In Nomine Patris – 4

In Nomine Patris – Die Geschichte eines Klosterschülers

4. Freizeit

Die Freizeit war natürlich ganz wichtig. Wir durften machen was wir wollten, deshalb wurde, vor allem in der 1. Pause nach dem Mittagessen, Fußball gespielt. Der harte Teerplatz im Klosterhof forderte fast jeden Tag seine Opfer und fast jeder, der dort spielte, hat irgendwann einen Teil seiner Haut dort gelassen. Wir hatten daneben auch ein Basketballfeld, doch dieses stand nicht so im Fokus. War es im Sommer warm genug, durften wir in das Semi-Schwimmbad gehen; natürlich nur zu einer Zeit, in er die Semis nicht dort waren. Das war ein Schwimmbad, so wie man es sich vorstellt. Viereckig, von vorne nach hinten schräg abfallend und es hatte zwei verschiedene Aggregatszustände: Sauber und eiskalt oder warm und undurchsichtig algengrünbraun. Am Boden war ein Einlass, dort kam frisches Quellwasser herein und es dauerte ein paar Tage, um das gesamte Becken zu füllen. War es dann nicht mehr tragbar braun, wurde es wieder abgelassen oder abgepumpt. Es gab dort Umkleidekabinen und ein Sprungbrett und natürlich hatten wir sehr viel Spaß. In diesem Wasser habe ich auch mein Seepferdchen gemacht. Schwimmen war nie meine Leidenschaft und um diesen Freischwimmerschein zu machen, habe ich ein bisschen gemogelt. Und vielleicht deshalb bin ich bis heute kein guter Schwimmer geworden.

Vor allem musikalisch wurde sehr viel geboten. Viele von uns spielten oder lernten Instrumente. Es gab 2 Flügel, etwa 6 Klaviere, Instrumente für eine komplette Blaskapelle, Instrumente für klassisches Orchester und auch einige Instrumente für die verschiedenen Rockbands, die sich damals gebildet hatten. Mitglieder der „Voice“ und deren Vorgängergruppe „The Romans“ haben hier ihre ersten Versuche gemacht. Auch „The 14th Orange Tour“, die „Tasty Onions“ und die „Onions“ hat man noch in Erinnerung; auch „Magic Power“ vom Semi war bekannt. Mit diesem musikalischen background konnte man auch die damalige Hippiezeit etwas ausleben. Wir hatten ja durch die Bank alle lange Haare, so wie das zeitgemäß war. Ich selbst hatte eine Geige vom Kloster bekommen, spielte im Schulorchester und hatte einmal in der Woche am Nachmittag Unterricht im Gymnasium. Später durfte ich in den kleinen Übungszimmern meine ersten Versuche mit dem Akkordeon starten. Es war das einzige Akkordeon im Kloster und ich hatte es mir selbst verdient, indem ich die gesamten Sommerferien, vom ersten bis zum letzten Tag auf dem Bau als Handlanger gearbeitet habe. Es hat zwei große Sommerferien gebraucht, um ein Akkordeon zu bekommen. Ich habe die kleinen Musikzimmer im Nebenbau gemocht. Man konnte hier auch mal alleine sein.

So eine Klasse wie wir sie hatten, war auch ein Pool von neuen Ideen und Meinungen. Unter der Regie von A.R. entstanden verschiedene Theaterstücke, die wir auch dann den gesamten Klosterbewohnern präsentieren konnten. Hierzu hatten wir die gut ausgestattete Kleiderkammer und natürlich die große Bühne im Speisesaal. Begleitet wurden die Stücke oft von unserer klasseneigenen Band, den „Los Krawallos“. Auch mit dieser Band spielten wir außerhalb des Klosters, z.B. Sommerfest in Münnerstadt und immer noch legendär: den Faschingstanz in Machtilshausen. Legendär auch deswegen, weil unser Schlagzeuger hier zum ersten Mal seine spätere Frau mitbrachte und wir alle ganz gespannt beobachteten, wie sie mir ihren langen Beinen und dem Minirock aus dem Auto stieg. Die Bassgitarre, die ich damals in Kleinwenkheim im Musikgeschäft erstanden hatte, habe ich heute noch. Sie hatte schon beim Kauf einen kleinen Riss im Hals, so dass man sie nie richtig stimmen konnte; aber weil die anderen auch nie richtig spielten, hat es auch wieder gepasst.

Etwas ernster ging es in den abendlichen Gruppenstunden zu. Diese wurden von einem älteren Schüler geleitet, oder auch von einem jungen Präfekten. Hier wurde gebastelt und diskutiert, durchaus auch über ernstere Themen. Später wurden diese Gruppen in die Bar verlegt, die wir im Keller des neuen Hauses eingerichtet hatten. Hier konnte dann auch mal ein Bier getrunken und es konnte richtig gefeiert werden.

Als wir älter waren und auch mal Ausgang hatten, sind wir oft – an den Schienen der Bahn entlang – zur Talkirche gelaufen, haben dort ein Lagerfeuer gemacht, gesungen, gegessen und getrunken und sind auch zum Abschluss von Wandertagen hier gewesen. Natürlich hatten wir hier auch manchmal Mädchen eingeladen, zusätzlich zu den Mädchen, die in unserer Klasse waren. Durch uns Klösterer hatten wir in unserer Jahrgangsstufe einen Männerüberschuss und so ist es nicht ausgeblieben, dass wir Jungs abwechselnd in alle unsere Mädchen mindestens einmal verliebt waren. Die Talkirche war ein magischer Ort und ich bin mir sicher, dass jeder Klösterer mit seiner späteren Frau einmal dort gewesen ist, um von den schönen Stimmungen und von den vielen Feiern hier zu berichten. Gefeiert haben wir häufig. Ich erinnere mich gerne an unsere alte Turnhalle im Kloster. Wir hatten sie einmal mit Matratzen ausgelegt und viele Mädchen, auch aus Bad Kissingen, eingeladen. Natürlich gehe ich hier nicht ins Detail, aber es war berauschend. Es gab hier auch Verletzungen. Einmal habe ich ein Mädchen geküsst bis mir schwindlig wurde. Dabei bin ich während des Küssens mit dem Kopf an die Wand gestoßen und habe ihr, Zahn an Zahn, einen ihrer Schneidezähne abgebrochen. Sie hat mir das nie verziehen und ich weiß heute nicht mehr ihren Namen. Jedes Mal, wenn ich später nach Münnerstadt kam, habe ich nach einer Frau mit abgebrochenem Zahn Ausschau gehalten.

In guter Erinnerung ist mir auch noch das Zeltlager in der Fränkischen Schweiz. Die gesamte Klasse kam mit. Wir hatten Großraumzelte, sind am Morgen an den Fluss zum Waschen, haben zusammen gekocht und Spiele veranstaltet. In der Nacht gab es Mutproben. Man musste einen Staffelstab den Berg hoch an die kleine Kapelle legen und der nächste musste den Stab dann holen. Es war dann gruselig, wenn plötzlich, wie von Geisterhand, die Glocken anfingen zu läuten. Aber es war sehr schön, dort in der Natur zu zelten.

Ab einem gewissen Alter konnten wir auch, ohne dass wir was Dringendes einkaufen mussten, in die Stadt gehen. So konnte man sich auch mal mit jemandem im Café treffen oder auch mal abends in die Kneipe gehen. Man musste sich nur abmelden und möglichst rechtzeitig wieder zu Hause sein. Manchmal haben wir im Studiersaal im Erdgeschoss ein Fenster offengelassen, um dann doch noch ins Haus kommen zu können. Hatte man zu viel getrunken, ist man nicht mehr durch dieses Notfallfenster gekommen, denn es war etwa 2 Meter hoch. So musste man den schweren Gang antreten und an der Türe läuten, damit der Pater uns eingelassen hat. Aber auch das gehörte dazu und war auch ok, wenn es nicht überhandnahm.

Fao210905

Ein Kommentar zu „In Nomine Patris – 4

  1. Danke für die interssante Geschichte.Die Freizeitmöglichkeiten waren ja sehr vielseitig.Es zeigen sich heute die
    Wirkungen dieser Aktivitäten,was ich sehr gut finde.

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