Wenn ein Schnitt daneben geht

Wenn ein Schnitt daneben geht

Haare sollten ab und zu geschnitten werden. Die Methode der Wahl ist die mit einer Schere, oder auch elektrisch, mit einem Rasierapparat. Wer die Methode des Haareschneidens beherrscht, wird mit beiden Möglichkeiten keine Schwierigkeiten haben. Als wir jetzt unsere Tochter in Berlin besuchten, stand auf ihrem Wunschzettel, dass ihre Haare mal wieder gekürzt werden sollten. Meine Frau, ihre Mutter, hat früher sowohl meine als auch ihre Haare geschnitten und war deshalb dazu auserkoren, dies zu tun. Meine Tochter hat eine Frisur, die keinen Namen aus einer Fachzeitung hat, es sind halt Haare, die auf dem Kopf wachsen. Trotzdem wird die eigen kreierte Frisur liebevoll „Warnfried“ genannt, eine Komposition der Nachnamen der beiden Personen, die sich sonst an den Haaren auslassen. In der jüngsten Zeit waren die Haare mal ganz vom Kopf verschwunden, also kahl rasiert. Zuvor zierte ein prächtiger, blau leuchtender Haarbüschel die Kopfhaut und jetzt hatten die Haare schon wieder so eine akzeptable Länge, dass ein professionelles und geschicktes Händepaar durchaus in der Lage sein musste, sie zu einer Art Frisur zu formen. Anlässlich dieses Ereignisses versammelte sich die gesamte Familie im Badezimmer, um dem Akt der Beschneidung beizuwohnen. Der Beginn erfolgte mit einer extra dafür angeschafften scharfen Schere, mit geübten Scherbewegungen durch meine Frau, so dass sich der Boden schnell mit einer leichten Haarschicht bedeckte. Es wurde oben gekürzt, es wurde seitlich gekürzt und der Pony wurde mit schräg verlaufenden Schnitten ebenfalls auf ein dazu passendes Maß eingestutzt. Möglicherweise, da der Haarwuchs meiner Tochter in den letzten Monaten ungezügelt und frei von frisörhandwerklichen Einschränkungen wachsen konnte, hatte sich am Hinterkopf, in der Mitte und eher rechts, ein kleiner Wirbel gebildet, der nun einen Strudel von Haaren in rundlicher Form zeigte und nicht gewillt war, sich, wie die übrigen Haare, in eine Form zähmen zu lassen. So blieb, als der Grundhaarschnitt beendet war, eine auffallende Stufe am Hinterkopf, am Übergang von Haut zu Haaren, sichtbar. Nach kurzer Familienberatung wurde beschlossen, diese schwierige Stelle elektrisch zu bearbeiten und so kam die Maschine zum Einsatz. Zuerst versuchte sich meine andere Tochter, sehr vorsichtig, da sie den Umgang mit der Maschine nicht gewohnt war. Diese Bemühung brachte jedoch auch nicht das gewünschte Ergebnis. Ich aber, jahrelange elektrische Rasur gewohnt, ergriff als nächstes die Maschine mit der rechten Hand, stellte mich hinter meine Tochter und führte einen beherzten Schnitt vom Ansatz der Haare bis in das obere Drittel des Kopfes. Durch das berufliche Operieren war ich es gewohnt und es wurde mir auch so beigebracht, dass der erste Schnitt einfach sitzen muss und entscheidend für die restliche Operationsführung ist.

Gut, ich hatte den ersten Schnitt gemacht, allerdings etwas zu enthusiastisch, und so zeigte der Hinterkopf nun gerade das Gegenteil eines Irokesenschnittes, nämlich eine glatte, circa 3 cm breite kahle Landebahn in der oben beschriebenen Länge. Das Schnittgut segelte mit einer kreischenden Drehung zu Boden und überragte die schon liegenden Haare wie die Spitze eines Berges. Genau gesagt kam das Kreischen nicht von den Haaren, sondern es war der entsetzte Aufschrei meiner anderen Tochter die ungläubig das Geschehen verfolgte. Die Tochter jedoch, die vor mir saß, lachte verstört, wobei es auch im Nachhinein nicht klar war, ober es Tränen der Freude oder doch akute Trauertränen über den schnellen Haarausfall waren. Jetzt jedoch musste gehandelt werden. Um quasi diese Scharte auszubügeln, ließ ich die Apparatur schnell noch 2-3 mal nach oben fahren, links und rechts von der kahlen Stelle, um einen gekonnten Übergang zur Seite und nach oben zu schaffen. Auch das half nicht viel, und wie bei einer Brandrodung im Dschungel wurde das freie Gelände im größer und auffälliger. Jetzt wurde mir die Verursachermaschine von meiner Frau aus der Hand genommen und ich wurde aus dem Bad verbannt, während der Rest der Familie noch versuchte, das Beste aus dieser Naturkatastrophe zu machen. Das war sehr schwierig. Der Grund für meinen misslungenen Schnitt war der Wirbel, an dessen hartem Rand mein durchaus gekonnt geführter Schnitt unweigerlich abrutschen musste. Nun gut; nach all den Bemühungen ist es dann doch noch ein moderner sehr kurzer Kurzhaarschnitt geworden der den Haarschnitten der Vergangenheit wahrscheinlich um nicht viel nachsteht.

Meine gerade begonnene Familienkarriere als neuer Starfrisör wird wahrscheinlich schon ganz zu Beginn wieder beendet sein. Ich werde aber trotzdem weiter auf die Suche nach Übungsmöglichkeiten gehen, denn wie immer macht die Übung den Meister. Also wenn jemand die Haare geschnitten haben will?

Wenn du das Haareschneiden gern willst üben

Dann fang doch an bei deinen Lieben

fa20.10.21

3 Kommentare zu „Wenn ein Schnitt daneben geht

  1. Kann mich noch gut an die langen, dicken, blonden Haare von Lea und auch von Louisa erinnern. Da war ich immer ein bisschen neidisch, denn ich wollte auch immer (in meiner Jugendzeit) lange, blonde Haare haben.
    Schade, dass die bei beiden Mädels abgeschnitten wurden. Ein bisschen nachschneiden muss ja sein, aber gleich so kurz??? Hat mir immer etwas leid getan.

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  2. Und wieder so eine geniale Geschichte von Dir, die ein ueber den Tag hinaus bleibendes Laecheln in mein Gesicht zaubert. Schade, dass Du diese Geschichte nicht mit Beweisfotos unterlegt hast.
    Danke, fuer diese grossartige Unterhaltung.

    LG Uli aus de Palz

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  3. Albin, ich musste lachen. Meine Haare waren für mich schon immer ein wichtiges Thema. Solltest du mal deinen Rasierapperat in der Nähe haben, nehme ich reiß aus u erinnere mich an die Topfhaarschnitte als Kind.

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