihre Ideen werden nicht wahrgenommen oder abgelehnt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die den „Durchblick“ hat, schafft ein starkes „Wir-Gefühl“ auf der einen Seite und eine komplexe Ablehnung der anderen Seite („Ihr seid ja nur Schafe, die alles abnicken“). Es gibt in der Literatur bei einigen Autoren eine Korrelation der Anhänger dieser Theorien zu einem geringen Selbstwertgefühl. Gerade in Zeiten der Unsicherheiten wie jetzt wendet man sich einer elitären Randgruppe mit Spezialwissen zu, um wieder das Gefühl zu haben, die Situation kontrollieren zu können und den Selbstwert zu stärken. Es besteht ein Zusammenhang im Verhalten von Verschwörungstheoretikern und Merkmalen wie sie bei Persönlichkeitsstörungen zu finden sind, z.b. Angst und eine Art wahnhaftes Verhalten (die ganze Welt wird zusammenbrechen). Einfache Erklärungen für Katastrophen, wie die Pandemie, werden nicht akzeptiert, mögen sie noch so wissenschaftlich fundiert sein. Lieber wird an eine Verschwörung der Mächtigen der Welt oder zumindest der Pharmaindustrie geglaubt, die sich jetzt durch den Impfstoff weiter bereichern. Eigen ist allen diesen Personen auch, dass es kein überzeugendes, nicht mal wissenschaftliches Argument für sie gibt, obwohl sie keinen schlüssigen Beweis für ihre eigenen Behauptungen haben. Es besteht einerseits eine Mischung aus Misstrauen gegenüber den Behörden mit dem Gefühl, keine Kontrolle über sein Leben zu haben und andererseits Unzufriedenheit mit dem Leben an sich, was vor allem bei Randgruppen häufig zu finden ist. Die gesamte Welt wird als bedrohlich und angstmachend erlebt und so ist das Verhalten eine Art Sinnsuche in dieser chaotischen Welt. Die Behauptung, dass Menschen mit geringem Bildungsgrad anfälliger für solche Theorien sind, kann ich nicht bestätigen. Es sind eher Menschen, denen ein gesellschaftlicher Aufstieg fehlt oder die die Befürchtung haben, durch das akute Erleben weiter abzusteigen.

Ich glaube, dass existenzielle Angst ein Persönlichkeitsmerkmal dieser Menschen ist. Es geht um Unsicherheit, Befürchtungen und Zukunftssorgen. Um diese Ängste einzuordnen, sucht man nach Erklärungen und landet bei den Verschwörungstheorien, verbunden mit der Sehnsucht, durch die Verfolgung dieser Theorien die Ängste zu bewältigen. Dies gelingt natürlich nicht, so dass immer neue Theorien die Macht über diese Menschen erlangen.

Die Phänomene „Soziale Ansteckung“, „Gruppenzugehörigkeitsstreben“ und „Minderheiteneffekt“ sind bekannte sozialpsychologische Effekte. Es bietet immer Sicherheit, zu einer solchen Gruppe zu gehören; vor allem geheimnisvolle Gruppen mit Spezialwissen sind sehr attraktiv, gerade für Menschen mit Zugehörigkeitswünschen.

Es wird auch ein Leben nach der Pandemie zu führen sein und für alle gilt: Es muss einen Weg von der Ablehnung über die konstruktive Diskussion bis zur möglichen Akzeptanz der anderen Meinung geben. Die Verzeihung wird eine große Rolle spielen.

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