Das Seniorentelleralter
Dieses Zeitalter beginnt gerade richtig, hat aber schon seit längerem angefangen, ohne dass du das so richtig gemerkt hast. Du kannst allgemein nicht mehr so, du fühlst dich körperlich unwohl, alles wird anstrengender und du hoffst, wenn du mal außer Haus gehst, bald wieder daheim zu sein. Hinweg ist der Drang hinaus in die Welt zu gehen und möglichst viel zu erleben. Du suchst jetzt mehr deine Basis im Leben, deine Ecke auf der Couch, deinen Fernsehsessel und freust dich über das Nichtstun und manchmal auch, wenn gar nichts geplant ist. Es gibt Menschen, die akzeptieren das so und verabschieden sich vollkommen chillig aus der Erlebniswelt. Ich habe zwar auch meinen geerdeten Fernsehsessel, aber doch noch ab und zu den Drang nach außen zu gehen.
Zum Essen bin ich immer gerne gegangen, vor allem dorthin, wo die Größe der Mahlzeit ein hohes Sättigungsgefühl verspricht. Ich mochte es immer sehr gerne, so wie beim „Schnitzel-Schorsch“: einfache Küche, einfache Möbel und brutal viel Essen auf dem Teller. Ein Berg Kartoffelsalat, darüber liegt dann das Schnitzel und überragt den Tellerrand noch nach allen Seiten. Es ist in der Pfanne in einem Meer von Schweinschmalz rausgebacken, hat diese wellige braune Kruste, die eine Fritteuse niemals erreicht und eine Dicke, fast wie dein Handgelenk. Der Geruch haut dich einfach um und literweise wird in deinem Magen die Magensäure ausgeschüttet. Die ersten Bissen sind eine kulinarische Offenbarung; nach der Hälfte bist du eigentlich schon satt. Es schmeckt jedoch so vorzüglich, dass du auch den Rest durchaus noch mit Genuss verschlingen kannst. Die Gürtelschnalle um ein Loch zu versetzen, hat jedenfalls immer geholfen.
Heute, in der fortgeschrittenen Jugend, ist das etwas anders. Auch wenn der Geruch noch etwa gleich ist und auch der Appetit sein früheres Level erreicht, so macht doch der Anblick des Schnitzelungetümes auf deinem Teller schon Unbehagen und fast ein bisschen Angst. Das schaffst du doch niemals. Sofort erinnerst du dich an das letzte Mal, das letzte Mal, dass du so ein Riesending geschafft hast. Schlafen war danach nicht möglich, das Grummeln im Bauch hat die ganze Nacht angehalten, und dann kam auch noch Durchfall dazu. Irgendwie wollte der Körper dieses Übermaß an Kalorien und Fett wieder loswerden. Wahrscheinlich war auch noch viel davon dabei, denn es ist nur so geflutscht. Wenn du dann auf deinem Sessel liegst und vom Schlemmen erschöpft die Gliedmaßen ausstreckst, dann bleibt auf jeden Fall, und das kannst du nicht auf die Winterklamotten schieben, in Körpermitte eine veritable Vorwölbung, so als wenn man in der Ebene in Tansania läuft und in der Ferne den Kilimandscharo sieht. Und der hat bei dir zunehmend die Form eines riesigen Schnitzels. Die Vorstellung, dass man jetzt zu einem Riesenschnitzel mutiert und dann den Menschen, die dir begegnen das Wasser im Munde zusammenläuft, ist nicht angenehm.
Heute wie gesagt ist alles anders. Du hast beim Betreten der Wirtschaft den Gürtel heimlich schon ganz aufgemacht. Am Morgen hast du ein Hemd gewählt, welches weit genug ist und nicht schon bei geringer Füllung zum heftigen Anspannen neigt. Außerdem hast du das Frühstück ausgelassen, was aber ein Fehler war, denn jetzt hast du gerade so einen riesigen Kohldampf, dass du überlegst, vielleicht noch einen Liter Leberknödelsuppe im Voraus zu bestellen. Der Blick in die Karte hilft auch nicht besonders, obwohl es nur wenige Gerichte zur Auswahl gibt: einmal das Riesenschnitzel, dann den Schweinshaxen, der von einem Riesenschwein kommen muss, wie die Riesenschnitzel auch und dann noch ein Hackbraten, rund geformt in Kindskopfgröße. Also was nun? Jedes einzelne Gericht lässt dir das Wasser im Mund zusammenlaufen, erzeugt aber in der Vorstellung schon die unangenehmen Nebenwirkungen wie oben beschrieben, aber ich selbst wollte ja mal wieder hier zum Essen gehen. Schweren Herzens fasse ich den Entschluss, die Leberknödelsuppe, die am Nachbartisch gerade aufgetragen wird und in der drei riesige Leberknödel schwimmen, umgeben von selbstgemachten Schwammerln und bedeckt mit einem Hauch feiner Petersilie, heute nicht zu bestellen. Also das Schnitzel auf jeden Fall. Als die Bedienung kommt, werden wir alle der Reihe nach abgefragt. Als ich an der Reihe bin, schenkt sie mir einen längeren Blick, lässt davor in einer einzigen schnellen Augenbewegung den Blick von oben nach und gleiten und sagt dann: Es gibt auch Seniorenteller!
Ich strafe die Bedienung, die selbst in meinem Alter sein muss und durchaus korpulent ist, mit einem strafenden Augenaufschlag. Was soll das? Sehe ich so alt aus? Sieht Sie mir mein erhöhtes Cholesterin an? Dann aber wird mir sofort klar, diese Frau hat Menschenkenntnis und sie muss mir meinen inneren Kampf mit der Speisekarte angesehen haben. Das ist die Lösung: „Oh ja, bitte das Schnitzel als Seniorenportion“. Das Seniorenschnitzel reicht immer noch bis an den Rand des Tellers, und ehrlich gesagt war es immer noch zu viel, so dass ich es nicht aufessen konnte. Auch das Grummeln im Bauch hat sich wiedereingestellt.
Woher soll mein Bauch auch wissen, dass ich jetzt nur noch Seniorenportionen bestelle und er in Zukunft gemäßigt reagieren kann? Mit meiner Frau muss ich noch reden. Sie soll auf keinen Fall auf die Idee kommen, ab jetzt Zuwendung aller Art nur noch in spärlichen Seniorenteller-Häppchen zu gewähren.
fa201027
Albin, wieder eine hinreißende Geschichte und sowas von wahr😄😄😄
Als ich noch jung war und eine Figur hatte wie Twiggy, konnte das Schnitzel nicht groß genug sein.
Wenn ich heute mit ein paar ehemaligen Arbeitskollegen zum Essen gehe und die Portionen von denen sehe, wird mir schon übel. Ich bestelle immer Seniorenteller und trotzdem ist die Figur längst dahin😪😪😪.
Also, so ist das.
Freu mich schon auf Deine nächste Geschichte.
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