Meine Ohren können flirten
Meine Frau ist schuld daran. Sie ist der Meinung – und da hat sie nicht unrecht, dass ich manchmal – oder zumindest meistens – Probleme habe, fremde Frauen anzusprechen. Ich sollte das ruhig mal probieren, damit ich diesbezüglich meine Hemmungen verliere. Jetzt war ich auf Dienstreise und hatte so im Hinterkopf, eine sich mir vielleicht bietende Gelegenheit – nur so zum Üben – mal auszuprobieren.
Kurz vor der Landung des Flugzeuges ging ich nochmal auf die Bordtoilette, um mir den letzten Schliff für das Aussteigen und das Betreten des Hotels zu geben und um für eventuelle Gelegenheiten einfach gewappnet sein. Da sah ich es urplötzlich im Spiegel. Bei aufgesetzter Maske stand das rechte Ohr, im Vergleich zum linken Ohr, viel weiter vom Kopf ab. Das war mir früher nie aufgefallen und erst jetzt, als ich die Maske herunternahm, fiel mir der vergrößerte Ohrabstand rechts wie ein Makel ins Auge. Da half weder eine Grimasse noch ein sanftes Hindrücken; ganz langsam kehrte das Ohr in seine Segelstellung zurück. Das fand ich ungemein irritierend und ich stellte mir vor, wie meine asynchrone Ohrstellung wohl auf eine fremde Frau wirken würde, wenn ich sie anspräche. Sicher würde sie sich verwirrt von mir abwenden und meinem kläglichen Selbstbewusstsein einen weiteren Todesstoß versetzen. Dieser Gedanke ließ mich auch nicht mehr los, als ich den Schlüssel von der Rezeptionistin bekommen hatte, im Zimmer war, mich für einen Moment auf das Bett legte und vor mich hin sinnierte. Gegenüber an der Wand befand sich ein großer Spiegel – und ich traute meinen Augen kaum. Mein rechtes Ohr und danach auch das linke Ohr, begannen sich wie Flügel auf und ab zu bewegen. Dabei fingen sie an zu wachsen und schoben sich wie Engelsflügel aus der Schläfe heraus. Die Ohren flatterten immer heftiger auf und ab, so dass ich mich plötzlich – wie eine Möwe – ganz langsam in die Luft erhob und über dem Bett schwebte. Nun gut, das Bild erinnerte mich eher an einen fliegenden Elefanten und es sah sehr tollpatschig aus, weil die Flügel, im Vergleich zum Körper, sehr zierlich waren. Kaum war ich wieder im Bett gelandet, bildeten sich die Ohren wieder ganz anders aus. Sie zogen sich nach außen und formten Tragflächen, wie bei einem Segelflugzeug. Der leichte Luftzug vom geöffneten Fenster ließ mich wieder, vom Aufwind getragen, in der Luft schweben. Meine Ohrtragflächen waren sehr stabil und nach einigem Üben konnte ich einen kompletten Looping fliegen und Pirouetten drehen. Ich war erstaunt, wie schnell ich fliegen gelernt hatte und begann sehr stolz auf meine Ohren zu sein. Es dauerte nicht lange und es kam zu einer erneuten Metamorphose. Die Ohren falteten sich zu einem Trichter, aus dem plötzlich Rauch und ein Düsenstrahl hervorschoss. Ich konnte mich nicht mehr festhalten und schoss wie ein Düsenjäger durch das Zimmer, knapp am Schrank vorbei und verfing mich in der Fenstergardine. Zum Glück, denn sonst wäre ich wohl in die dunkle Nacht hinausgedüst. Vor lauter Herumfliegen war ich schon ziemlich erschöpft, musste aber nicht lange auf die nächste Verwandlung warten. Meine Ohren drehten sich jetzt im Kreis, wurden zu kleinen Drohnenpropellern und rutschten an der Schläfe schräg nach oben, so dass ein Auftrieb entstand und ich kurze Zeit später leise surrend an der Decke schwebte. Dieser Flugbetrieb war sehr einfach; ich musste nur mit den Ohren zucken, um die Flugrichtung zu ändern.
Wie herrlich war das denn!
Als ich am Morgen erwachte, fasse ich sofort an meine Ohren. Sie waren jetzt wieder in der ursprünglichen Form und ich war irgendwie froh darüber, denn mit Rotorblättern hätte ich mich auch nicht so wohl gefühlt. Ich packte meine Sachen zusammen und ging hinunter an die Rezeption, um auszuchecken.
Die nette Angestellte, die mich am Vorabend aufgenommen hatte, sah trotz des frühen Morgens erstaunlich hübsch und frisch aus. Sie trug eine Atemmaske und ihr rechtes Ohr zeigte eine deutliche Tendenz vom Kopf abzustehen. Sie bemerkte, dass ich ihr Ohr musterte und sie betrachtete auch mein abstehendes Ohr.
„Ja, das wäre ihr gestern auch schon aufgefallen mit dem Ohr. Anscheinend wäre bei ihr der Knorpel etwas weicher, aber es würde sie nicht stören. Schließlich sähe das ja bei mir auch besonders gut aus und würde meiner Attraktivität eine besondere Note verleihen. Ob ich nicht noch Zeit hätte zu bleiben, dann könnte man sich weiter austauschen.“
Gerade hatte mein limbisches System im Kopf die Welt in rosa kreiselnde Farben getaucht, als das Taxi zum Flughafen ankam. Wer weiß, was meine Ohren sonst noch für Flirterfahrungen gemacht hätten. Sicher scheint mir jedoch jetzt zu sein, dass man auch mit Segelohren Frauen kennenlernen kann. Solche Ohren verbinden. Und wenn ich mal Propellerohren kriege, ist meine Frau Schuld.
Fao210417