Ich werde Profi

Ich werde Profi

Oh, endlich hab´ ich es kapiert und weiß was ich will. Seit Jahren spiele ich Akkordeon, kann eigentlich viele Lieder einfach so dahinträllern und vor allem andere Musiker begleiten. Aber ich habe keine ausgefeilte Technik, weil ich nie Unterricht hatte und jahrelang auch gar nicht mehr gespielt habe. Jetzt aber in Zeiten von Corona, gibt es ein Überangebot an Freizeit und ich spiele und übe mehr als früher. Dabei schaue ich auch viele Videos auf YouTube an, in der Hoffnung, hier etwas Neues zu lernen. Und das ist wirklich Wahnsinn. Es gibt so viele sehr gute Musiker, die die Töne einfach in den Fingern haben und mit einer Leichtigkeit spielen, dass man meint, sie wären damit geboren. Sie stehen mit einer ausgesprochenen Selbstsicherheit auf der Bühne und zeigen, was sie gelernt haben, ohne nervös zu sein. Sie wissen einfach um ihr Können. Mir ist klar, da gehört auch viel Übung dazu. Aber es desillusioniert mich manchmal, diesen Künstlern zuzuschauen, gleichzeitig motiviert es mich, viel zu üben.

Und in der Tat habe ich jetzt beschlossen, Akkordeonprofi zu werden. Ein bisschen Talent braucht man vielleicht, aber vor allen Dingen ist es das Üben, manchmal das sture Üben, auch wenn man gerade gar keine Lust hat. Und üben kann ich, tagelang und wochenlang und ich merke richtig, wie meine Finger geschmeidig werden. In meinem fortgeschrittenen Alter brauche ich sicher Jahre, um ein Profi zu werden; ich veranschlage mal locker 25 Jahre. Aber dann bin ich wirklich Profi und beginne ein Profileben. Dieser Zeitraum von 25 Jahren ist übersichtlich, wird aber gebraucht, denn man lernt nicht mehr so schnell und die Gelenke werden auch immer älter. Ich bin nur vorher nicht auf diesen Trichter gekommen, weil ich einfach keine Zeit dazu hatte. Anders als jetzt, ich übe sogar viel freiwillig, um die viele durch Corona bedingte Freizeit auszunützen. Ich werden sogar einen Onlinekurs belegen mit einem virtuellen Akkordeonspieler. Sowas gab es früher ja nicht, aber warum nicht die sich bietenden Möglichkeiten nutzen! Das Schöne daran ist, wenn ich also Profi werden will, muss ich auch so lange leben, also mindestens noch 25 Jahre und mehr. Das kann ich mir ruhig vornehmen. Dann hätte ich, bis ich 100 Jahre alt bin, sogar noch 10 Jahre Zeit, um auf Tournee zu gehen; meinetwegen durch die ganze Welt. Schließlich ist auch Heesters noch im Alter von 100 Jahren auf der Bühne gestanden und hat das doch ganz gut gemeistert. Vielleicht wäre ich sogar der älteste Akkordeonspieler der Welt, der dann auch noch live spielt, vielleicht im Madison Square Garten in New York, oder ich würde das Wembleystation in London füllen mit meiner, in den letzten 25 Jahren erlernten Kunst. Die Menschen würden mir zujubeln, ich wäre überall bekannt; naja, die Groupies in meinem Alter will ich mir jetzt nicht so unbedingt vorstellen. Eigentlich ist ab jetzt damit mein gesamtes weiteres Leben durchgeplant und vorbestimmt und ich kann jeden Tag etwas für meine Karriere tun, vorausgesetzt, meine Bestimmung lässt mich auch jeden Tag wieder aufs Neue morgens aufwachen und aufstehen.

Aber wie gut, wenn ich´s recht bedenke, dass ich jetzt gerade, in diesen Zeiten, kein Profi bin. Ich hätte keine Auftritte und mein geliebtes wahrscheinlich Schickimicki-Profileben wäre ja dem Lock down und der Ausgangssperre zum Opfer gefallen. Ich würde mich ärgern und vielleicht Depressionen bekommen, müsste mich behandeln lassen und vielleicht gar nicht mehr auf die Beine kommen. Wie gut, dass ich das alles noch in der Zukunft vor mir habe. Ich kann planen und viel erreichen und muss mir noch um Nichts Sorgen machen. Jedoch ist so ein Virus auch gut, denn er schenkt einem viel Zeit, führt einen auf die Profifährte und zeigt einem, wie die Zukunft sein kann.

Allerdings habe ich in der letzten Nacht geträumt, dass ich gerade, im Jahre 2045, von einer jungen Betreuerin mit dem Rollstuhl auf die Bühne gefahren worden bin. Ich schlage die ersten Töne an, da ertönt eine Durchsage im Stadion, dass wegen der neu aufgetretenen weltweiten Pandemie mit Covid-45 das gesamte Stadion geräumt werden müsse. Ich selbst wurde positiv getestet und hatte mich wohl irgendwie an der Fanpost, oder an der Betreuerin, angesteckt. Naja, wenn das so ist oder so kommt, dann werde ich doch noch mal meine Karrierepläne überdenken; vielleicht doch nicht in so großen Stadien auftreten, vielleicht gar nicht so berühmt werden wegen der hochansteckenden Fanpost. Ich schau mal die nächsten Tage, vielleicht habe ich wieder einen Traum, der mir zeigt wie es mit mir weitergeht.

Aber üben kann ich ja trotzdem mal ….. für alle Fälle ….. falls ich Profi werde.

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