Das Altern – ein endlicher Prozess

Das Altern – ein endlicher Prozess

Noch ein paar Jahre früher habe ich mir viel mehr Gedanken über das älter werden gemacht. Ich habe mich gewehrt dagegen und wollte es lange nicht wahrhaben, aber es holt mich so oft ein, dass ich zum Umdenken gezwungen werde. Klar, der Körper hat viel erlebt, viel durchgemacht, auch viel erlitten, und so wehrt der sich nach Kräften, indem er nach Pausen und Ruhe verlangt. Erst konnte man alles noch überbügeln. „Kannst du mir das mal von oben holen?“ „Nein, ich habe gerade keine Zeit“ oder es kommt eine andere Ausrede. Ausreden sind auf Dauer  nicht mehr so stichhaltig und so muss man irgendwann doch zugeben: „Ich kann gerade nicht, mein Knie tut weh“.

Der Prozess läuft nicht so sehr auf geistig Ebene, aber gewaltig auf der körperlichen Seite. Und so reduziert sich nach und nach das Aktionsniveau und pegelt sich auf niedrigerer Stufe ein. Natürlich ist es auch schön im Garten zu sitzen und den Vögeln nachzuschauen, aber was hätte man früher alles machen können. Statt dessen höre ich mich sagen: “Ach, ich sitze gerne im Garten, hier ist es so schön ruhig“. Geistig fühlt man sich noch einigermaßen leistungsfähig, kann Prozesse und Hintergründe erfassen und einordnen, kann mit seiner Erfahrung arbeiten. Schnelle Lernprozesse in kurzer Zeitspanne sind jedoch nicht mehr so einfach. Ich merkte das schon an Fasching: Sich einen Text reproduzierbar – so wie früher – zu merken, dauert viel viel länger und kostet viel viel mehr Anstrengung. Kein Wunder, dass automatisch die Lust darauf nachlässt.

Interessant ist natürlich die Frage wie trotz aller Verluste, Abbauprozesse und unwiderruflichen Einschränkungen ein positives Selbstwertgefühl und geistiges Wohlbefinden erreicht werden kann. Diese Altersresilienz erlaubt es dann, die besonderen Herausforderungen im zunehmenden Alter zu bewältigen. Es geht ja nicht mehr darum, den Gewinn zu steigern, sein Umfeld zu erweitern oder neue Arbeitsprozesse zu lernen, sondern es geht darum, seine noch vorhandene Kraft dafür zu investieren, sich an Verluste (z.B. Einschränkungen durch Operationen) besser anzupassen und so das Alter mit einer gewissen Akzeptanz zu gestalten.

Ich habe gerade einen Freund getroffen; er ist etwas jünger als ich und er hat sich vor Jahren ein riesiges Gehöft gekauft, um dort eine Pferderanch aufzuziehen. Er hat schon so viel Arbeit investiert, ist aber noch lange nicht fertig. Für mich, in meiner momentanen körperlichen Verfassung – und es geht mir gar nicht sooo schlecht – wäre das ein nicht mehr durchführbares Unterfangen. Zum Glück lässt auch die Lust darauf nach, so dass ich mich im Rahmen meiner Altersresilienz im vorhandenen Garten verwirkliche. Das unterscheidet mich jetzt gerade von meinen Kindern. Die haben noch viele Pläne für jetzt und für die Zukunft. Und so kommt es auch dazu, dass sich die Jugend mit ihren Ansichten und das Alter mit seinen Einschränkungen, schon alleine in der Planung auseinander bewegem.

Wichtig ist sicher der Aspekt der Zufriedenheit im Alter. Zufriedenheit mit dem, was jetzt gerade ist und Zufriedenheit mit dem, was dein Leben ausgemacht hat und gerade ausmacht. Simone de Beauvoir hat eine Abhandlung über das Alter geschrieben. Danach ist das Leben wie ein Gesamtwerk zu betrachten, welches wir erschaffen haben und beeinflussen und das wir als wertvoll betrachten. Die Betrachtung können wir aber erst vornehmen, wenn wir älter sind. Jetzt können wir das Leben rückblickend wie ein Lebenswerk in seiner Gesamtheit sehen und es annehmen so wie es ist, mit guten und mit weniger guten Seiten.

Man kann es aber auch so betrachten wie ein Fußballspieler: früher hast du sehr gerne gespielt und bist dem Ball hinterher gejagt. Wenn jetzt der Ball auf dich zukommt ist es in Ordnung. Du versuchst immer noch den Ball zu stoppen und zu verwandeln. Aber du gehst keine weiten Wege mehr.

In diesem Sinne, ein schönes Alter!

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2 Kommentare zu „Das Altern – ein endlicher Prozess

  1. Lieber Friedricha, danke für diesen Beitrag. Ich finde aber besonders wichtig, trotz der größeren Anstrengung unbedingt auch im Alter immer wieder etwas Neues dazu zu lernen. Nur dann bleibt das Gehirn in Schwung und rostet nicht ein. Es reicht nicht, nur die alten gewohnten Handlungen und Prozesse zu denken. Also unbedungt die Lust auf Neues zu entdecken bewahren! In diesem Sinn bleiben wir im Kopf lebendig, auch wenn die körperliche Vitalität langsam nachlässt. Mit herzlichen Grüßen, Monika

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