Tanzen mit Schinken

Tanzen mit Schinken

In privatem Rahmen hatten wir einige Freunde zum Tanzen eingeladen. Ich hatte die Anlage aufgebaut und unser Musiker, der auch sonst als DJ arbeitet, legte einige südamerikanische Lieder auf. Sofort war die Tanzfläche mit Menschen gefüllt, die schon lange nicht mehr getanzt hatten und die unbedingt mal wieder tanzen wollten. Das hat man gespürt – so wie früher – da hat man sich einmal in der Woche zum Tanzen getroffen. Zur Feier des Tages gab es auch was zu Essen und natürlich eine Auswahl an Getränken.

Ich selbst bin nicht mehr der wahnsinnig Tanzwütige; meine Gelenke lassen schnelle Bewegungen nicht mehr zu und meine Kondition, früher mein Partner, hat mich über die Jahre verlassen. Meine Aufgabe an diesem Abend bestand darin, mich durch die verschiedenen mitgebrachten Speisen zu essen. Ich füllte meinen Teller mit Lachsschnitten, Trauben, Käsewürfeln und Schinkenhörnchen, dazu ein Getränk und setzte mich an den Tisch, um die Tanzenden zu beobachten. Habe ich etwa den Eindruck gemacht als ob ich Tanzen wollen würde?? Ich glaube nicht. Trotzdem wurde ich, gerade als ich herzhaft in das Schinkenbrötchen gebissen hatte, von einer Tanzmaus zum Tanzen aufgefordert. Das war wohl dem offensichtlichen Frauenüberschuss und meiner Unbekümmertheit, mich gerade hier zum Essen niederzulassen, zu verdanken. Da ich den Mund voll hatte, konnte ich verbal keinen Korb geben, also stand ich auf, schluckte meinen Mund leer und begab mich zusammen mit F. auf die Tanzfläche. Fast hätte ich mich noch verschluckt; der Bissen war groß und trocken, aber ich schaffte mit großer Anstrengung den Transport des trockenen Schinkenhörnchenklumpens bis in den Magen. Ich hätte aber lieber nochmal trinken sollen. Ich hatte es trotzdem geschafft und wollte mich schon erleichtert auf das Tanzen konzentrieren als ich ihn bemerkte. Ein Schinkenstreifenrest hatte sich zwischen dem 13er und 14er Zahn rechts oben, also zwischen Schneidezahn und Eckzahn, eingeklemmt und hing, wie ein Miniwürstchen, in den Mund hinein. So sehr ich mich auch bemühte, die Zunge schaffte es nicht, diesen Rest aus seiner Umklammerung zu lösen. Also zog ich heftig die Luft durch die Zähne nach innen, doch auch der Sog half nicht viel.

„Bin ich dir auf die Füße getreten?“, fragte meine Partnerin erschrocken. Ich schüttelte heftig den Kopf und versuchte mich auf den Takt zu konzentrieren. Ach ja, Salsa. Ich wusste, sie war eine sehr gute Tänzerin und ich wollte mich nicht blamieren. Also: 1,2,3, Pause und 5,6,7, Pause. Auf 7 die Hand hoch, um eine Drehung anzuzeigen. Das ging einigermaßen, doch ich fing durch die Anstrengung an, schon heftig durch die Nase zu atmen. Sobald ich den Mund aufmachen wollte, bewegt sich der Schinkenstreifen in Richtung Mundausgang und wäre unweigerlich aus dem Mund herausgehangen, hätte ich nicht wieder schnell die Lippen aufeinandergepresst. Dieses Dilemma hatte ich gemeistert, aber dadurch meinen Beinen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, also kam ich bei der Drehung unweigerlich aus dem Takt.

„Na, schon lange nicht mehr getanzt?“ Ich lächelte mit einem gequälten Gesichtsausdruck und nickte mit zusammengepressten Lippen, die maximale Konzentration aussagten. Erklärungen konnte ich nicht geben und ich konnte auch nicht warten bis sich der Schinkenrest im Mund von selbst verdaut. Meine Zunge arbeitete unermüdlich aber ohne Erfolg, denn der Schinken saß fest wie in einem Schraubstock. Die Konzentration, das Tanzen und das Vertuschen des Essensrestes im Mund saugten an meiner Kondition und bei der Hälfte des Liedes fingen die Oberschenkel mit einer leichten zittrigen Verkrampfung an. Das war Kampf an vielen Fronten. Die Schweißperlen auf der Stirn sammelten sich zu immer größeren Tropfen und ein Rinnsal in der Rückenmitte machte sich auf den Weg nach unten. All dies musste sich irgendwann auf meinem Gesicht wiedergespiegelt haben, denn meine aufmerksame Tanzpartnerin fragte: „Hast du Schmerzen?“ Das war eine normale Frage, denn sie wusste, dass ich nach der Knieoperation noch nicht wieder fit war. Unter heftigem Nicken und einem auf der linken Mundseite herausgepresstem „Ja“, während der rechte Mundwinkel noch die Schinkenwurst verdeckte, schaute ich sie gequält an. Gerne hätte ich zumindest dieses Lied zu Ende getanzt, aber so viele Fronten zermürben.

„Sollen wir uns setzen?“. Ich nickte eifrig und erleichtert, lief mit wackeligen Knien zum Stuhl, atmete heftig durch, nahm einen tiefen kühlen Schluck, erhob mich wieder und ging hinaus in eine dunkle Ecke um mich, mit einer Gabel bewaffnet, von dem Schinkenrest zu befreien. Das war wie eine Erlösung. Endlich frei!

Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass man sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren kann. Störfelder sollte man entfernen, sonst kann sogar das Tanzen zu einer Katastrophe werden.

Ich möchte wissen was meine Tanzmaus gedacht hat …….

Nein, ich möchte es überhaupt nicht wissen ……..

fa200906

Ein Kommentar zu „Tanzen mit Schinken

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