Sonntag, der Tag des Herrn
Für viele Menschen ist der Sonntag ein besonderer Tag. Es wird nicht gearbeitet, man geht zur Kirche, die Familie ist zusammen, es wird gekocht, man geht spazieren und lässt die Woche quasi ausklingen. Für mich ist der Sonntag, vor allem der letzte Sonntag am Ende der Ferien, seit frühester Kindheit allerdings ein eher schwarzer Tag, ein Tag der unterdrückten Tränen und des Abschieds. Bis heute merke ich manchmal immer noch den Schmerz, der einen an diesem Tag so wie damals überkommt. Damals meint, seit ich mit 12 Jahren in die Klosterschule als Schüler aufgenommen wurde. Meine Eltern hatten mit dem Kloster einen Vertrag gemacht, dass ich in christlichem Glauben erzogen werden – und Pfarrer werden sollte. Dazu war es nötig, in die Klosterschule zu gehen. In der Anfangszeit war es nicht leicht, nach den Ferien in das Kloster gebracht zu werden und zu wissen, dass man erst wieder während der nächsten Ferien nach Hause kommen wird. Damals war dies der regelmäßige Turnus; am Ende der Ferien ins Internat zu gehen und erst zu Beginn der Ferien wieder nach Hause zu dürfen. Das bedeutete: nur an Allerheiligen, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in den Sommerferien hatte ich persönlichen Kontakt nach Hause. Sonst gab es – ich glaube alle vier Wochen – eine Besuchszeit, in der ein Elternteil den Schüler besuchen konnte. Bei mir ist das immer der Vater gewesen, denn er hatte damals nur ein Motorrad und die Mutter ist, soweit ich mich erinnern konnte, niemals mitgefahren. Außerdem war ich der zweite in einer Reihe von sieben Geschwistern, so dass die Mutter natürlich nicht von Zuhause weggehen konnte.
Immer wenn es Sonntagnachmittag wurde, kam die innere Unruhe auf, denn man wusste, nur noch kurze Zeit und man musste wieder in den Transport einsteigen und für lange Zeit in das Internat einkehren. Nicht dass das Internat jetzt eine schlechte Sache gewesen wäre, nein, allein die Tatsache, dass man von zu Hause wegmusste und alles zurücklassen musste, das war das Schlimme. Heutzutage ist es sowohl für die Eltern als auch für die Schüler sehr schwer vorstellbar, dies so zu handhaben. Es ist nicht mehr zeitgemäß und es würde keiner mehr aushalten. Gleichwohl hatte ich damals schon das Gefühl, dass es für mich keine andere Möglichkeit gab, um ein Gymnasium besuchen zu können. Die Busverbindungen von meinem Dorf in die nächste Gymnasialstadt waren nicht ausgebaut, so dass diese Möglichkeit ausgefallen ist und einfach deshalb das Internat als einzige Möglichkeit übrigblieb.
Im Übrigen war ich ein sehr guter Esser, sodass, wenn ich nicht da war, für den Rest der vielköpfigen Familie mehr Essen übrigblieb. Wir waren eine arme Familie und das Essen war nicht immer sehr üppig. Die elterlichen Kontakte und Zuwendungen, nach denen sich Kinder sehnen, verteilten sich bei uns auf sieben Kinder, so dass insgesamt sehr wenig für mich persönlich übrigblieb. Aber selbst das Wenige habe ich dann schmerzlich vermisst.
Der Preis für das Lernenwollen, für das Vorankommenwollen, für das Herauskommenwollen aus der Enge des Dorfes, das war der Sonntag und die Abfahrt. Das war sehr sehr schwer für Kinder mit 12 Jahren, das Weggehen und das unbewusste Wissen, nie mehr nach Hause zu kommen. So ist es bei den meisten gewesen.
In der Zeit, als es dann Fernseher gab, lief meist die Serie „Bonanza“ und danach ging es los. Zusammen mit anderen Schülern aus dem Dorf wurden wir in Fahrgemeinschaften von Zuhause weggebracht. Ich erinnere mich genau an die regelmäßige Übelkeit und das Erbrechen, als es die kurvenreiche Straße zum Internat hinab ging. Einerseits vertrug ich das Autofahren wirklich nicht, andererseits war es sicher ein Ausdruck meiner nicht ausgesprochenen Gefühle und der Angst vor den ersten einsamen und heimwehgeplagten Nächten.
Die Ankunft im Internat bestand aus zwei völlig gegensätzlichen Anteilen. Zum einen aus der Freude die Klassenkameraden und Kumpels wieder zu sehen und zum anderen aus der Gewissheit, dass man wieder für mehrere Tage bzw. Nächte, aus vielen Ecken des Schlafsaals und der Toilette ein unterdrücktes Schluchzen hören würde. Öffentliches Weinen und das direkte äußern von Heimweh, war nicht möglich; hätte man doch jetzt sofort den grausamen sozialen Druck verspürt und wäre der Gruppendynamik, „Weicheier zu unterdrücken“, zum Opfer gefallen. So blieb es bei dem heimlichen Schluchzen und den heimlichen Tränen, wusste man ja aus Erfahrung, dass dieses Gefühl nach einigen Tagen wieder nachließ und man sich dem Leben im Internat anpassen musste. Die Gewissheit, überhaupt keine anderen Möglichkeiten zu haben, um das Abitur zu machen, also dieser Situation ausgeliefert zu sein, war sehr groß. Schüler, die dieses Leben aber nicht aushalten konnten, verschwanden so nach und nach wieder aus dem Internat, so dass von Jahr zu Jahr die Klassenstärke abnahm.
Ich will damit überhaupt nicht über das Internat schimpfen, die Patres haben sich nach ihren Möglichkeiten sehr bemüht und es war für mich im Nachhinein eine sehr fruchtbare und häufig auch eine schöne Zeit. Es gab die Möglichkeit sehr sehr viele Dinge zu lernen, sowohl was das soziale Miteinander bedeutete als auch was die Angebote in kultureller und musikalischer Ausbildung betraf, die vom Internat gegeben wurden. Vieles hätte ich zu Hause einfach nicht erlernen können und viele Erfahrungen hätte ich zu Hause nicht machen können. Das Leben hat uns ganz schön geformt. Aber der Preis war sehr hoch und hat sich als unangenehmes Gefühl an den Sonntagen eingebrannt. Der Sonntag als ein Tag, an dem man oft traurig war. Der Gedanke, nie wieder nach Hause gekommen zu sein. Ab und zu kommt das Gefühl wieder an die Oberfläche, vor allem dann, wenn man allein ist.
Und gerade bin ich allein.
fa200604
Albin, mein Wolfgang hat mir auch manchmal vom Internat erzählt, er war im „Don Bosco“ in Bad Neustadt. Er hat es aber nicht bis zum Abitur durchgehalten und eine Lehre als Bauzeichner vorgezogen.
Obwohl ich nie von daheim wegmusste, die Sonntage mag ich bis heute nicht.
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Eine sehr emotional tiefgehende Geschichte. Sonntag – der Tag des Herrn. Geprägt von der Kirche, geprägt von der Familie und ja, immer geprägt von einem Gefühl Abschied nehmen zu müssen. Abschied von der vergangenen Woche, vom Wochenende und geprägt von Angst, was die neue Woche wohl bringen wird. Ich war nie im Internat und hatte meine Cousine immer ganz tief beneidet, die ins Internat durfte. Das war eine Welt, in der ich nichts zu suchen hatte.
Danke für diesen Blog.
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