Ich bin der Ansicht

Ich bin der Ansicht – Betrachtung einer Pizza von zwei Seiten                             

„Hallo mein Lieber. Willst du heute Abend Linsensuppe mitessen“? Oh, das ist ja eine nette Einladung meiner blonden Bekannten per WhatsApp. Aber sie weiß ja, dass ich alleine zu Hause bin, da meine Frau gerade auf Kur weilt.                                            
Ich bedanke mich und schreibe zurück, ich hätte schon für mich gekocht, aber sie könne gerne auf einen Kaffee vorbeikommen.                                                                              
Die Antwort: „Okay, aber keinen Kaffee, sondern Sekt“.                                                
Nach einer geraumen Wartezeit, in der mein Essen auf dem Herd schmorgelte und mein Magen knurrte, fange ich dann doch an, mein fertig gekochtes Gulasch mit Kartoffeln und Salat aus dem Garten zu essen. Meiner Ansicht nach ist das in Ordnung, hat die Bekannte ja noch Linsensuppe für den Abend. Kaum bin ich fertig mit dem Essen, geht die Türe auf und sie erscheint zusammen mit ihrer netten schwarzhaarigen Freundin Uli aus der Pfalz die gerade zu Besuch hier ist.  Was für eine nette Überraschung, denn auch die Uli kenne ich schon von früher. Schwarz und blond, black and white; ich bin der Ansicht das passt gut zusammen.                                                                                       
„Jetzt hast du ja alles aufgegessen!“ Ein strafender Blick auf meinen leeren Teller und den leeren Topf. Klar, ich hatte ja geschrieben, dass ich für mich gekocht habe. 
„Aber du hast doch die Linsensuppe“, antworte ich zum Trost.                                    
„Nein, die ist noch nicht gekocht. Ich war der Ansicht, wir könnten bei dir mitessen. Und hast du vielleicht noch Salatbrühe übrig (meine Salattunke ist legendär!), dann könnte ich noch schnell einen Salat machen?“                                                                     
„Nein, ich habe nur ein ganz wenig Soße für meinen Salat gemacht“.                          
„Und was ist mit dem Sekt?“                                                                     
„Wie? Ich war der Ansicht du bringst welchen mit?“                                                   
„Nein, ich habe dir doch geschrieben, dass wir Sekt trinken wollen!“.                         
Ja, das ist schon blöd, wenn man heutzutage nur noch diese kleinen Bildchen, diese Emojis verschickt.                                                                                                             
„Da muss ich erst einmal schauen, und wenn einer da ist, dann ist er nicht gekühlt“. Nach kurzer Suche in der Garage wurde eine Flasche Rotkäppchen Sekt gefunden, Tendenz lauwarm.                                                                                                                       
„Jetzt müssen wir damit auskommen, aber ich bin der Ansicht 10 Minuten in der Kühlung wären schon ganz gut“. Gesagt getan, nach 15 Minuten wurde die Flasche geköpft und den Damen wurde ein fast kühler Sekt eingeschenkt. Hauptsache Sekt, Temperatur erst einmal egal. Auch die Uli aus der Pfalz konnte sich damit gut anfreunden.                                                                                                             
Jetzt war da noch das Problem mit dem Essen. Meine Bekannte machte nach dem zweiten Glas Sekt nicht den Eindruck als wolle sie sofort nach Hause aufbrechen, um die Linsensuppe zu kochen.                                                                                                         
„Ich glaube ich bestelle mir eine Pizza, weiß aber die Nummer der Pizzeria nicht und habe auch kein Geld dabei“. Ich bin ja der Ansicht, dass man, wenn man aus dem Haus geht, schon Geld mitnehmen sollte. Nachdem ich jedoch dann, Gentleman-like, die Pizza für sie bestellt hatte und ihr das Geld gegeben hatte, ging sie los, um die Pizza abzuholen. Die Freundin Uli hatte nichts bestellt, da sie ihrem Magen keine Speisen von dieser fremden italienischen Speisekarte zumuten wolle (möchte wissen was die in der Pfalz essen!). Außerdem habe sie sich auf Linsensuppe eingestellt und könne ihren Magen jetzt nicht so schnell umstellen. Ich bin schon der Ansicht, dass Jeder und Jede, sogar die hochveganen Vegetarier/innen aus einer Auswahl von 50 verschiedenen italienischen Gerichten etwas finden könnte.                                                               
Dann ging das Essen los.                                                                                                   
„Die Pizza ist aber klein“, entfuhr es meiner Bekannten und sie stocherte wild in die Pizza hinein.                                                                                                                                  
„Und der Boden ist zu hart. Das kann ich mit meinem Tennisarm doch nicht schneiden. Und, das Bisschen für 7 Euro!?“. Meiner Ansicht nach war die Pizza völlig in Ordnung, normal groß, gut belegt, gut riechend, so wie immer. War das der Ärger über das ausgefallene Essen bei mir?                                                                                                       
Unter lautem fortwährenden Schimpftiraden über die Normalität der Pizzagrößen und mit vollen Backen („Ja schmecken tut es sehr gut“) kauend, flog plötzlich ein kleines Stück Pizza über den Tisch an meine Brille und landete auf meinem Teller, so als wolle es meiner Bekannte entfliehen und nicht gegessen werden. Natürlich liegt die Pizzagröße im Auge des Betrachters und wäre auch in meinem gelandet, hätte ich nicht meine Brille aufgehabt. Aber, ich bin schon der Ansicht, dass man mit vollem Mund nicht so viel sprechen, und schon gar nicht schimpfen sollte. Zum Glück hatte ich selber schon gegessen und kam nicht in Versuchung dieses angekaute Stück Flugpizza zu mir nehmen zu wollen.                                                                                                               
Jetzt schaltete sich die Freundin Uli ein: „Also isch honn emol e Pizza in de Schweiz gess . Ich bin de Ohsischd, dess war die beschd pizza äwwer! Unn donn a noch saugut beleed“.                         
Also ich bin der Ansicht, dass ein gutes Hochdeutsch oder zumindest „Fränkisch“ in einem fränkischen Garten mit fränkischer Pizza die normale Konversationssprache sein sollte, aber pfälzisch??                                                                                                    
Uli legt noch einen drauf: „Weeschde, wonn ma bei de pizza „normal“ beschdelld,  die auspaggt  un find donn e „Piccolino“ vor, donn isch dess wie wennde en Monn auspagscht, „Fraa“ hatt eefach zu viel Erwaadunge“. Da gibt es jetzt nicht direkt was dagegen zu sagen, wenngleich ich der Ansicht bin, dass „Picollino“ für mich persönlich nicht zutrifft. Aber Anwesende sind sowieso immer ausgenommen.                                                                                   

Die Pizza wurde letztendlich komplett aufgegessen und auch bei meiner Bekannten hatte sich ein deutliches Sättigungsgefühl eingestellt. Trotzdem war sie weiterhin der Ansicht, bei einer normal großen Pizza hätte sie noch ein Stück für ihren Freund mit nach Hause nehmen können.                                                                                            
„Monschmol wees isch net, iss die Pizza es Problem orrer hat die Pizzaesserin e Problem“, fasst Uli die Geschehnisse pointiert zusammen.                                              

Ich bin der Ansicht: Recht hat sie, die Uli aus der Pfalz.  

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2 Kommentare zu „Ich bin der Ansicht

  1. Hoffentlich hat Deine Bekannte dann wenigstens für Ihren Freund und Ihre Freundin ein Linsensüppchen gemacht, nachdem sie ja schon „satt“ war😄😄😄

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