Meine eine Tochter und ihr intimes Verhältnis

Meine eine Tochter und ihr intimes Verhältnis

Wenn man als Kinder nur Töchter hat, ist dies vor allem für die Väter scheinbar oder möglicherweise ein Problem. Im Kreis von Vätern macht man oft genug Pläne, wie das wohl ist, wenn zum ersten Mal ein „Schwiegersohnkanditat“ die Haustürschwelle überschreitet, das Zimmer der Tochter betritt und dann die Türe schließt. Nichts weiter. Lauschen wäre doof, aber die Pläne im Kopf sind durchgesprochen, das Gewehr aus dem Schrank zu holen und seine väterlichen Pflichten zu erfüllen. Gut, irgendwann wird mal Einer diese Aktion überleben und dann der Partner meiner Tochter sein, aber so einfach soll es den Eindringlingen ja nicht gemacht werden. Andererseits wollen wir ja, dass die Tochter nicht allein durch das Leben gehen muss und wir Väter haben ja schließlich auch eine Partnerin gefunden.

Meine eine Tochter macht mir das sehr einfach. Sie isst sehr viel Knoblauch. Man kann schon mit Knoblauch kochen und dies als feine Gewürznote mit in das Gericht einbauen, aber in dem Maße diese Zehen- und Knollen essen? Nein! Nicht, dass ich generell etwas gegen Knoblauch hätte, ich habe es früher sogar sehr gerne zum Kochen verwendet. Aber im Kontakt mit Menschen, auf der Arbeit und im Sozialleben empfinde ich es als eine extreme Belastung und eine sehr gute Möglichkeit, wenn man niemand kennen lernen will. Meine Tochter lebt sehr gesund, quasi hochvegan, und Knoblauch gehört zu ihren täglichen Mahlzeiten, sie hat quasi ein intimes Verhältnis zur Knolle. Klar ist Knoblauch eine Gewürzpflanze, der heilende Kräfte zugeschrieben werden. Isst man Knoblauch, gelangt das Allicin und Verbindungen, die daraus entstehen, zunächst in den Magen. Von hier aus kann der typische Geruch über die Speiseröhre aufsteigen und gleich nach dem Essen zu üblem Mundgeruch führen. Vom Magen aus werden die Inhaltsstoffe des Knoblauchs im Darm weiter verdaut und gelangen von dort aus in den Blutkreislauf und schließlich in die Lungenbläschen. So entsteht die bekannte Knoblauchfahne. Nach einer Weile wird der charakteristische Duft beim Schwitzen schließlich auch über die Haut abgegeben. Will man das? Will man das als junge Frau?

Ich kann mich an früher erinnern. Als ich damals in der Jugendzeit auf der Suche nach einer Partnerin war, da war Knoblauch ein “No-Go“. Stell dir vor du bist beim Schwofen in der Disco, du willst gerade dein Haupt an ihren Hals legen und neben den Hormonen auch noch den Duft der Haare und der Haut einatmen. Du nimmst einen tiefen Zug, wiegst dich im Takte der Musik und erstarrst, so dass du sogar aus dem Rhythmus kommst. „Jesus Maria“, denkst du, „das gibt es doch nicht“. In so einer Wolke aus Knoblauch kann ich nicht mehr klar denken. Der Erotikpegel sinkt schlagartig. Meine Hormone, die gerade angefangen hatten in Wallung zu geraten, werden unsanft wieder zurückgedrängt und es bleibt ein Gefühl von kalter Küche, wie in einem uralten Gasthaus, bei dem sogar das Mobiliar nach Küche riecht. Unwillkürlich nehme ich etwas mehr Abstand und kann das Ende des Liedes kaum erwarten, um nicht komplett ohnmächtig zu werden. Natürlich habe ich mir dann zweimal überlegt, ob ich nochmal mit dieser Frau würde tanzen wollen. Dies alles habe ich, vor Erfahrung strotzend, meiner einen Tochter erzählt. Aber sie beharrt darauf, dass die positive Heilkraft des Knoblauchs in keinem Verhältnis zu dem bisschen Geruch stehen würde. Auch im Tanz der Vampire wird der Knoblauch besungen:

„Knoblauch, Knoblauch ist unsere Leidenschaft.
Knoblauch, Knoblauch gibt Leib und Seele Kraft.
Er macht größer, was zu klein ist.
Er macht edel, was gemein ist.
Und macht härter, was erschlafft“.

„Auch gut“ denke ich. Wie gesagt, meine Tochter macht es mir einfach. In den südlichen europäischen Ländern wird Knoblauch vor allem in der Türkei und in Spanien angebaut und wahrscheinlich auch gegessen. Ein Schwiegersohn aus diesen Ländern erscheint mir aufgrund der knoblauchaffinen Einstellung meiner Tochter mehr als wahrscheinlich. Also entweder ein türkischer Bergbauernsohn aus Hinteranatolien oder ein spanischer Olivenbauer, der nebenbei auch Knoblauchfelder besitzt. Dies sage ich nicht nur so, das habe ich nach den Kriterien meiner einen Tochter und über die Wahrscheinlichkeiten des charakteristischen Auftretens des Typus „Mann“ in Deutschland so ungefähr berechnet:

Anzahl der Männer in Deutschland 2020: ca. 40 Millionen

Passende Altersgruppe 25 – 30 Jahre: 3 Millionen

Anteil davon, der musikalisch ist: 300.000

Anteil davon, der sich Umweltbewusst und nachhaltig verhält 100.000

Anteil davon, der sportlich ist: 10.000

Anteil davon, der ehrenamtlich tätig ist und sich sozial engagiert: 1000

Anteil davon, der sich zusätzlich politisch interessiert: 100

Anteil davon, der sich zumindest vegetarisch oder vegan ernährt: 5

Anteil davon, der mit beiden Beinen im Leben steht: 0-1

Also bleibt in Deutschland von allen lebenden Männern höchstens Einer übrig der in das Schema passen könnte. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Bergbauernsohn aus Anatolien: der ist sportlich, spielt Flöte beim Hüten der Herde, lebt nachhaltig da er kein Auto hat, lebt umweltbewusst da er keinen Strom hat und ernährt sich von dem was, die Natur bietet.

Soll mir recht sein, da kann ich mich jetzt schon gut darauf einstellen. Im Urlaub waren wir schon sowohl in der Türkei als auch in Spanien. Und Spanisch spricht meine Frau bereits sehr gut und Türkisch bekommen wir auch noch hin. Ich habe mich vorsichtshalber schon mal bei der Volkshochschule für einen Türkischkurs angemeldet. In dem stattlichen Altern meiner Tochter von 24 Jahren wird es nicht mehr so lange dauern bis des nachts jemand an das Fensterlein klopft.

Aber Achtung: zumindest in meinem Kopf ist das Gewehr geladen.

fa200613

Nachtigall ich hör dich singen

Nachtigall ich hör dich singen

Was für ein Schauspiel. 
Bei uns, auf dem Firstbalken des Hauses, brüten in diesem Jahr die Eichelhäher. Und gerade vorgestern Abend haben die Jungen beschlossen das Nest zu verlassen. Warum auch immer. Meiner Meinung nach viel zu früh, denn der Flug ging in alle Richtungen, aber relativ steil nach unten, also mehr ein Fallen mit heftigem Flügelschlagen. Und sie landeten bei mir im Garten, im Hof und bei den Nachbarn. Das Junge im Hof machte seine Bauchlandung direkt vor der erschrockenen schwarzen Katze, die aber dann sofort in den Angriff übergehen wollte. Nur mit Mühe konnten wir das Kleine retten, und ich musste es in die Hand nehmen und hochheben. Dadurch erschrak das Junge so sehr, dass es mit einer sehr lauten, anklagenden Stimme das Krächzen anfing. Die Eichelhäher-Eltern waren sowieso total aus dem Häuschen, jetzt aber flippten sie aber vollkommen aus. Sofort flogen sie Angriffe wie Sturzbomber und berührten dabei sogar meinen Kopf. Nach einiger Zeit hatten wir alle Nachkommen eingesammelt und auf das Dach gesetzt, um sie vor der Katze zu schützen. Was so ein krächzendes Junges ausmacht, und dessen Eltern zu todesmutigen Angriffen verleitet, ist kaum zu glauben.
Wie hört sich eigentlich der normale Gesang des Eichelhähers an? Auf YouTube fand ich Tonaufnahmen von Eichelhähern und dachte mir, diese mal über die im Garten installierte Musikanlage laufen zu lassen. Kaum hatte ich die Aufnahme angestellt, flogen die Eltern wieder Angriffe auf mich, während ich am Gartentisch saß, so als ob immer noch ein Junges in Not wäre. „Ist ja Wahnsinn“, dachte ich. 
Ich ließ die Situation sich nun beruhigen und wartete bis zur Dämmerung. Jetzt war ich im Vogelfieber, suchte Aufnahmen von Amseln und stellte die Lautstärke auf „deutlich hörbar“, die Nachbarn sollten ja auch was davon haben, und lauschte dem Amselgesang. Schon lange hatte ich bei uns im Garten keine Amsel mehr gehört. Es war so melodisch und vertraut. Nachdem wieder eine Weile vergangen war, dachte ich mir, nun wäre die Zeit für eine Nachtigall. Auch eine Nachtigall hatte ich lange nicht mehr gehört und das fröhliche, sehr abwechslungsreiche Flöten schallte durch den Garten und verbreitete sich bis weit in die benachbarten Grundstücke. Sicher hat dies allen Zuhörern in der Nachbarschaft wunderbar gefallen, da war ich sicher. So einen schönen Gesang hört man doch wirklich selten. Jetzt war es ganz dunkel geworden und ich saß da und überlegte. Wir leben ja in einem Dorf; da sollten auch typisch Geräusch nicht fehlen. Dazu musste ich jedoch am nächsten Morgen sehr früh aufstehen. Und dann, so gegen 5 Uhr, ließ ich das Geschrei, das Gegackere und das Gluckern einer ganzen Hühnerschar und dazwischen auch den lieblichen Dominanzruf eines Gockels erschallen. „Jetzt spinnt der ganz“, müssen die Nachbarn wohl gedacht haben, obwohl keiner lauthals Beschwerde einlegte. Bestimmt lagen sie noch alle im Bett und die Hühner weckten mit Sicherheit viele Erinnerungen an die Kindheit und führten zu süßen Träumen. Es hat niemanden gestört, kein Rollo ging hoch, kein Vorhang hat gewackelt. Doch auch wenn es Jemandem nicht gefallen hat, so wird er dies wohl akzeptieren müssen.
Der Tag verging und auch die Nacht. Am nächsten Morgen wollte ich im Garten frühstücken, ein herrlicher sonniger Tag stand quasi vor der Tür. Ein bisschen Musik wäre da sicherlich ganz angenehm zu frischen Brötchen und selbstgemachter Erdbeermarmelade und Honig. Doch kein Laut kam aus den Lautsprechern obwohl die Anlage lief. Sollte das Gegackere die Lautsprecher kaputt gemacht haben? Ich ging auf Ursachenforschung und überprüfte die Kontakte. Alles in Ordnung. Doch da plötzlich, in der Mitte des freiliegenden Lautsprecherkabels, eine jähe Unterbrechung. Ein glatter Schnitt und auch wenn die Schnittflächen nahe beieinander lagen kam kein Laut mehr aus den Lautsprechern. Das muss mit einem Messer oder einer Schere gemacht worden sein. Ich kann nur vermuten, …es wird doch nicht, …… dass doch einer meiner lieben Nachbarn …..? Aber ich will niemanden beschuldigen, finde aber die Ignoranz mancher Menschen den Lauten der Natur gegenüber nicht in Ordnung. Dabei muss ich mir ja auch allerhand aus der Nachbarschaft anhören. Und überhaupt, vier Häuser weiter steht die Kirche, deren Glocken jede Stunde läuten, auch in der Nacht. Noch nie hat jemand in der Kirche die Glockenseile durchgeschnitten. Aber das kann sich ja ändern, das werden wir ja sehen.

Sofort mache ich mich auf die Suche nach einer Schere. Euch werd´ ich´s zeigen, euch Nachbarn. Auge um Auge, Gockel um Glocke. 

fa200608

Ich hasse sie

Ich hasse sie

Ich hasse sie, weil sie die Wahrheit sagt. Ich hasse sie, weil sie die Wahrheit immer dann sagt, wenn wir gerade fertig sind. Sie gehört zu einer Berufsgruppe, die man gerne nahe an sich heranlässt. Normalerweise weicht man zurück, wenn eine Person einem zu nahekommt und in den persönlichen Sicherheitskorridor eindringt. Diese Person aber habe ich nahe an mich herangelassen. Ich habe Zeit mit ihr verbracht und ich habe ihr Geschichten erzählt. Sie hat mich angehört und mir manchmal auch einen Rat gegeben. Ich sehe sie nicht oft, aber wenn, dann sind wir sehr nahe beieinander. Ihre Hände sind schlank, zart und einfühlsam. Es tut sehr gut, wenn sie mich berührt, es ist entspannend und meistens schlafe ich sogar dabei ein. Heute aber hat sie mich sehr aufgeregt. Muss ich mir das bieten lassen? „Muss ich mir das anhören?“ frage ich sie. „Ja“ sagt sie, „das ist doch nicht schlimm; das steht dir doch viel besser“.
Ihr Name tut nichts zur Sache, aber nennen wir sie Vanessa. Vanessa ist noch relativ jung; ich würde mal schätzen sie ist 30 Jahre alt. Obwohl ich sie immer besuche und andere Männer tun das auch, ist sie in einer festen Beziehung. Es stört sie nicht, wenn wir uns in losen Abständen sehen, jedoch ist sie der Meinung, ich sollte bis zu unserem nächsten Treffen nicht wieder so lange warten. Sie ist nicht nur jung, sie sieht auch sehr gut aus, hat eine gute Figur und einen frischen Blick. Wenn wir zusammen sind, habe ich immer genügend Zeit, sie mir genau anzusehen. Das geht jetzt, seit ich Kontaktlinsen trage, sehr gut. Vorher habe ich immer – damit wir besser zurechtkommen – die Brille abgenommen und deshalb konnte ich sie nie scharf sehen. Jetzt aber kann ich sie betrachten; ich kann es sehen und kann es fühlen, wie geschickt sie mit ihren Händen an mir arbeitet. Sie ist sehr konzentriert, fast entrückt, und man merkt, dass ihr das, was sie gerade tut, sehr viel Freude macht. Nicht immer antwortet sie direkt auf meine Fragen, so als ob sie ihre Gedanken, die in weite Ferne gerückt sind, erst wieder herbeiholen und fokussieren muss. Trotzdem lerne ich sie bei jedem Besuch etwas näher kennen und bin zwischenzeitlich ganz gut über ihr Leben, und sie über Meines, informiert.
Heute aber hat es wieder mal gereicht. Schon beim letzten Mal hat sie diese direkten Ansichten geäußert und mir diese unverblümt auf dem Tablett dargeboten. Ich will das doch gar nicht wissen. Lieber hätte ich von ihr Vorschläge gehört, wie man diesen Zustand wieder ändern könne, wie man es ungeschehen machen könne, wie man den alten Zustand wiederherstellen könne. Dabei lässt sie mich und mein Leben einfach in einen Spiegel schauen; sie hält mir den Spiegel quasi vor und ich schaue auch noch hinein. Ich will es nicht, aber ich schaue hinein. Heute hätte ich das lieber nicht gemacht, aber ich muss selbst feststellen – und ich sehe es auch in ihren Augen – was sie mir sagen will: „Deine Haare sind nicht mehr blond. Sie haben einen schönen grauen Schimmer“. 

Mein Vater ist mit 76 Jahren gestorben und da hatte er noch blonde Haare. Ich bin mit strohblonden, fast weißen Haaren auf die Welt gekommen und mein erster Spitzname lautete deshalb „Schimmel“. Diese blonden Haare habe ich den größten Teil meines bisherigen Lebens getragen, dann waren einige Jahre dabei, in denen Strähnchen angesagt waren. Seit einiger Zeit habe ich diese nicht mehr und siehe da, es kommt ein gräuliches Grau, fast wie hingehaucht, in den Haaren zum Vorschein. Soll ich mich da freuen? Nein, tue ich nicht! Solche Haare wollte ich nicht! Ich wollte meine blonden Haare behalten. Und jetzt sagt mir diese Tussi von Friseurin, die eigentlich zu mir halten sollte, die ich auch noch bezahle, so einfach die nackten Tatsachen ins Gesicht. Das vertrage ich am frühen Nachmittag noch nicht so gut. Aber es ist leider eine Tatsache – der Grauschleier lässt sich nicht wegdiskutieren, jetzt nicht und in alle Ewigkeit nicht mehr. Wie zur Entschuldigung stellt sie noch einmal fachmännisch fest, dass ihr meine natürliche Haarfarbe jetzt viel besser gefalle als mit Strähnchen. Bah, ich und Strähnchen! Diese Zeiten sind vorbei! Diese Zeiten sind lange vorbei und meinem Alter scheinbar nicht mehr angemessen. Und in der Tat, als ich noch einmal genau in den Spiegel schaue, sehe ich ihn vor mir. Den älteren, noch agilen, junggeblieben und natürlich durchtrainierten Rentner. Ein Rentner wie aus dem Bilderbuch. Es sieht vielleicht doch gar nicht so schlecht aus, vor allem wenn die Haare frisch geschnitten sind. Eigentlich schaut mich da ein super Typ in den besten Jahren an.

Ich bedanke mich artig bei meiner Haardresserin, schaue noch mal entrüstet auf das graue Knäuel von Haaren auf dem Boden und verlasse das Geschäft. 

Die Wahrheit ist nicht immer einfach zu ertragen und man muss schon sehr gefestigt sein, um darauf adäquat zu reagieren. Zum Glück ist nicht mehr passiert, aber einen Frust-Döner musste ich mir zur Belohnung oder zur Ermutigung beim Türken nebenan noch gönnen. Inzwischen habe ich sogar nochmal in den Spiegel geblickt: tolle Typen sind einfach zeitlos und werden immer wieder gerne angeschaut.         

fa200607

Sonntag, der Tag des Herrn

Sonntag, der Tag des Herrn

Für viele Menschen ist der Sonntag ein besonderer Tag. Es wird nicht gearbeitet, man geht zur Kirche, die Familie ist zusammen, es wird gekocht, man geht spazieren und lässt die Woche quasi ausklingen. Für mich ist der Sonntag, vor allem der letzte Sonntag am Ende der Ferien, seit frühester Kindheit allerdings ein eher schwarzer Tag, ein Tag der unterdrückten Tränen und des Abschieds. Bis heute merke ich manchmal immer noch den Schmerz, der einen an diesem Tag so wie damals überkommt. Damals meint, seit ich mit 12 Jahren in die Klosterschule als Schüler aufgenommen wurde. Meine Eltern hatten mit dem Kloster einen Vertrag gemacht, dass ich in christlichem Glauben erzogen werden – und Pfarrer werden sollte. Dazu war es nötig, in die Klosterschule zu gehen. In der Anfangszeit war es nicht leicht, nach den Ferien in das Kloster gebracht zu werden und zu wissen, dass man erst wieder während der nächsten Ferien nach Hause kommen wird. Damals war dies der regelmäßige Turnus; am Ende der Ferien ins Internat zu gehen und erst zu Beginn der Ferien wieder nach Hause zu dürfen. Das bedeutete:  nur an Allerheiligen, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in den Sommerferien hatte ich persönlichen Kontakt nach Hause. Sonst gab es – ich glaube alle vier Wochen – eine Besuchszeit, in der ein Elternteil den Schüler besuchen konnte. Bei mir ist das immer der Vater gewesen, denn er hatte damals nur ein Motorrad und die Mutter ist, soweit ich mich erinnern konnte, niemals mitgefahren. Außerdem war ich der zweite in einer Reihe von sieben Geschwistern, so dass die Mutter natürlich nicht von Zuhause weggehen konnte. 

Immer wenn es Sonntagnachmittag wurde, kam die innere Unruhe auf, denn man wusste, nur noch kurze Zeit und man musste wieder in den Transport einsteigen und für lange Zeit in das Internat einkehren. Nicht dass das Internat jetzt eine schlechte Sache gewesen wäre, nein, allein die Tatsache, dass man von zu Hause wegmusste und alles zurücklassen musste, das war das Schlimme. Heutzutage ist es sowohl für die Eltern als auch für die Schüler sehr schwer vorstellbar, dies so zu handhaben. Es ist nicht mehr zeitgemäß und es würde keiner mehr aushalten. Gleichwohl hatte ich damals schon das Gefühl, dass es für mich keine andere Möglichkeit gab, um ein Gymnasium besuchen zu können. Die Busverbindungen von meinem Dorf in die nächste Gymnasialstadt waren nicht ausgebaut, so dass diese Möglichkeit ausgefallen ist und einfach deshalb das Internat als einzige Möglichkeit übrigblieb. 
Im Übrigen war ich ein sehr guter Esser, sodass, wenn ich nicht da war, für den Rest der vielköpfigen Familie mehr Essen übrigblieb. Wir waren eine arme Familie und das Essen war nicht immer sehr üppig. Die elterlichen Kontakte und Zuwendungen, nach denen sich Kinder sehnen, verteilten sich bei uns auf sieben Kinder, so dass insgesamt sehr wenig für mich persönlich übrigblieb. Aber selbst das Wenige habe ich dann schmerzlich vermisst. 
Der Preis für das Lernenwollen, für das Vorankommenwollen, für das Herauskommenwollen aus der Enge des Dorfes, das war der Sonntag und die Abfahrt. Das war sehr sehr schwer für Kinder mit 12 Jahren, das Weggehen und das unbewusste Wissen, nie mehr nach Hause zu kommen. So ist es bei den meisten gewesen.

In der Zeit, als es dann Fernseher gab, lief meist die Serie „Bonanza“ und danach ging es los. Zusammen mit anderen Schülern aus dem Dorf wurden wir in Fahrgemeinschaften von Zuhause weggebracht. Ich erinnere mich genau an die regelmäßige Übelkeit und das Erbrechen, als es die kurvenreiche Straße zum Internat hinab ging. Einerseits vertrug ich das Autofahren wirklich nicht, andererseits war es sicher ein Ausdruck meiner nicht ausgesprochenen Gefühle und der Angst vor den ersten einsamen und heimwehgeplagten Nächten. 


Die Ankunft im Internat bestand aus zwei völlig gegensätzlichen Anteilen. Zum einen aus der Freude die Klassenkameraden und Kumpels wieder zu sehen und zum anderen aus der Gewissheit, dass man wieder für mehrere Tage bzw. Nächte, aus vielen Ecken des Schlafsaals und der Toilette ein unterdrücktes Schluchzen hören würde. Öffentliches Weinen und das direkte äußern von Heimweh, war nicht möglich; hätte man doch jetzt sofort den grausamen sozialen Druck verspürt und wäre der Gruppendynamik, „Weicheier zu unterdrücken“, zum Opfer gefallen. So blieb es bei dem heimlichen Schluchzen und den heimlichen Tränen, wusste man ja aus Erfahrung, dass dieses Gefühl nach einigen Tagen wieder nachließ und man sich dem Leben im Internat anpassen musste. Die Gewissheit, überhaupt keine anderen Möglichkeiten zu haben, um das Abitur zu machen, also dieser Situation ausgeliefert zu sein, war sehr groß. Schüler, die dieses Leben aber nicht aushalten konnten, verschwanden so nach und nach wieder aus dem Internat, so dass von Jahr zu Jahr die Klassenstärke abnahm. 


Ich will damit überhaupt nicht über das Internat schimpfen, die Patres haben sich nach ihren Möglichkeiten sehr bemüht und es war für mich im Nachhinein eine sehr fruchtbare und häufig auch eine schöne Zeit. Es gab die Möglichkeit sehr sehr viele Dinge zu lernen, sowohl was das soziale Miteinander bedeutete als auch was die Angebote in kultureller und musikalischer Ausbildung betraf, die vom Internat gegeben wurden. Vieles hätte ich zu Hause einfach nicht erlernen können und viele Erfahrungen hätte ich zu Hause nicht machen können. Das Leben hat uns ganz schön geformt. Aber der Preis war sehr hoch und hat sich als unangenehmes Gefühl an den Sonntagen eingebrannt. Der Sonntag als ein Tag, an dem man oft traurig war.  Der Gedanke, nie wieder nach Hause gekommen zu sein. Ab und zu kommt das Gefühl wieder an die Oberfläche, vor allem dann, wenn man allein ist. 
Und gerade bin ich allein.     

fa200604                               

Ein ideales Volk

Ein ideales Volk

Ich weiß nicht genau, was ich lieber wäre; eine Biene, eine Königin oder eine Drohne. Tatsache ist, dass ein Bienenvolk – lässt man es in Ruhe – nach innen wunderbar funktioniert. Jedes einzelne Mitglied des Bienenvolkes hat seine Aufgabe und verrichtet diese, ohne zu murren oder zu klagen. Auch wenn die größte Biene im Stock, die Königin, für den Nachwuchs zuständig ist und als Einzige der gesamten Bienenschar Eier legt, heißt sie nur Königin. In Wirklichkeit wird sie vom Volk dirigiert. Das Volk besteht aus mehreren 10.000 Bienen und einigen hundert Männchen (Drohnen). Das Volk bestimmt, wie viele Eier die Königin legen soll, wohin sie die Eier legen soll und ob sie Eier legen soll aus denen dann Bienen oder Drohnen werden. Wie das Volk jeweils zu dieser Entscheidung kommt, weiß ich nicht genau. Jedenfalls ist es so, dass das Volk und die Königin untrennbar miteinander verwoben sind. Weder das Volk noch die Königin sind allein lebensfähig. Das Volk hat eine eigene Identität, die durch die Hormone der Königin bestimmt wird und durch Pheromone und Duftstoffe im Volk verbreitet wird. Alles im Volk, der gesamte Arbeitsablauf und der Generationenzyklus funktioniert ohne weiteres Zutun; das eine bedingt das andere. Ist wenig Futter da, werden wenige Eier gelegt und wenige Bienen großgezogen. Ist viel Futter vorhanden, werden automatisch mehr Eier gelegt. Ist aber das Klima draußen nicht in Ordnung, geht die Eiablage wieder zurück. Alles ist dem einen Ziel untergeordnet, nämlich das Volk überleben zu lassen und über den Sommer, den Herbst und den Winter wieder in das nächste Jahr zu kommen. Die Bienen selbst folgen einer auf den Tag genau getakteten Entwicklung vom Ausschlüpfen über die Stockbiene, die die Zellen säubert, über die Pflegebiene bis zur Flugbiene, die den Honig sammelt und verarbeitet. Einer Biene muss nichts gesagt werden, sie weiß immer, was gerade zu tun ist und auch, was das Beste ist.

Dies ist ein Paradebeispiel dafür, wie auch die menschlichen Beziehungen und das soziale und gesellschaftliche Miteinander funktionieren könnten. Jeder Einzelne arbeitet und alles folgt einem inneren Plan; keiner bestimmt, alle Arbeitsschritte werden logisch nacheinander ausgeführt, jeder wird gebraucht und ist für das Überleben wichtig. Auch in der Paarbeziehung könnte das genauso ablaufen. Es gibt einen Plan, alles muss gemacht werden, keiner ist wichtiger als der andere und am Ende kommt immer etwas Gutes heraus.

Das Einzige, was man nicht so in unsere Gesellschaft übertragen sollte ist, dass ein Bienenvolk für sich abgeschirmt ist. Bienen, die nicht zu einem bestimmten Volk gehören, werden nur in Ausnahmefällen in dieses Volk eingelassen und integriert. Ein Bienenvolk tut alles, um selbst zu überleben, notfalls auch, indem es ein anderes Bienenvolk durch Futterraub vernichtet. 

Also welche Position würde ich gerne in einem Bienenvolk einnehmen? Als Königin müsste ich den ganzen Sommer lang Eier legen, würde aber gefüttert, im Winter gepflegt und gewärmt und bis in den nächsten Sommer gut versorgt werden. Als Biene, vor allem als Arbeitsbiene, ist mein Lebenszyklus nur auf sechs Wochen begrenzt und ich müsste Tag und Nacht arbeiten und viele Flugkilometer zurücklegen. Als Drohne (Männchen) wäre mein Leben auch sehr kurz, denn nach der Befruchtung würde ich aus dem Stock verstoßen werden und müsste zugrunde gehen. Dann nehme ich doch lieber die Position des Imkers ein, der das Volk das ganze Jahr beobachtet und vor allem dann auch den leckeren Honig entnehmen kann.

Das Verhalten eines Bienenvolkes kann man sicherlich als intelligent bezeichnen, denn das Volk insgesamt kann auf vielerlei äußere Einflüsse reagieren. Ein Bienenvolk ist nie verzweifelt, gibt nie auf und selbst im äußersten Notfall arbeitet die letzte Biene noch daran, sich irgendwie zu vermehren und ein neues Volk zu bilden.

Es gibt auch viele andere Bereiche, in denen der Mensch von der Natur lernen kann und in denen der Mensch auch manchmal akzeptieren muss, dass seine eigene Lebensform nicht immer die Beste ist; nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für seine Umwelt. Egozentriker, Anarchisten, Verschwörer und Arbeitsverweigerer gäbe es dann nicht. Alle würden an ein großes Ziel glauben, nämlich daran, gemeinsam ein Leben in Ruhe und Zufriedenheit und Gleichklang zu führen.   

fa200601       

Son of Anarchy

Son of Anarchy

Es gibt sie, diese Menschen, die man erblickt und denkt „Au Weia“. Ich habe so einen Menschen beim Einkaufen bei Netto getroffen. Er war mit seiner Frau unterwegs, schob seinen Einkaufswagen und kommandierte seine Frau durch die Gänge, um verschiedene Sachen zu holen. Dabei ging er nicht gerade zimperlich vor, denn er bahnte sich seinen Weg ohne viel Rücksicht durch die abgestellten Kartons und die Ware, die noch nicht eingeordnet war. Wenn ich sage er schob seinen Einkaufswagen, dann muss man sich vorstellen, dass er dies durchaus mit seinem weit nach vorne stehendem, apfelförmigem Bauch machte. Der Bauch, kugelrund wie bei Biertrinkern oft zu finden, verlief sich in einen stämmigen Oberkörper, über dem – ohne Halsansatz – ein ebenso kreisrunder, mit einer dicken Fettschicht ummantelter Kopf saß. Das wäre alles noch gegangen und hätte mir keine weiteren Gedanken bereitet, wären wir nicht gleichzeitig aus dem Geschäft gegangen. Ich war zuerst draußen und ging zu meinem Wagen, der, wie sich herausstellte, in der Nähe seines Autos parkte. Sein Wagen stand korrekt in einer Parklücke, während mein Auto – leicht schräg – die Parklückenbegrenzung überragte.
„Kannst du dich nicht mal richtig in die Parkreihe stellen?“ raunzte er mich an.  Verwundert blickte ich mich um, denn es waren noch mindestens 50 freie Parkplätze links und rechts von mir vorhanden.

„Stört dich das?“ fragte ich. 
“Ja, das stört mich du Kasper“ entgegnete er.

Das war zu viel für mich! „Kasper“ war zu viel für mich! Schließlich bin ich auch nur ein Mensch und dem Corona-Stress mit Maske und Atemnot beim Einkaufen genauso ausgesetzt wie alle anderen. Ich wandte mich ihm zu, während er, schon halb eingestiegen, sich wieder breitbeinig neben das Auto stellte. Seine Frau zupfte ihn am Ärmel, um ihn zu besänftigen. 
Die Stimmung eskalierte schnell ins Ungemütliche, denn solche Leute kann ich nun Mal gar nicht ab. Also fing ich wütend meine Ansprache an:
„Pass auf du Fettkloß, erst schikanierst du deine Frau im Laden und dann motzt du hier rum, ich glaube es geht los. Du kannst auch eine auf die Nuss haben, wenn du willst du A—-loch. Was geht dich das an, wie mein Auto dasteht. Schau du lieber zu, dass du nicht so viel frisst, sonst platzt du noch. Aber bitte nicht hier, sonst ist der ganze Parkplatz versaut. Und schau zu, dass du deinen Kadaver ins Auto schwingst, sonst gebe ich dir einen Schubs und dann rollst du hinein“.
Er war einen Kopf größer, hatte die doppelte Masse und sah aus wie aus der Netflix-Kultserie „Sons of Anarchy“ entsprungen, aber ich war wütend. Er verzog finster das Gesicht und fing an auf mich zuzugehen. Seine Frau versuchte flehentlich ihn zurückzuhalten, sie kannte ihn wohl gut.

Er hätte mich sicher auch erreicht, wenn ich das alles wirklich so gesagt hätte. Habe ich aber nicht, denn ich habe ja noch kultivierte Vorstellungen vom Umgang miteinander.
Deshalb sagte ich stattdessen: 
„Es tut mir leid mein Herr, dass ich ihre Gefühle verletzt habe, indem ich mich mit dem Auto nicht richtig hingestellt habe. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich finde es großartig, wie sie sich um die Umwelt und ihre Mitmenschen kümmern und in ihrer Freizeit für Recht und Ordnung sorgen. Ich finde es auch prima, dass sie ihre liebenswerte Gattin so konstruktiv im Laden einsetzten, damit sie in kurzer Zeit alles gefunden haben was sie brauchen. Es ist schön, dass sie trotz ihres körperlichen Zustandes mit maximaler Adipositas und wahrscheinlich auch mit Diabetes noch so agil und eifrig sind. Sicher können sie für ihren körperlichen Zustand nichts, denn meist sind ja die versteckten Kalorien in ihrer sicher veganen Ernährung schuld. Ich glaube auch nicht, dass die hochkalorische Ernährung für ihr dementielles Syndrom mit Aggressivität verantwortlich ist, denn man weiß, dass Viren und vielleicht auch das Corona Virus sehr stark das Gehirn angreifen, dort ganz wichtige Synapsen beschädigen und möglicherweise, wie bei ihnen, zu einer Nekrose der Hirnkerne führen. Vielleicht sollten sie mal bei ihrem Hausarzt nachhören, ob die Tinte ihrer vielen Tattoos bei ihnen nicht zu einer schleichenden Vergiftung geführt hat. Das tut mir wirklich sehr leid für sie“.

Er schaute mich grimmig, durchbohrend und mit offenem Mund an und hätte mir fast auch eine mit der Faust mitgegeben, wenn ich auch das wirklich so gesagt hätte. 
Schließlich hatte ich mein Aggressionspotential unter Kontrolle und hatte mich, nachdem ich alle möglichen Varianten durchgedacht hatte, schon wieder beruhigt. Alles cool!
Ja, ich kann auch anders, und wehe der Typ kommt mir nochmal in die Quere.

In Wirklichkeit war er schon eingestiegen und ich rief ihm beim Schließen der Türe zu: „Selber Kasper, bleibt doch daheim, wenn du nicht gut drauf bist du A…loch du blödes“.


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Monster-Betteinlagen

Monster-Betteinlagen

Es ist mit Sicherheit schon vorgekommen, dass Menschen gestorben sind, ohne dass man wusste warum und woran. Wenn ich so darüber nachdenke, und aus eigener Erfahrung spreche, dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Bettlaken in den Betten im Krankenhaus oder sagen wir, vor allem diese zusätzlichen Betteinlagen stellen eine große Gefahr für Leib und Leben dar.
Als ich damals nach meinem Unfall im Krankenhaus lag, habe ich das ganz deutlich gemerkt. Betteinlagen können ultimativ tödlich sein oder dir das Leben so schwer machen, dass du quasi freiwillig den Löffel abgegeben willst.
Auf den Intensivstationen wird immer mit Einlagen zur zusätzlichen Hygiene und Sicherheit bei Inkontinenz gearbeitet. Als ich 2015, nach meinem Unfall, länger als vier Wochen auf der Intensivstation lag, machte ich die Bekanntschaft mit diesen Einlagen, die zum Teil aus Plastik und zum anderen Teil aus einem saugfähigen Vlies bestehen. Es mag für das Pflegepersonal natürlich von Vorteil sein, diese Einlagen zu verwenden. Für den Patienten, in diesem Falle für mich, war dies jedoch ein Alptraum erster Güte. Gerade wenn kein Besuch da ist und auch gerade, wenn das Personal unterbesetzt ist, dann schlägt eine solche Einlage unbarmherzig zu.
Bei meinem Aufenthalt war die Situation so, dass ich aufgrund meiner vielen Frakturen nur die linke Hand frei hatte. Diese Hand war aber besetzt mit einer Vielzahl von Nadeln, durch die dann auch noch vielerlei Flüssigkeiten eingelaufen sind. Das bedeutet natürlich, dass ich auch diese Hand nur sehr eingeschränkt bewegen konnte. Die übrigen Gliedmaßen waren nach Operationen in Schienen gelagert; somit war mein Bewegungsumfang maximal eingeschränkt. 
Diese hybriden Einlagen aus Plastik und Saugmaterial haben die Angewohnheit, bei leichtem Schwitzen und bei geringer Bewegung auf denselben, sofort, quasi als reflexartige Schutzreaktion, eine kleine Querfalte zu bilden. Diese ist gegenüber dem Rest nur minimal erhöht, kaum sichtbar und läuft quer durch die Einlage und damit auch quer über mein Gesäß.    

Zunächst ist dies akzeptabel; so eine Einlage ist ja weich. Nach mehreren Minuten, in denen sich weder mein Körper bewegt noch die Einlage sich von selbst wieder geradegerückt hat, äußert mein Weichgewebe schon den Wunsch, die Lage so langsam zu verändern. Gerne würde ich diesem Wunsch nachkommen, bin jedoch daran gehindert, da ich durch Becken- und Hüftfraktur den mittleren Teil meines Körpers gar nicht bewegen kann. Obwohl die Knochen defekt sind, melden die feinen Nervenenden in meiner Gesäßhaut inzwischen sehr unerträgliche Schmerzen. Man könnte sagen, die Alarmanlage der Haut schaltet sich von hellrot auf dunkelrot. Mit großem Kraftaufwand versuche ich meinen Körpermittelteil – wenn auch nur um einige Millimeter – zu verlagern. Diesen Versuch muss ich, nach einigen Anstrengungen und wegen der vermehrten Schmerzen, wieder aufgeben. Inzwischen empfinde ich die Situation als sehr bedrohlich, fast als lebensbedrohlich und ich habe das Gefühl dieses Martyrium nicht mehr lange durchhalten zu können. Die Klingel für die Schwester hängt, für mich unerreichbar, am Nachttisch. Es muss also ein Überlebensplan her. 
Nach einer Ewigkeit schaffe ich es, mit der linken Hand in die Nähe der Fernbedienung für das Bett zu kommen, aber gerade mal so. Nach einer Erholungspause habe ich es aber geschafft und kann mit den Fingern die Fernbedienung umfassen. Mein Bett ist ein sogenanntes Schock-Bett, so dass dieses Bett in der Horizontalen, sowohl an der Kopfseite als auch an der Fußseite, wie eine Wippe hin und her gekippt werden kann. Zu meiner Erleichterung finde ich den Knopf, um das Bett am Kopfteil abwärts zu senken und gleichzeitig hebt sich das Fußteil in die Höhe. Mit den Infusionsschläuchen habe ich noch Spiel, so dass ich das Bett immer weiter kippen kann. Es müssen virtuelle Stunden vergangen sein, doch allmählich folgt mein Körper der Schwerkraft, und wirklich, ich fange ganz leicht an zu rutschen. Nach einer langen Fahrt von 2-3 cm komme ich wieder zum Stehen und bemerke, dass mein Körper durch das Rutschen die Falte in der Bettunterlage quasi ausgebügelt hat. Was für ein schöner Moment. Glücksgefühle! Innerlich vollführt mein Gesäß einen Jubeltanz und all mein körperlicher Einsatz und meine Anstrengungen haben sich gelohnt. Ich kippe jetzt wieder in die gegensätzliche Richtung, komme in die Horizontale und halte die Bewegung so lange aufrecht, bis mein Kopfteil wieder etwas höher steht. Erleichtert atme ich auf. Das hätte ich nicht ausgehalten, nicht eine Sekunde länger. Wie gut, dass ich an diese Fernbedienung gekommen bin. Wie gut, dass ich nicht die ganze Nacht auf dieser elenden, schmerzhaften und scharfkantigen Falte habe liegen müssen. Allmählich schlafe ich ein, werde aber nach kurzer Zeit von einem unangenehmen Gefühl geweckt. Durch die Kopflage und die leichte Bewegung nach oben hat sich auf Höhe meiner Schulterblattspitzen eine Querfältelung in der Betteinlage gebildet. Da sich mein Unterhautfettgewebe zurückgebildet hat, empfinde ich diese Falte der Betteinlage wie ein scharfkantiges Stück brennendes Eisen – ein elendes Martyrium beginnt von Neuem.

Ich habe diese Nacht überlebt, auch wenn ich mit dem Bett noch einige Male hin und her gewippt bin. In der Frühe kam die Morgenschicht der Schwestern und hat mich gewaschen. Zum Glück gab es eine neue Betteinlage. Es hat nicht lange gedauert, da war sie wieder da – die Querfalte, so als ob sie nur darauf gewartet hat, dass ich wieder allein im Zimmer bin und mich kaum wehren kann.

Betteinlagen können tödlich sein oder dir zumindest schmerzhaft den kompletten Nachtschlaf rauben. Ich hasse Betteinlagen.

fa200526

Weihwasser als Lebenselixier

Weihwasser als Lebenselixier


Heutzutage ist man an eine komplette Versorgung mit Getränken gewöhnt. Wir brauchen sprudelige Sachen aus Flaschen, entweder als Wasser pur oder mit irgendeinem Geschmack. Wasser aus der Wasserleitung trinken? Nein, das ist zu einfach. Dabei ist unser Trinkwasser, welches aus der Leitung kommt, maximal durchgetestet und so rein wie sonst nirgendwo auf der Welt. 
Früher war das anders. Wenn man weiß, dass ich in dem Örtchen „Wasserlosen“ aufgewachsen bin, weiß man auch sofort, dass das mit dem Wasser nicht so weit her gewesen ist. Dort gibt es zwar jetzt einen See in der Dorfmitte, aber früher gab es nur einen öffentlichen Brunnen, neben den privaten Brunnen auf den Bauernhöfen. 
Früher haben wir sehr viel Sport gemacht, natürlich vor allem Fußballspielen und sind deshalb immer zum Sportplatz gelaufen, der etwas mehr als einen Kilometer außerhalb des Dorfes, auf einer leichten Anhöhe, angelegt war. Im Sommer, wenn die Sonne schien, konnte dies ein sehr langer Weg sein. Hin und zurück und dann noch das Spielen auf dem Fußballplatz. Man muss wissen, es gab damals am Fußballplatz keine einzige Wasserleitung und damals war es auch nicht üblich, von der Mutter ein Versorgungspaket in Form von Capri-Sonne oder Fanta Plastikflaschen mit auf den Weg zu bekommen. 
Der Hinweg zum Sportplatz war in der Regel problemlos, vor allem wenn man noch zu Hause seinen Wasservorrat durch ein ausgetrunkenes Glas Wasser aufgefüllt hatte. Auch das Spiel hat man noch einigermaßen über die Runden gebracht. Der Rückweg war dann schon etwas beschwerlicher, denn bereits nach der Halbzeit war die Körperhaut komplett nass und durchgefeuchtet. Innen drinnen aber, merkbar an der immer trocken werdenden Zunge, zeigten sich bereits erste Austrocknungserscheinungen. Von da an war der Weg nach Hause sehr lang.
In Notzeiten, und das war früher auch schon so, greifen die Menschen regelmäßig auf die Kirche zurück. So war es nicht verwunderlich, dass auch die Kirche damals schon an uns gedacht hatte, und uns zwei „Getränkeversorgungsstationen“ auf dem Weg vom Sportplatz bis nach Hause aufgebaut hatte. Die erste Station war eine kleine Kapelle, auf halbem Weg zwischen dem Fußballplatz und dem Dorf. Die Kapelle hatte einen schattigen Vorbau, und war man erst einmal eingetreten, empfand man die Temperatur als wohltuend kühlend. Rechts neben dem Eingang befand sich, in einer Einlassung, ein kupferner Weihwasserkessel. In der Regel war dieser mit geweihtem Wasser gefüllt. Schon beim Betreten der Kapelle wurde die Flüssigkeit in leichte Vibrationen versetzt, so dass winzige Wellen über die Oberfläche sausten. Die Flüssigkeit bestand, vor allem wenn vorher viele Besucher da gewesen waren und eine gewisse Zeit vergangen war, aus zwei deutlich voneinander unterschiedlichen Anteilen, die sich, wie bei chemischen Lösungen üblich, strikt voneinander trennten. Der untere Anteil im Becken bestand aus einer bräunlichen, sedimentartigen Ablagerung, die schon fast fingerdick anmutete. Der obere Anteil zeigte eine hellere, beige Flüssigkeit, durch die man bei gutem Willen fast durchblicken konnte.
Das Trinken aus dem Becken war eine Kunst. Man konnte noch so vorsichtig die ersten Tropfen abschlürfen, spätestens nach einem durstigen großen Schluck, kam durch die so entstandene Sogwirkung die Flüssigkeit in einen leichten Strudel, der die zähe Masse am Boden zuerst leicht und dann immer mehr durcheinander wirbelte und nach oben schleuderte. Spätestens der zweite und auf jeden Fall der dritte Trinker hatten mit einer Konsistenz zu kämpfen, die nicht mehr dem geforderten Trinkwasserstandard entsprach. Jedoch ist an Sediment nicht unbedingt was auszusetzen, schließlich enthält dies sehr viele Mineralien, ist also auf andere Art und Weise sehr gesund.

Es war also schon wichtig, als Erster an dieser kühlen Quelle anzukommen. Es brauchte dazu sehr viel Kondition und Durchsetzungsvermögen. Auch wenn ich der Größenordnung nach, der Vorletzte der Klasse war, gelang es mir oft, als Gewinner an der Quelle des Lebens zu sein und konnte als Erster trinken. Hierbei konnte auch allerlei Frust abgelassen werden und auch Rachegelüste wurden oft in die Tat umgesetzt. Hat der ankommende Zweite, in der gegnerischen Mannschaft spielend, kurz vor Ende noch ein Tor geschossen, wurde, nachdem der Erste getrunken hatte, der gesamte Kessel mit den Fingern einmal kräftig durchgerührt. Ich selbst habe niemals, was auch eine Möglichkeit der Rache gewesen wäre, den gesamten Kessel auf einmal ausgetrunken, sondern immer noch Masse im Kessel zurückgelassen.

Die zweite Trinkstation befand sich auf dem Friedhof am Dorfeingang. Dorthin sind wir nicht so gerne gegangen, obwohl hier eine Wasserleitung zur Verfügung stand. Hatte man uns doch einmal gesagt, dass diese Leitung direkt aus dem Totenreich komme und es sei schon passiert, dass Kinder, die alleine auf den Friedhof gegangen seien, in die Gräber hineingezogen wurden. Nein, so durstig waren wir dann doch nicht.

An den Geschmack des Weihwassergemenges kann ich mich heute nicht mehr erinnern, damals tat es gut, es hat auf jeden Fall gekühlt, manchmal in den Zähnen geknirscht und uns wahrscheinlich für das Leben abgehärtet. So haben einige geschlürfte Schlucke aus diesem kühlenden Behälter oft wahre Wunder gewirkt und wir haben, wie von Gottes Hand geleitet, immer wieder den Rückweg bis nach Hause geschafft.

Auch der heiligen Kapelle hat unser Besuch nichts ausgemacht. Sie steht heute noch und auch der Weihwasserkessel ist noch an Ort und Stelle. Allerdings widerstand ich beim letzten Besuch der Versuchung, noch einmal von diesem Labsal zu kosten, dabei hätte ich nur mal den Geschmack testen wollen.

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Ich bin der Ansicht

Ich bin der Ansicht – Betrachtung einer Pizza von zwei Seiten                             

„Hallo mein Lieber. Willst du heute Abend Linsensuppe mitessen“? Oh, das ist ja eine nette Einladung meiner blonden Bekannten per WhatsApp. Aber sie weiß ja, dass ich alleine zu Hause bin, da meine Frau gerade auf Kur weilt.                                            
Ich bedanke mich und schreibe zurück, ich hätte schon für mich gekocht, aber sie könne gerne auf einen Kaffee vorbeikommen.                                                                              
Die Antwort: „Okay, aber keinen Kaffee, sondern Sekt“.                                                
Nach einer geraumen Wartezeit, in der mein Essen auf dem Herd schmorgelte und mein Magen knurrte, fange ich dann doch an, mein fertig gekochtes Gulasch mit Kartoffeln und Salat aus dem Garten zu essen. Meiner Ansicht nach ist das in Ordnung, hat die Bekannte ja noch Linsensuppe für den Abend. Kaum bin ich fertig mit dem Essen, geht die Türe auf und sie erscheint zusammen mit ihrer netten schwarzhaarigen Freundin Uli aus der Pfalz die gerade zu Besuch hier ist.  Was für eine nette Überraschung, denn auch die Uli kenne ich schon von früher. Schwarz und blond, black and white; ich bin der Ansicht das passt gut zusammen.                                                                                       
„Jetzt hast du ja alles aufgegessen!“ Ein strafender Blick auf meinen leeren Teller und den leeren Topf. Klar, ich hatte ja geschrieben, dass ich für mich gekocht habe. 
„Aber du hast doch die Linsensuppe“, antworte ich zum Trost.                                    
„Nein, die ist noch nicht gekocht. Ich war der Ansicht, wir könnten bei dir mitessen. Und hast du vielleicht noch Salatbrühe übrig (meine Salattunke ist legendär!), dann könnte ich noch schnell einen Salat machen?“                                                                     
„Nein, ich habe nur ein ganz wenig Soße für meinen Salat gemacht“.                          
„Und was ist mit dem Sekt?“                                                                     
„Wie? Ich war der Ansicht du bringst welchen mit?“                                                   
„Nein, ich habe dir doch geschrieben, dass wir Sekt trinken wollen!“.                         
Ja, das ist schon blöd, wenn man heutzutage nur noch diese kleinen Bildchen, diese Emojis verschickt.                                                                                                             
„Da muss ich erst einmal schauen, und wenn einer da ist, dann ist er nicht gekühlt“. Nach kurzer Suche in der Garage wurde eine Flasche Rotkäppchen Sekt gefunden, Tendenz lauwarm.                                                                                                                       
„Jetzt müssen wir damit auskommen, aber ich bin der Ansicht 10 Minuten in der Kühlung wären schon ganz gut“. Gesagt getan, nach 15 Minuten wurde die Flasche geköpft und den Damen wurde ein fast kühler Sekt eingeschenkt. Hauptsache Sekt, Temperatur erst einmal egal. Auch die Uli aus der Pfalz konnte sich damit gut anfreunden.                                                                                                             
Jetzt war da noch das Problem mit dem Essen. Meine Bekannte machte nach dem zweiten Glas Sekt nicht den Eindruck als wolle sie sofort nach Hause aufbrechen, um die Linsensuppe zu kochen.                                                                                                         
„Ich glaube ich bestelle mir eine Pizza, weiß aber die Nummer der Pizzeria nicht und habe auch kein Geld dabei“. Ich bin ja der Ansicht, dass man, wenn man aus dem Haus geht, schon Geld mitnehmen sollte. Nachdem ich jedoch dann, Gentleman-like, die Pizza für sie bestellt hatte und ihr das Geld gegeben hatte, ging sie los, um die Pizza abzuholen. Die Freundin Uli hatte nichts bestellt, da sie ihrem Magen keine Speisen von dieser fremden italienischen Speisekarte zumuten wolle (möchte wissen was die in der Pfalz essen!). Außerdem habe sie sich auf Linsensuppe eingestellt und könne ihren Magen jetzt nicht so schnell umstellen. Ich bin schon der Ansicht, dass Jeder und Jede, sogar die hochveganen Vegetarier/innen aus einer Auswahl von 50 verschiedenen italienischen Gerichten etwas finden könnte.                                                               
Dann ging das Essen los.                                                                                                   
„Die Pizza ist aber klein“, entfuhr es meiner Bekannten und sie stocherte wild in die Pizza hinein.                                                                                                                                  
„Und der Boden ist zu hart. Das kann ich mit meinem Tennisarm doch nicht schneiden. Und, das Bisschen für 7 Euro!?“. Meiner Ansicht nach war die Pizza völlig in Ordnung, normal groß, gut belegt, gut riechend, so wie immer. War das der Ärger über das ausgefallene Essen bei mir?                                                                                                       
Unter lautem fortwährenden Schimpftiraden über die Normalität der Pizzagrößen und mit vollen Backen („Ja schmecken tut es sehr gut“) kauend, flog plötzlich ein kleines Stück Pizza über den Tisch an meine Brille und landete auf meinem Teller, so als wolle es meiner Bekannte entfliehen und nicht gegessen werden. Natürlich liegt die Pizzagröße im Auge des Betrachters und wäre auch in meinem gelandet, hätte ich nicht meine Brille aufgehabt. Aber, ich bin schon der Ansicht, dass man mit vollem Mund nicht so viel sprechen, und schon gar nicht schimpfen sollte. Zum Glück hatte ich selber schon gegessen und kam nicht in Versuchung dieses angekaute Stück Flugpizza zu mir nehmen zu wollen.                                                                                                               
Jetzt schaltete sich die Freundin Uli ein: „Also isch honn emol e Pizza in de Schweiz gess . Ich bin de Ohsischd, dess war die beschd pizza äwwer! Unn donn a noch saugut beleed“.                         
Also ich bin der Ansicht, dass ein gutes Hochdeutsch oder zumindest „Fränkisch“ in einem fränkischen Garten mit fränkischer Pizza die normale Konversationssprache sein sollte, aber pfälzisch??                                                                                                    
Uli legt noch einen drauf: „Weeschde, wonn ma bei de pizza „normal“ beschdelld,  die auspaggt  un find donn e „Piccolino“ vor, donn isch dess wie wennde en Monn auspagscht, „Fraa“ hatt eefach zu viel Erwaadunge“. Da gibt es jetzt nicht direkt was dagegen zu sagen, wenngleich ich der Ansicht bin, dass „Picollino“ für mich persönlich nicht zutrifft. Aber Anwesende sind sowieso immer ausgenommen.                                                                                   

Die Pizza wurde letztendlich komplett aufgegessen und auch bei meiner Bekannten hatte sich ein deutliches Sättigungsgefühl eingestellt. Trotzdem war sie weiterhin der Ansicht, bei einer normal großen Pizza hätte sie noch ein Stück für ihren Freund mit nach Hause nehmen können.                                                                                            
„Monschmol wees isch net, iss die Pizza es Problem orrer hat die Pizzaesserin e Problem“, fasst Uli die Geschehnisse pointiert zusammen.                                              

Ich bin der Ansicht: Recht hat sie, die Uli aus der Pfalz.  

fa200524                                           

Wie war das doch früher?

Wie war das noch früher?

„Früher“, meint in diesem Fall, zeitlich gesehen vor der Krise. Das ist inzwischen eine lange Zeit her. Früher kann ich mich nicht daran erinnern, dass dies so ein Problem gewesen sei. Früher bin ich aufgestanden, habe mich geduscht, habe mich angezogen und schon ging es los. Heute bekomme ich das Duschen noch ganz normal hin, aber beim Anziehen bemerke ich für mich persönlich jetzt plötzlich starke Probleme. Der Kern des Problems: Was ziehe ich heute nur an?
Und heute ist ein besonderer Tag, denn heute haben wir zum ersten Mal – nach circa 4 Monaten – wieder eine Einladung zum Brunch. Damals, in der früheren Zeit, ist das öfters und regelmäßig geschehen. Aber jetzt eben wieder zum ersten Mal eine Einladung zum Frühstück. Wo früher bei ähnlicher Gelegenheit zielsicher, automatisch und reflexartig der Griff in den Schrank erfolgte, drängt sich jetzt plötzlich die verunsicherte Frage nach der passenden Kleidung auf. 
In der letzten Zeit war ich, wegen der sozialen Einschränkungen, nur mit mir selber beschäftigt; mit mir, meiner Frau, meinem Garten und meiner Arbeit rings um das Haus herum. Sonst hatte das Sozialleben wenig Abwechslung. Da war es leicht, denn ich habe einfach die Klamotten vom letzten Tag wieder angezogen. Es kam ja niemand zu Besuch und wir gingen auch nicht weg. Erst nachdem die Kleidung schon ziemliche Verschleißerscheinungen zeigte, das heißt nach einigen Tagen des Tragens, ist sie in die Wäsche gewandert und das nächste Kleiderpaket kam zum Einsatz, um auch wieder mehrere Tage hintereinander angezogen zu werden. Das habe ich früher nie so gemacht, denn bei jeder neuen Gelegenheit habe ich neue Kleider angezogen. Und heute eben diese Einladung zum Frühstücksbrunch. Sehnsüchtig blicke ich zu meinen gewohnten Gartenklamotten, die so wie sie ausgezogen wurden, über der Badewanne hängen und mich magisch anziehen. Nein, Gartenklamotten gehen heute nicht. Schließlich muss man sich auch wieder daran gewöhnen, so wie früher, auch mal etwas anderes anzuziehen. Also wandere ich zu meinem Kleiderschrank und stelle mich, ziemlich ratlos, davor. Draußen scheint die Sonne und es sind etwa 15 Grad angesagt. Ich denke da kann ich schon noch zu einer Jeans greifen, auch wenn die wärmer ist als eine sommerliche Leinenhose. Die von mir ausgewählte Hose hatte lange keinen Körperkontakt, deshalb weigert sie sich jetzt mit leichtem sperrigem Widerstand, über meine Beine nach oben zu gleiten. Ja und auch ein passendes Hemd muss her. Meine Gartenpflanzen verzeihen mir tagtäglich, wenn die Zusammenstellung meiner Kleider nicht der Etikette entspricht; man könnte auch sagen, wenn diese gar nicht zusammenpassen aber sehr funktional sind. Also eine blaue Jeans, dazu ein mit blauen Karomustern versehenes Hemd. Auch dieses Hemd hängt seit Wochen unangetastet im Schrank, neben einer ganzen Armee von anderen Hemden. Ich habe dieses Hemd früher wirklich gerne getragen, weil bequem, leicht und modern. Jetzt aber wirkt es wie ein Fremdkörper an mir. Man kennt ja das Coronavirus noch nicht so genau, aber ist es auch eine mögliche Nebenwirkung dieses Virus, dass Hemden und Hosen nicht mehr so passen? Oder weiß ich einfach nicht mehr so genau, was ich anziehen soll? Ich zwänge mich hinein, aber nach kurzem kritischem Blick in den Spiegel – das Hemd zeigt eine gewisse Anspannung um die Körpermitte – greife ich doch wieder in den Schrank und nehme ein Hemd, welches, wie ich glaube, eine gewisse Coronaresistenz aufweist. Dieses Hemd passt zwar, würde aber auf der Fashion Messe in Paris nicht mehr auf den Laufsteg kommen. Auch meine Frau verweilt sehr lange im Bad, möglicherweise treten bei ihr dieselben Probleme auf.
So, der erste Teil des Tages ist geschafft. Jetzt geht es los zum Frühstück. Schon an den Gesichtern unserer Gastgeber sehe ich, dass auch sie schon viele Überlegungen wegen der Kleider hinter sich haben. Einladungen sind früher nur so geflutscht. Aber jetzt muss man alles wieder ganz neu überdenken. Die Kleider unserer Gastgeber sehen frisch aufgebügelt aus, so als ob sie auch schon seit Monaten das Tageslicht nicht mehr gesehen haben. 
Der Frühstückstisch ist sehr rudimentär gedeckt. Es gibt kleine Teller, Besteck und eine Tasse für den Kaffee. Diese Basis ist so wie früher. Das andere, das Beiwerk, war aber früher, lass mich sagen, viel ausschweifender. Ich kann mich an Croissants, Trauben, Schinken gekocht und roh, verschiedene Marmeladen, Rührei und Spiegelei und zumindest eine kleine Auswahl verschiedener Käsesorten erinnern. Meist gab es früher auch Brötchen, aber das hat sich heute, wahrscheinlich der Einfachheit halber, auch auf mehr oder weniger altes Graubrot reduziert. Finde mal in unserer Gegend früh einen Bäcker. Das Einzige, dem noch ein Hauch von früher anhaftet, ist ein trockener Kuchen, der nach Zitrone duftend, in der Mitte des Tisches steht. 
Komisch, dass Corona die Macht hat, alte Traditionen in so einer gravierenden Art und Weise zu verändern. Sieht so aus, als ob wir viele alte Gewohnheiten wieder ganz neu lernen müssen. 
Wie war das doch früher nochmal? 
Wir sollten wieder in die Analyse gehen, nachdenken und überlegen wie wir bestimmte Sachen in früherer Zeit, oder sagen wir – in der Zeit vor Corona – erledigt haben. Dabei geht es nicht nur um die große Politik; man sieht es fängt schon ganz einfach beim Kleiderschrank und beim Frühstück an.


Also, wie war das noch früher?

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