Träge Masse

Träge Masse

Es ist nicht immer gut up to date zu sein. Es hat schon Vorteile und zeigt, dass man am Leben teilnimmt. Aber es ist nicht wirklich immer gut. Mein ganzes Leben habe ich versucht vorne mitzuhalten und immer mit an der Spitze einer Bewegung zu sein. Ich habe Einradfahren gelernt und bin auf Stelzen gelaufen, bin auf dem Surfbrett gestanden und habe beim Stand up Paddling geschnuppert. Das konnte man ja alles noch als sportliche Betätigung betrachten. Die Weiterentwicklung und Modernisierung schenkt uns jedoch immer wieder neue Herausforderungen und Spielsachen, sowohl für den Freizeitbereich als auch für den Gebrauch im täglichen Leben. Als ich schon älter war wechselten die Fahrräder in den Elektrobereich, es gab Skateboards, Hoverboards und Segways. Die Entwicklung der Tretroller zu elektronischen Gefährten mit Batterie und großer Reichweite schienen ideal zu sein, um die Einschränkung beim Gehen im Alter zu kompensieren. Zusammengeklappt, in den Kofferraum, in die Stadt fahren, auspacken, losfahren. So einfach geht das, ein Mobilitätsgewinn erster Güte.

Um sich alles weitere besser vorstellen zu können, ist ein kurzer Blick in die Physik wichtig.

In der Physik ist Trägheit, auch Beharrungsvermögen, das Bestreben von physikalischen Körpern, in ihrem Bewegungszustand zu verharren, solange keine äußeren Kräfte oder Drehmomente auf sie einwirken. Eine solche Bewegung wird Trägheitsbewegung genannt. Das Maß für die Trägheit eines Körpers gegenüber Beschleunigungen seines Massenmittelpunktes ist seine Masse. Die träge Masse ist das Maß für die Trägheit eines Körpers, also ein Maß dafür, wie groß eine Kraft sein muss, um eine bestimmte Beschleunigung eines Körpers zu bewirken. Eine große träge Masse sorgt beispielsweise dafür, dass ein auf ebener Strecke rollendes Gefährt nur mit großem Kraftaufwand anzuhalten ist. An solchen Gesetzen hat auch Einstein geforscht und letztendlich war das auch eine der Grundlagen für seine Relativitätstheorie.

Es war nun nicht so, dass ich den Beweis für die Forschungen von Einstein unmittelbar antreten wollte und auch von den Newtonschen Gesetzen hatte ich keine Ahnung mehr. Ich habe erst einmal gar nicht daran gedacht, obwohl die physikalische Erklärung für mein – sagen wir – Missgeschick, einleuchtend ist.

Im jugendlichen Alter von fast 65 Jahren denken bestimmt viele Menschen, dass man keinen E-Scooter mehr fahren sollte, wenngleich viele Gründe dafürsprechen. Wenn man damit fährt, wäre es wichtig, beide Hände an der dünnen Lenkstange zu haben, auch wenn es kalt ist. Es war kalt und ich bin auf einer recht holperigen Strecke gefahren. Mit der rechten Hand habe ich Gas gegeben, deshalb die linke Hand genommen um den Reißverschluss meiner Jacke ganz nach oben zu ziehen. Wie gesagt, es war sehr kalt. Schon oft bin ich Schotterwege und schlechte Straßen gefahren und nie war etwas passiert. Der E-Scooter hat ja breite Reifen und ist sehr geländegängig. Trotzdem war an diesem Tag alles anders. Die beschleunigte Masse des E-Scooters mit Fahrer hätte diesen Stein locker überfahren sollen. Aber es hat gerade nicht gereicht. Der Widerstand des liegenden Steines gegen das leicht auslenkbare Vorderrad des Skooters. An diesem Tag hat der Stein gewonnen. Das beschleunigte Gefährt war in seiner Masse nur unwesentlich der Trägheit des liegenden Steines unterlegen und wurde deshalb mit einem einzelnen Ruck nach links verzogen und enorm abgebremst. Die träge Masse des Fahrers war, auch wenn die Geschwindigkeit insgesamt gering war, beschleunigt und folgte, ohne dass ich es hätte verhindern können, den physikalischen Gesetzen. Nach minisekundenlangem und – da das Gefährt unter mir eine andere Richtung einschlug -freiem Flug, erfolgte ein parabelförmiger Steilflug nach unten. Auch ein gepflasterter Weg ist eine sehr träge Masse und hat eine sehr große Härte. In der Jugendzeit hätte ich diesen Flug genossen, hätte mich elegant abgerollt, um nach der zweiten Umdrehung wie eine Katze wieder auf den Beinen zu stehen.

Scheinbar verwächst sich jedoch die Eleganz mit zunehmendem Alter und es bleibt die physikalische Reaktion. Träge Masse auf hartem Boden bedeutet dasselbe wie wenn ein Becher Götterspeise oder Pudding auf den Boden gekippt wird. In der Luft hält sie noch einigermaßen seine Form, beim Aufprall wirkt jedoch eine Summe von Kräften, die den Pudding stark abflacht und möglicherweise zerspringen lässt.

So ähnlich mögen die Menschen gedacht haben, die gerade in die gegenüberliegende Bank gehen wollten und meine Demonstration der Physik vor sich sahen. Ein fliegender Pudding, der am Boden landet. Den Anflug von Scham hatte ich schnell überwunden, war ich doch auf allen Vieren aufgekommen und konnte alles bewegen. Schnell war ich wieder auf den Füßen.

„Ist was passiert?“

„Nein, alles ok, ich bin ja nicht schnell gefahren“. Auf die Aussage – Grundlagen der Relativitätstheorie beweisen zu wollen – war ich so schnell nicht gekommen.

Ich fuhr noch mit meinem unversehrten Gerät nach Hause, warf ihm einen vernichtenden Blick zu, sperrte ihn wie zur Strafe in den Geräteraum und machte mich an meine Schreibtischarbeit.

Der Schmerz kam schnell und heftig und ich war gezwungen zum Röntgen zu fahren. Sicher hatte sich weder Newton noch Einstein damals gedacht, dass eine laterale Tibiakopffraktur auch in der Neuzeit noch als Beweis für ihre Gesetze dienen kann.

Und unabhängig für meine elegante physikalische Beweisführung: Bin ich vielleicht einfach zu alt für die Wissenschaft?

fa201105   

Es knackt

Es knackt

Bei jedem Schritt tritt dieses Phänomen auf. Zwar nur ganz fein und man muss genau hinhören. Aber dann hört man es. Ein leichtes Knacken, so als ob ein dürrer Zweig bricht auf den man gerade tritt. Und man merkt es auch, denn das Knacken ist mit einem kleinen Impuls verbunden, so als wenn jemand mit einem kleinen Hämmerchen klopft. Und das bei jedem Schritt. Bei jedem Schritt im Knie, wenn das Knie ungefähr 45 Grad gebeugt ist. Man kann schon direkt darauf warten. Bis zur Küche: 10 Knacker. Bis in den Garten: 30 Knacker. Bis in den Garten zu gehen ist interessant, denn da ist eine Treppe zu bewältigen. Es ist interessant, weil dabei das Knacken nicht alleine ist. Das Knacken wird begleitet von einem vibrierenden, knisternden Geräusch, jedes Mal, wenn die Kniescheibe sich bewegt und scheinbar über die Kante der Knieprothese gezogen wird. Treppe laufen, ohne dass sich die Kniescheibe bewegt, geht nicht. Also ein Knacken und ein schabendes Geräusch, als wenn man ein Stück Holz über Sandpapier zieht. Ich bin durch mein Knieorgan nicht zu überhören. Ein, wie früher, katzenartiges Anschleichen wird nicht mehr möglich sein. Ich bin einfach hörbar, wenn ich erscheine. Oft schenken mir die Menschen einen irritierten Blick mit der Frage, was das wohl für ein Geräusch wäre. Manchmal beantworte ich die ungefragte Frage indem ich sage: “Ach, mein Knie“, und dabei reibe mit der Hand sachte über das Knie, um die Aufmerksamkeit auf den Verursacher zu lenken. Manchmal bewege ich auch den Kopf leicht nach hinten, so als ob ich dieses Geräusch auch gerade zum ersten Mal gehört habe und schaue mich verwundert um, wo das wohl herkommt.

Knacken bei Maschinen, beim Holz im Wald oder allgemein in der Natur ist man gewohnt. Ein Knacken von Gelenken klingt für menschliche Ohren nicht so gut, klingt gefährlich und bedrohlich, so als ob etwas total kaputt ist. Knacken ist wahrscheinlich mein Preis. Mein Preis für das Abhanden sein von Schmerzen. Vor der OP hatte ich viele Schmerzen, auch bei jedem Schritt. Ich konnte es mir quasi aussuchen. Knacken oder Schmerzen. Ich habe das Knacken gewählt. Allerdings hat mir vorher niemand gesagt, dass tausendfaches Knacken am Tag ganz schön auf die Nerven geht. Manchmal ist es so oft, dass ich es gar nicht mehr höre, weil ich es fast schon gewohnt bin und meine Schutzmechanismen dies aktiv überhören.

Aber dann ist es plötzlich wieder ganz laut da und nervt.

Ich stelle mir vor, ich bin in der Kirche und gehe zur Kommunion, von hinten durch den Mittelgang nach vorne. Das hat mir früher schon viel Selbstvertrauen abverlangt. Jetzt aber entsteht schon beim Aufstehen ein knackendes Schrabbern. Schon habe ich die Aufmerksamkeit der halben Bank, nicht nur meiner Bank, sondern auch der Bank vor und hinter mir. Dann der Weg nach vorne. Ich stelle mir vor, alles verstummt, die Orgel hört auf und die Menschen bilden eine Gasse, um mich durchzulassen. Von einem staccato artigen Geräusch begleitet bewege ich mich also nach vorne, bis ich beim Priester angekommen bin. Ich habe die Aufmerksamkeit der gesamten Kirchengemeinde.

Seit zwei Tagen ist es zu einer massiven Steigerung meines tonalen Arrangements gekommen. Vorher war noch alles in Ordnung. Ich habe weder zu viel gegessen oder gekaut und auch nicht zu stark gegähnt. Es war am Morgen einfach da. Ohne Ankündigung, und ich habe es gar nicht gleich gemerkt. Erst als ich in das getoastete Brötchen beißen wollte und den Mund öffne: ein klirrender, hörbarer, pistolenartiger „Plopp“ im linken Kiefergelenk. Meine Frau schaut mich an. Ja es ist laut hörbar. Und egal wie ich den Kiefer bewege, schnell oder langsam, mehr links oder mehr rechts, es ploppt. Zum Glück nur bei Öffnung des Mundes, nicht auch noch beim Schluss. Das wäre der Doppel-Plopp. Ich produziere also mit meinem Körper insgesamt eine Summe von Geräuschen. Wenn ich jetzt die Treppe hinabsteige und dabei auch noch kaue: „Plopp, Schnarr, Knack, Plopp“.

Der Mensch hat ungefähr 140 echte Gelenke. Das macht 140 mögliche Geräusche. Wahnsinn, was da noch auf mich zukommt. Das wird sich dann wie der Auftritt einer Rhythmusgruppe in der Fußgängerzone anhören. Toll, was das Alter einem schenkt. Scheinbar als Ausgleich tritt jedoch die leichte Schwerhörigkeit auf. Es macht mir dann nicht mehr so viel aus, wenn der Rhythmus kommt, ich höre es nicht mehr so intensiv. Aber die Leute beachten mich. Durch eine Menschenmenge komme ich einfach gut durch, auch wenn die Leute sicher denken: „Was für ein alter Knacker“.

Ich stelle mir wieder die Situation in der Kirche vor. Ich bin als geräuschvoll vorne beim Pfarrer angelangt und es geht zur Kommunion. Ich öffne den Mund: “ Plopp“. Ein erstaunter Pfarrerblick und vor Überraschung fällt ihm die Hostie aus der Hand und landet auch mit einem „Plopp“ wieder in der Schale. Passiert selten, aber Wahnsinn, was Geräusche für eine Wirkung haben können!

fa200510

Und danach???? – Teil 3

Homeoffice ist eine gute Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten.

Homeoffice spart Zeit und schont die Umwelt. Videokonferenzen ersetzen den Flug in die Firmenzentrale und schonen die Umwelt. Die digitale Anbindung muss, vor allem auch auf dem Lande, weiter ausgebaut werden. Voraussetzung ist der weitere Ausbau des Internets und der Übergang in die 5G-Technologie. Wir müssen auch wieder lernen uns mit unseren eigenen Kindern auseinander zu setzen. Was ist denn aus uns geworden, dass wir zu Hause, völlig überfordert, nicht mehr mit unseren eigenen Kindern fertig werden, oder dass gefordert wird den shutdown zu beenden, weil es den Kindern zu Hause durch die Eltern schlecht geht oder sie gar misshandelt werden? Das verstehe ich nicht so ganz. Kinder zu Hause zu haben ist anstrengend, das ist klar, aber das gab es doch schon immer.

Auch hier gelingt jetzt in Zukunft vielleicht eine größere Anerkennung von Alleinerziehenden, von Müttern, von Erzieher/innen und Lehrer/innen.

Reisen ist für Viele absolut selbstverständlich geworden.

Viele gehen während eines Jahres auch mehrfach auf Reisen, einfach weil man es sich leisten kann. Wir denken einfach nicht mehr nach, unabhängig von dem was es kostet, was es der Umwelt antut. Es steht uns einfach zu, so wie das Essen, das wir uns leisten können, so wie die sozialen Kontakte, die wir uneingeschränkt pflegen können, so wie die Sicherheit, in der wir leben. Wir sollten lernen auch dafür ein Bewusstsein zu entwickeln, denn jetzt sehen wir, dass das alles gar nicht so selbstverständlich ist.

Mit knapp 1,5 Milliarden internationalen Reiseankünften war das weltweite Tourismusaufkommen im Jahr 2019 so hoch wie nie zuvor. Mit wenigen Ausnahmen ist die Anzahl der grenzüberschreitenden Reisen in jedem Jahr weiter gestiegen und ist heute etwa 10 Mal so hoch wie noch vor 50 Jahren. In jeder Sekunde sind gerade weltweit 2 Millionen Menschen in der Luft unterwegs.

Wir sehen gerade jetzt, wie die uns auferlegten Reisebeschränkung der Umwelt und der Natur guttun, wie die Natur aufatmet. Wir müssen lernen wieder mit mehr Demut zu reisen, denn die Schönheit der Umwelt und der Natur ist nicht selbstverständlich. Müssen wir wirklich jeden Winkel der Welt erkunden, muss ein Junggesellenabschied eine Reise nach Mallorca nach sich ziehen. Es ist natürlich auch zu beachten, dass an jedem Jet 220 Arbeitsplätze hängen. Wenn 50 Jets ausgemustert werden, ist das schon eine Menge an Arbeitsplätzen, die verloren gehen.

Reisen werden auch in Zukunft durchgeführt und ich hoffe, dass sich der Tourismus vermehrt nachhaltig gestaltet. Das hält auch für die Zukunft den Tourismus und die dazugehörigen Arbeitsplätze am Leben.

Jetzt ist die Zeit das alles zu überdenken und die richtigen Weichen zu stellen. Es ist nicht notwendig alles so wiederherzustellen wie es war. Veränderungen sollten jetzt erfolgen und nicht erst bei der nächsten Krise.

Und danach??? Die Menschheit hat schon viele Krisen überwunden, auch dadurch, dass man eben nicht den Versuch unternommen hat, den Status, der zur Krise geführt hat, wiederherzustellen. Wie so oft sind neue Wege gefragt.

Die Zukunft lacht.

Und danach???? – Teil 2

Es kommt die Zeit und dann ist Covid-19 auch wieder abgehakt.

Wir haben gesehen – und hoffentlich bleibt das auch in den Köpfen – dass Vieles was wir haben: unser Gesellschaftssystem, unser Krankensystem, unser politisches System und unsere Familien, dass dies alles wichtig ist. Sonst eher gering geschätzte Berufe, wie die Kranken- und Altenpflege, die Lehrer und Erzieher, die Verkäuferinnen, die Versorger allgemein, haben jetzt einen wichtigen Status erlangt und sind plötzlich systemrelevant. Das sollte unserer Gesellschaft zumindest eine höhere finanzielle Vergütung wert sein.

Wie gehen wir in Zukunft mit der Umwelt um?

Ein Lern- und Umdenkprozess hatte angefangen, wurde jedoch jetzt in den Hintergrund gedrängt. Der Himmel ist blauer als vor wenigen Monaten, die Luftverschmutzung deutlich reduziert; Klimaziele könnten wieder in Reichweite sein. Diese guten Ergebnisse können sich schnell wieder ändern, wenn die Industriemaschine wieder hochfährt. Wollen wir genau das oder schaffen wir uns gleich andere Technologien an, die auch für die Zukunft tragbarer sind? Es braucht Entlastung von Klima und Umwelt und es braucht Perspektiven für die Beschäftigten. Beides ist gut miteinander vereinbar, wenn man es nur will.

Es wird die Aufgabe des nächsten Jahrzehntes sein diesen gordischen Knoten zu lösen. Es braucht die Wirtschaft und dessen Wachstum wegen der Arbeitsplätze, aber wir können nicht so weitermachen wie bisher, das würde noch mehr Natur zerstören und letztendlich Arbeitsplätze und Leben vernichten.

Die Gesellschaft wird sich durch die Krise verändern.

Ich zumindest habe wahrscheinlich Freunde verloren, weil ich nicht an deren Verschwörungstheorien glaubte und sich unvereinbare Gegensätze auftaten. Es ist zu sehen, dass sich Länder in Europa und auch Bundesländer in Deutschland wieder viel mehr abschotten und ihre eigenen Lösungsstrategien suchen. Es ist jedoch positiv zu merken, dass in der Krise auch mal schnelle Hilfen und Lösungen ohne den üblichen Bürokratismus gefunden werden. Auch für das Klima sollten weitere unbürokratische Hilfen gefunden werden, denn auch dadurch drohen für die Zukunft soziale, ökologische und ökonomische Krisenszenarien.

Unser Gesundheitssystem funktioniert gut.

Auch weltweit steht Deutschland, im Vergleich mit vielen andern Systemen, sehr gut da. Es gibt im Notfall genügend Krankenhausbetten und medizinische Technik. Die Ausstattung mit dem Personal ist jedoch schwierig. Zwar systemrelevant, aber, wie schon gesagt, deutlich zu wenig wertgeschätzt und bezahlt. Diese Aufrüstung wird viel Geld kosten, und um für kommende Krisen gerüstet zu sein, muss Material und Medizin vorgehalten werden.

Die Finanzierung der Krankenhäuser sollte nicht nur von privaten börsenorientierten Gesellschaften, sondern auch vom Staat durchgeführt werden. Es darf dabei nicht nur um Gewinn gehen denn das kostet Menschenleben.

Es braucht auch eine viel bessere Vernetzung der Leistungserbringer, es braucht den Austausch von Daten und die elektronische Patientenakte, ohne dass man Angst vor Missbrauch haben muss.

Es braucht auch ein besseres Bewusstsein der Patienten für Krankheiten. Gerade jetzt ist es so, dass man als Arzt den Patienten bei banaler Erkältung gar nicht sehen muss und ihn einfach per Telefon krankschreiben kann. Dies war vor der Krise, wäre dem Patienten etwas zugestoßen, noch ein ärztlicher Kunstfehler. Und ehrlich gesagt, nicht jede Erkältung muss der Arzt sehen, nicht jeder Rückenschmerz braucht ein CT und nicht jeder Bauchschmerz eine Magenspiegelung. Man hört zu oft von den Patienten: „Aber das steht mir doch zu“.

Und danach???? – Teil 1

Und danach???

Ja, es geht wieder aufwärts. Die Lockerungen sind schon spürbar. Auf der Autobahn sind merkbar mehr Fahrzeuge unterwegs und im Alltag füllt sich der öffentliche Raum wieder mit Menschen. Endlich wieder zurück in die alte Normalität. Normalität? Oder zurück in das alte gewohnte Chaos. Der Wendepunkt ist da und genau an dieser Stelle ist es ganz gut sich zu fragen was man selber will und was die Zukunft bringen soll.

Wenn mein Rechner abgestürzt ist und nur die Festplatte gerettet wurde, gehe ich in mein Computergeschäft und die spielen auf den neuen Computer alle Programme und Daten 1:1 wieder auf. Neuer Computer mit allem was an alten Daten vorhanden war, die wichtigen Sachen und auch der ganze Mist, den man mal produziert hat und die außerdem die Programme, die auch sonst nicht so richtig gelaufen sind. Ist es nicht besser, genau jetzt etwas Mühe zu investieren und nur die wirklich guten und wichtigen Dinge in die neue Zeit mit hinüber zu nehmen, ohne den alten Ballast? Es kostet Zeit und die Mühe des Nachdenkens, aber es rentiert sich.

Zumindest für unseren ländlichen Lebensraum habe ich festgestellt: die Menschen sind, mit kleinen Einschränkungen, nicht unzufrieden mit der Situation wie sie bis jetzt in den letzten Wochen war. Der Termindruck, der einen aufgefressen hat, der Freizeitstress, den man sich selber gemacht hat, die ganze Tagesroutine, die einen gelenkt hat. Wir haben alles mitgemacht, weil es nun mal so war. Man reflektiert nicht mehr was man eigentlich will, sondern man funktioniert, weil es so ja auch läuft.

Jetzt bietet sich die große Chance für jeden und auch für die Gesellschaft, die Zukunft neu zu überdenken und neu zu planen und so manches anders zu machen. Wir können, da wir aus unserer Alltagsroutine herausgerissen wurden, und damit auch unsere Komfortzone aufgebrochen ist, jetzt unser Leben und unsere Zukunft mehr aus der Distanz betrachten. Vielleicht beschleicht uns das Gefühl, dass unser normales Leben gar nicht so normal war. Immer weiter, immer schneller, immer höher? Ich habe mich schon immer gefragt, wie weit das noch gehen soll, und es kann doch gar nicht sein, dass es immer so weiter geht.

Eine Krise bedeutet Änderung und in der Krisenzeit werden Alternativen zum bisherigen Leben wieder in den Vordergrund gerückt und neu überdacht.

Und wäre es wirklich so schlimm, wenn sich einzelne Dinge jetzt ändern, auch solche Verhaltensregeln, die bis jetzt unabänderlich waren? Doch so viele Menschen jammern und klagen über diese vermeintliche Einschränkung von Grundrechten und Verlust von persönlicher Freiheit.

Nimmt etwa die Lebensqualität ab, wenn man nicht mehr im Billigflieger für 79 Euro oder weniger nach Mallorca fliegt und sich dann auch noch beschwert, dass trotz des niedrigen Preises kein Essen dabei ist?

Sind innerdeutsche Flüge unbedingt notwendig, da auch der Zeitgewinn nur gering ist?

Sind Kreuzfahrtschiffe so wichtig, dass ein Verbot meine Grundrechte einschränkt?

Muss ich mit dem Benziner nach München und zurück fahren, nur weil ich etwas schneller da bin? Klar muss ich mein Elektroauto laden, das dauert in der Tat etwas länger als Benzin zu tanken. Aber ich komme entspannter an, habe das Geld für 720 km Benzin gespart und etwas für die Umweltbilanz getan.

Was wurde geschimpft als die Pflicht kam, im Auto die Sicherheitsgurte anzulegen, wie schlimm war es für viele, als das Rauchverbot kam. Jetzt will doch wirklich keiner mehr zurück, denn die Todesfallraten für diese Bereiche wurden dramatisch gesenkt. Und auch das alles war immer verbunden mit dem Vorwurf, die Grundrechte würden eingeschränkt.

Sollte die Erderwärmung weiter ansteigen, wird wirklich alles anders. Die Lebensumstände werden so katastrophal sein, dass dann ein Leben ohne verordnete Einschränkung von Grundrechten gar nicht mehr möglich ist. Der gesamte gesellschaftliche Luxus muss reduziert werden, damit langfristig die Grundrechte nicht eingeschränkt werden müssen. Das sollte so irgendwie in die Köpfe rein.

Jetzt ist wieder mal der Moment „Krisenzeit“, in der wir einfach merken, dass wir menschliche und sterbliche und natürliche Wesen sind. Zum Glück und wegen unserem guten Gesundheitssystem und der vorrausschauenden Politik, hat uns das Sterben nicht so getroffen. Wir leben in und mit der Natur und ohne eine einigermaßen intakte Natur können wir nicht leben. Auf keinen Fall stehen wir über der Natur. Es ist klar, dass die Zerstörung der Natur, das Eindringen des Menschen in Naturreservoirs und Lebensräume der Tiere solche Ausbrüche wie Covid 19 begünstigen. Den meisten Wissenschaftlern ist auch klar, dass dies nicht der letzte Ausbruch sein wird. Möglicherweise war dies nur die Generalprobe für die nächste Pandemie.

Der kleine grüne Wanderer

Der kleine grüne Wanderer – Das Problem unter der Maske

Beim Niesen entsteht eine kleine Explosion. Mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde schießt das Sekret aus Schleim und Tropfen aus dem Mund heraus. Entscheidend ist, dass die Tröpfchen nicht einfach geradeaus fliegen. Sie bewegen sich in einem komplexen Gebilde von Kaskaden durch die Luft, nachdem sie den Mund verlassen haben.

Unter hohem Druck und mit hoher Geschwindigkeit schießt die Flüssigkeit beim Niesen heraus und vermischt Tröpfchen mit Schleimhautsekreten aus Mund und Nase. Sie vermischen sich dann zu einer Wolke aus großen und kleinen Tropfen. Die dicken fallen früher heraus, während kleinere Tropfen länger in der Wolke bleiben und immer wieder neu verteilt werden. Diese können bis zu zwölf Meter weit fliegen, deutlich weiter als noch vor einigen Jahren angenommen. Gefährlich sind also auch die Tropfen, die nicht durch direkten Kontakt auf der Haut landen. Sie übertragen zum Beispiel Grippe-, Masern, – und Coronaviren nicht nur über die Luft. Sie lagern sich auch auf Oberflächen ab oder erreichen Belüftungsanlagen an der Raumdecke, die dann die Tropfen und damit auch Viren durch die Luft wirbeln und im ganzen Raum verteilen.

Bei jedem Menschen hört sich das Niesen anders an. Einige bemühen sich, die kleine Explosion, die sich kaum unterdrücken lässt, dezent zu gestalten. Andere schnauben so laut und heftig, dass die Umgebung zusammenzuckt, oder verpacken die Körpereruption in ein ausgesprochenes: „Hatschi!“ Auch beim Sprechen gibt es kleine Wolken; somit ist das Tragen von Masken auf jeden Fall notwendig.

Bei mir ist das Niesen eine ausgesprochene Granatenexplosion. Bei mir ist das Niesen nicht nur eine Kaskade von Tröpfchen, es ist einfach mehr. Das Niesen in die Hand: da kann ich direkt zum Waschen gehen. Das Niesen in die Ellenbeuge: das Hemd kann ich bestimmt wechseln. Das Niesen unter der Maske; ich kann mir das gut vorstellen. Ich habe da einschlägige Erfahrungen.

Wie gesagt, das Niesen ist bei mir mehr. Neulich war ich bei meinen Bienen und hatte die Schutzhaube auf, da die Bienen, es war schon ein schwüler Tag, heftig und auch aggressiv geflogen sind. Vorne an der Maske ist ein Gitter aus Flies mit so kleinen Öffnungen angebracht, sowohl zum Schutz als auch zum Durchschauen. Hier passen die Bienen garantiert nicht hindurch.

Ausgerecht jetzt fing es an – wahrscheinlich durch die Polle – mir heftig in der Nase zu kitzeln. Empört habe ich die Nasenspitze verzogen um diesen Reiz zu unterdrücken. Ging nicht. Ging gar nicht. Ehe ich mich versah, begann der Prozess des Niesens sich unaufhörlich seinen Weg zu bahnen. Niesen ist wie gesagt bei mir mehr. Und es kam auch mehr. Also nicht nur eine Kaskade von kleinen unsichtbaren Tröpfchen, es war mehr ein Vulkanausbruch mit Lavaeruption. Das alles spielte sich unmittelbar vor meinem rechten Auge ab; ich hatte quasi alles klar im Blick.

Die Lava stellte sich bei mir als ein Klumpen von grünlichem Material heraus, welcher wie ein Geschoss den Mund-Rachenraum verließ und nach kurzem Flug von innen an dem Flies hängen blieb. Durch den plötzlichen Stopp wurde die Flugenergie in Druckenergie umgewandelt und das wabernde grüne Fluggebilde wie ein Pfannkuchen gegen das undurchdringliche Flies gepresst, um sich dann, eine Millisekunde später, durch die Adhäsionskräfte wieder zusammenzuziehen, um eher wieder die ideale Form einer Kugel anzunehmen. Auch diese Form hielt nicht lange und die klebrige Masse wurde durch die Schwerkraft nach unten gezogen. Langsam bildete sich an der Unterseite ein spitz zulaufender Kegel, der zunehmend die über ihm hängende Masse nach sich zog. Als wenn Leben in ihm wäre, rollte  und zog sich so das ausgehustete Gebilde, wie ein Lebewesen aus einem Science-Fiction-Film, langsam nach unten, bis es in meinem Halsausschnitt verschwand. Das Gefühl, wenn ein mittlerweile erkaltender Schleimpfropfen auf der nackten Haut ankommt und in das Hemd kriecht, möchte ich nun nicht weiter beschreiben.

Wichtig ist, dass ich dem Versuch widerstand die Bienenhaube abzunehmen. Da wären mir einige Bienenstiche sicher gewesen.Wichtig ist zu wissen, dass dies auch unter einer normalen Atemschutzmaske passieren kann, wie sie jetzt überall angeboten und gefordert werden. Allerdings haben viele Masken eine Querfältelung  die diese kleinen grünen und zähen Wanderer einfach aufnehmen kann.

Also: die Maskenpflicht ist notwendig und das Niesen unter der Maske ist erlaubt.

Maskenpflicht

Maskenpflicht

Ja, jetzt sind wir soweit. Das Tragen von Gesichtsmasken ist empfohlen und in Teilbereichen unseres Lebens Pflicht. Wieder eine Einschränkung der persönlichen Freiheit denken so manche und werden dabei ganz wütend. Aber vergessen wir nicht: Eine solche Empfehlung oder Anweisung kommt ja nicht einfach so, sondern sie lässt sich, wie die meisten Aktionen zur Zeit, sehr gut begründen.

Mich stört das Tragen einer Maske nicht, aber auch ich muss mich daran im täglichen Leben gewöhnen. Früher als ich noch im Krankenhaus gearbeitet habe, hatten wir Operationen die über 8 Stunden dauerten. Da konnte auch keiner die Maske abnehmen, geschweige denn essen oder aufs Klo gehen. Danach die Maske abzunehmen war natürlich eine Wohltat.

Bei meiner jetzigen Arbeit als Praxisvertreter trage ich in der Praxis und bei den Hausbesuchen auch permanent die Maske. Es ist nur ungewohnt, dass dies jetzt auch die Patienten tun. Das führt auch wieder zu ungewohnten Situationen. Der Patient sitzt vor mir, ich sehe nur die Augen, kurzer Haarschnitt und ich kenne nur den Nachnahmen. „Guten Tag Herr Müller“ beginne ich unser Gespräch, weil unbewusst die Merkmale „männlich“ dominierten. „Äähh, Frau Müller“ antwortete sie, jedoch nicht entrüstet, da auch sie weiß, dass es halt mit Maske schwieriger ist, jemanden zu erkennen.

Die Physiognomie des Gesichtes ist für mich neben der Körperform und dem Gangbild ein wichtiges Erkennungsmerkmal; dann kommt natürlich noch die Sprache dazu. Es dauert jetzt Millisekunden länger, auch wenn man selber angesprochen wird. „Na, auch beim Einkaufen?“ „Ja, klar, ach so, du bist es!“ Man schaut jetzt anders hin und die Augen werden mehr beachtet. Viele Menschen haben so schöne Augen. Wie gut, dass man jetzt da mehr und länger hinschauen kann. Noch trägt jeder irgendeine Maske, aber es wird nicht lange dauern, dann werden bestimmte „labels“ ihre eigenen Masken entwickeln und es wird „in“ sein, genau diese Maske zu tragen. Dann werden wiederum die Augen gar nicht mehr so auffallen.

Viele Menschen sind ohnehin an Masken gewöhnt und gehen sogar damit ins Bett. Feuchtigkeitsmaske, Heilerdemaske, Hydrogelmaske, Paraffin-, Reinigungs- und Peelingmaske, Gurkenmaske und viele andere Arten von Masken werden regelmäßig getragen, auch von Männern! Vielleicht entwickelt sich auch hier eine Industrie: nach außen Gesichtsschutz und nach innen Peeling oder Gurkenextrakt.

Auch an Fasching ist man an Masken gewöhnt. In Kitzingen gibt es ein Fasnachtsmuseum, in dem Masken aus den letzten Jahrhunderten ausgestellt sind. Masken gibt es also schon sehr lange und diese wurden natürlich freiwillig getragen, und bestanden oft aus Holz oder Leder. Da beschwerte sich niemand darüber. Die Masken, die es jetzt gibt, sind doch vergleichsweise leicht und angenehm zu tragen.

Nein, mir macht eine Maske gar nichts aus, auch wenn ich Brillenträger bin und meine Brille beschlägt, wenn die Maske nicht richtig sitzt. Das größere Problem wird sein, eine solche immer dabei zu haben. Aber nach einer gewissen Zeit sind wir es gewohnt und werden diejenigen argwöhnisch betrachten, die keine Maske tragen. Das wird dann schon fast als Körperverletzung betrachtet werden, wenn man von so jemandem mit Feuchtigkeitsgeschossen angeatmet wird.

Also: Masken auf und mehr in die Augen schauen!

Wenn ich eine Schwalbe wäre

Wenn ich eine Schwalbe wäre

Vor circa 3 Jahren habe ich ein Lied geschrieben, bei dem es um die Vögel ging. Es ging um Vögel die in unserem Garten nicht zu sehen waren. Bei einer Umfrage der Zeitung sollten innerhalb eines bestimmten Zeitraumes alle sichtbaren Vögle gezählt werden. Meine Zählung brachte die erstaunliche Zahl von 0 Vögeln. Es gab das Amselsterben und vielleicht auch andere Vogelkrankheiten, die Klimaveränderung und die Pestizide.

In diesem Jahr sehe ich deutlich mehr Vögel, nur wenige Amseln, aber viele Spatzen und Meisen welche die aufgehängten Vogelhäuschen besetzen. Auch an unserem Haus tummelt sich eine erstaunliche und fast unnormale Vielfalt von Vögeln. Auf dem hinteren Kotbrett für die Schwalben brütet ein Taubenpaar auf der einen, und ein Elsterpaar auf der anderen Seite. An der Giebelspitze im Osten hat der Eichelhäher sein Nest gebaut und im Westen der Turmfalke. An der Südseite ist eine Schwalbenkolonie mit einer Reihe von 6 Nestern.

In diesem Jahr kamen die ersten Schwalben am 6. April in unser Dorf. Man merkt das sofort, da sie aus unserem Teich im Tiefflug Wasser aufnehmen. Es waren 3 Exemplare und bis heute sind es auch nur 3 geblieben. Was ist los mit den Schwalben? Ist etwas passiert auf ihrem langen Flug? Vielleicht kommt die große Welle ja noch; es ist ja noch etwas Zeit.

Seit 2015 gilt die Mehlschwalbe auch bei uns als gefährdet; zuviel Brutraum wurde einerseits vernichtet und andererseits kein Ersatz angeboten, viel zu wenig Futter ist zu finden durch großflächige Vernichtung von Insekten. Nicht nur bei uns geht es den Schwalben also nicht gut. Auch der Vogelzug bietet eine Vielzahl von Gefährdungen, so dass nur 30-60 Prozent der Schwalben das 4. Lebensjahr erreichen.

Wenn ich eine Schwalbe wäre, hätte ich ganz schön Angst vor diesem Flug oft über mehrere Tausend Kilometer. Nicht nur das Wetter ist unkalkulierbar, auch Dürren und andere Katastrophen sind gefährlich. Und was für ein Elend ist auf diesem Weg zu sehen, ein Krieg oder kriegerischer Akt nach dem anderen, eine Klimakatastrophe nach der anderen. Auch das Übernachten ist gefährlich. Nach Schätzungen der Organisation Birdlife Cyprus wurden im Herbst 2014 rund 2 Millionen Zugvögel für den Verzehr gefangen und verkauft. Insgesamt waren 16 km Netze gespannt und 6000 Klebefallen an den Zweigen angebracht. Auch auf Malta, in Frankreich und in einigen afrikanischen Ländern sterben jährlich massenhaft Vögel auf ihrem Zug nach Süden. Der Vogelfang in Ägypten hat mengenmäßig so zugenommen, dass einige Vogelarten in ihrer Existenz bedroht sind. Lars Lachmann – Naturschutzbund Deutschland: „Etwa 140 Millionen Zugvögel landen jeden Herbst in den Fallen ägyptischer Vogeljäger.“ Dies sind nur wenige Beispiele.

Wenn ich eine Schwalbe wäre, was sollte ich machen? Lieber hier bleiben – das Klima ändert sich ja schon – oder den gefährlichen Flug unternehmen.

Wenn ich eine Schwalbe wäre, hätte ich ziemlich Angst vor Hunger, vor Verfolgung, vor Vernichtung von Lebensraum und vor Vertreibung aus dem gewohnten Lebensraum. Wenn ich eine Schwalbe wäre, würde ich lieber eine Schwalbe bleiben, denn vielen Menschen geht es ganz genauso schlecht oder schlechter.

Wenn ich eine Schwalbe wäre, würde ich wahrscheinlich den Weg wieder antreten, würde mir ein gutes Futterpolster zulegen und im Herbst wieder losfliegen.

Wenn ich eine Schwalbe wäre könnte ich direkt jetzt schon losfliegen, das Futterpolster habe ich ja schon.

Aber erst einmal den Frühling und den Sommer erleben und darauf hoffen, dass der Hauptzug der Schwalben noch unterwegs ist und bald eintrifft. Dann ist auch wieder das fröhliche Trillern aus den Nestern an unserer Hauswand zu hören.

Zusammenfassung Verschwörungstheorien

Zusammenfassung Verschwörungstheorien/Pascal Wagner-Egger/Psychoscope 2/2018

Immer noch und immer wieder werde ich mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Es wundert mich wirklich sehr, dass sogar Menschen aus meinem nächsten Umfeld Anhänger solcher Theorien sind und mir, gut gemeint, ihre vermeintliche Wahrheit über das System, die Regierung und die Weltpolitik näherbringen wollen. Das zwingt mich jetzt wieder dazu, mich erneut damit auseinander zu setzen. Vergleiche ich diese mir bekannten Personen miteinander so finde ich bestimmte Ähnlichkeiten und Muster, die auf eine bestimmte psychische Grundstruktur hinweisen. Ein Bericht im Psychoscope 2/2018 bietet hierzu eine gute Übersicht. Der Einfachheit halber habe ich diesen Artikel zusammengefasst.

Verschwörungstheorien gab es schon immer, derzeit haben sie jedoch Hochkonjunktur, insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken. Viele Menschen glauben an solche Theorien, wobei unter Verschwörungstheorie eine naive Erklärung eines gesellschaftlich bedeutenden Ereignisses wie der Tod eines Promis, eine Klimakatastrophe, ein Terroranschlag oder Flugzeugabsturz verstanden wird, welche die offizielle Version infrage stellt und eine Intervention einer im Verborgenen agierenden Gruppe annimmt. Dabei ist die große Mehrheit der im Internet und anderswo kursierenden Verschwörungstheorien im besten Fall spekulativ und im schlimmsten Fall absurd.

Statistisch gesehen steht fest, dass der Großteil der Verschwörungstheorien falsch ist. Doch das größte Problem besteht nicht darin, dass sie kaum oder nicht fundiert sind, sondern darin, dass sie zu Risikoverhalten führen können, wie der Verweigerung von Impfungen oder gar Terrorismus.

Seit einigen Jahren bemühen sich Forschende der Psychologie, die persönlichen und sozialen Faktoren zu identifizieren, die Menschen dazu bringen, an Verschwörungstheorien zu glauben.

Forschende identifizierten mehrere kognitive Prozesse beziehungsweise Verzerrungen: Personen, bei denen der Glaube an Verschwörungstheorien am ausgeprägtesten ist, tendieren stark zu Anthropomorphismus, das heißt, sie schreiben Gegenständen und

Tieren menschliche Intentionen zu. Zudem wurde in einigen Studien, beispielsweise in den 2011 und 2014 veröffentlichten Arbeiten des Psychologen Viren Swami, eine negative Korrelation zwischen Intelligenz und Verschwörungstheorien festgestellt. Insbesondere eine experimentelle Studie zeigte, dass ein stärkerer Glaube an Verschwörungstheorien mit einer Art intuitivem, nichtrationalem Denken sowie einem geringeren Maß an analytischem Denken und Offenheit einhergeht.

Häufig besteht auch die Neigung, bedeutenden Ereignissen, wie dem Tod von Prinzessin Diana im Jahr 1997, bedeutende Ursachen zuzuschreiben. Beispielsweise eine Verschwörung, statt schlicht und einfach Pech, als Ursache eines Unfalls zu vermuten.

Auf soziopolitischer Ebene wurde die Verschwörungsmentalität in zahlreichen Forschungsarbeiten mit einem Gefühl der Anomie – einer Mischung aus Misstrauen gegenüber den Behörden, dem Gefühl, keine Kontrolle über sein Leben zu haben, und Unzufriedenheit – sowie mit einer extrem rechten (und manchmal, wenngleich seltener, extrem linken) Gesinnung in Zusammenhang gebracht. Durch diese Merkmale wird der Glaube an Verschwörungstheorien zu einer spezifischen politischen Haltung, die für gesellschaftliche Randgruppen charakteristisch ist.

Auf Ebene der Persönlichkeit besteht ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an Verschwörungstheorien und bestimmten tendenziell pathologischen Merkmalen wie der Schizotypie – eine Persönlichkeitsstörung, die durch Paranoia (das Gefühl, beobachtet zu werden, dass andere einem etwas verübeln und so weiter) sowie durch eine zur Isolation führende Sozialphobie gekennzeichnet ist und mit wahnhaften Verhaltensweisen und Gedanken einhergeht. Darüber hinaus wurde in der Forschung ein Zusammenhang zwischen Verschwörungsglauben und geringem Selbstwertgefühl festgestellt.

Die von der Forschungsgruppe (Jan Willem van Prooijen) befragten Personen tendierten in Situationen der Unsicherheit beziehungsweise fehlender Kontrolle in stärkerem Masse zu Verschwörungstheorien, um wieder das Gefühl zu haben, die Situation zu kontrollieren.

Der französische Wissenschaftler Anthony Lantian und sein Team zeigten 2017 außerdem, dass das Gefühl, einzigartig zu sein, als Katalysator des Glaubens an Verschwörungstheorien fungieren kann: Dabei hat die betreffende Person das Gefühl, anders oder sogar der „Schafherde“ überlegen zu sein, die die offizielle Version naiv glaubt. Dies könnte auch die Korrelation zwischen geringem Selbstwertgefühl und Verschwörungsglauben erklären.

Diese Bestandsaufnahme der Forschung zu Verschwörungstheorien ergibt ein wenig erfreuliches Bild. Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass solche Theorien von einer wenig rationalen Sinnsuche von Individuen oder marginalisierten Gruppen herrühren. Sie zielen nicht auf Wahrheitssuche ab, sondern erfüllen in erster Linie eine psychologische und soziale Funktion: Sie dienen der Sinnsuche oder dem Kontrollstreben in einer als chaotisch empfundenen Welt.

Überraschender Besuch

Bei diesem Wetter bin ich viel im Garten. Schon am Morgen zum Frühstücken und zur Zeitungslektüre. Das passt gut, denn danach kann ich gleich mit meiner Gartenarbeit anfangen. Heute jedoch ist mal wieder alles anders, denn plötzlich geht die Türe zum Garten auf und meine Freundin, -nennen wir sie Helga-, erscheint gerade als ich mit der Arbeit am neuen Insektenhotel begonnen habe.

„Schön, dass du da bist“ sage ich und verzichte auf die übliche dicke Umarmung. Man soll ja immer noch vorsichtig sein, es ist ja noch Corona.

Sie war bei ihrem Hausarzt, der seine Praxis von uns aus quer über der Straße hat. Dort sei Blut abgenommen worden und sie sei noch vollkommen nüchtern. Als mein und ihr Blick auf das noch stehende Frühstücksgeschirr fällt, wird es mir klar.

„Möchtest du noch was frühstücken?“ Es ist inzwischen schon 09:30 Uhr.

„Ja, sehr gerne“ kommt die überraschende Antwort.

Schnell sortiert sich in meinem Kopf ein neuer Tagesarbeitsplan. Alles wird virtuell nach hinten verschoben und Einiges sogar auf den nächsten Tag verlegt.

Zum Glück habe ich einige Sachen für das  Frühstück als Reserve im Gartenhaus im Kühlschrank. Schnell lege ich ein neues Gedeck auf.

„Möchtest du auch ein Brot essen?“

„Gerne, Marmelade reicht wenn du da hast. Und vielleicht etwas Butter. Und für den Kaffee nur Milch, keinen Zucker.“

Ich stelle alle meine Leckereien auf den Tisch und auch einige von meinen Lieblingskeksen. Schokowaffeln habe ich schon immer sehr gerne gemocht. Wenn ich die auf den Tisch stelle bedeutet das etwas in unserer Freundschaft, jedoch für mich einen unendlichen Verlust an Gaumenfreude. Schwupp, sind die ersten beiden Kekse schon in ihrem Mund verschwunden. Vorsorglich habe ich von den 21 Waffeln, die ich noch habe, nur 5 hingestellt. Diese Schokowaffeln sind immer sehr begehrt, deshalb zähle ich sie immer ab und kann so jeden Abend, über den täglichen Schwund, genau berechnen wie lange die noch halten. Und ich weiß auch genau, wenn wieder einige davon heimlich gemobbst wurden.

Nun will ich mich aber noch etwas in den Vordergrund rücken und auch bei einem möglichen Gegenbesuch in Vorleistung gehen.

„Möchtest du auch noch ein Spiegelei dazu?“

„Oh, das wäre ja köstlich.“

Ich glaube schon, dass ich diese Frage eigentlich nur so gestellt habe und meinem  Tonfall nach wäre eigentlich ein klares „Nein Danke“ zu erwarten gewesen.

Aber Helga ist heute anders. Sie will ein Spiegelei. Sie müsste doch wissen, dass ich dafür wieder ins Haus gehen und die Eier und die Pfanne holen muss. Sie müsste doch auch wissen, dass ich gar nicht mehr so gut zu Fuß bin und mir das Laufen wirklich Mühe macht. Wahrscheinlich wird sie schnell wieder einige Schokowaffeln vertilgen, wenn ich weg bin. Im Kopf registriere ich: „Noch 3 Schokowaffeln“ und straffe meinen Tagesarbeitsplan weiter.

Ich hole alle Sachen von oben, stelle die Pfanne auf den Herd im Gartenhaus, schlage das Ei hinein, gehe zum Gemüsebeet und schneide noch etwas Schnittlauch, gehe in die Garage und hole noch eine Flasche O-Saft. Die Schokowaffeln sind inzwischen weiter geschrumpft, jetzt ist nur noch ein Keks vorhanden.

Helga scheint es zu schmecken. Sie wirkt wie ausgehungert und sieht, -nachdem die Waffeln ihren Zuckerspiegel gehoben haben- jetzt sehr zufrieden aus. Ich frage sie jetzt nicht, wie sonst üblich, ob sie noch ein Gläschen Sekt haben möchte. Sekt trinkt sie immer gerne, auch wenn sie Auto fahren muss. „Eins geht immer.“ Ich weiß genau, sie würde ja sagen, aber dazu müsste ich in den Keller gehen und wie gesagt, ich bin nicht gut zu Fuß.

Helga frühstückt ausgiebig und erzählt und erzählt und wir haben zusammen eine schöne Zeit. Ich freue mich wirklich dass, sie da ist und ich sie mal wieder sehen kann.

„So, jetzt muss ich aber gehen, sonst schaffe ich meinen Tagesplan nicht“, sagt sie quasi zum Abschied.  

Ich freue mich dass wenigstens ihr Tagesplan noch im Lot ist. Das Leben ist manchmal grausam und für Freundschaften muss man eben auch Opfer bringen.

Zum Abschied greift sie nach der letzten Schokowaffel und steckt sie genüsslich in den Mund als wüsste sie, dass dies die absolut letzte Waffel auf dem Teller ist, abgesehen von den 16 Waffeln in der Reserveschublade. Wenigstens die hätte sie mir doch noch lassen können!

Ich mag meine Freunde sehr und freue mich immer wieder, wenn jemand überraschend vorbeikommt. An dem Problem mit den Waffeln muss ich halt noch arbeiten.