Meine eine Tochter und ihr intimes Verhältnis
Wenn man als Kinder nur Töchter hat, ist dies vor allem für die Väter scheinbar oder möglicherweise ein Problem. Im Kreis von Vätern macht man oft genug Pläne, wie das wohl ist, wenn zum ersten Mal ein „Schwiegersohnkanditat“ die Haustürschwelle überschreitet, das Zimmer der Tochter betritt und dann die Türe schließt. Nichts weiter. Lauschen wäre doof, aber die Pläne im Kopf sind durchgesprochen, das Gewehr aus dem Schrank zu holen und seine väterlichen Pflichten zu erfüllen. Gut, irgendwann wird mal Einer diese Aktion überleben und dann der Partner meiner Tochter sein, aber so einfach soll es den Eindringlingen ja nicht gemacht werden. Andererseits wollen wir ja, dass die Tochter nicht allein durch das Leben gehen muss und wir Väter haben ja schließlich auch eine Partnerin gefunden.
Meine eine Tochter macht mir das sehr einfach. Sie isst sehr viel Knoblauch. Man kann schon mit Knoblauch kochen und dies als feine Gewürznote mit in das Gericht einbauen, aber in dem Maße diese Zehen- und Knollen essen? Nein! Nicht, dass ich generell etwas gegen Knoblauch hätte, ich habe es früher sogar sehr gerne zum Kochen verwendet. Aber im Kontakt mit Menschen, auf der Arbeit und im Sozialleben empfinde ich es als eine extreme Belastung und eine sehr gute Möglichkeit, wenn man niemand kennen lernen will. Meine Tochter lebt sehr gesund, quasi hochvegan, und Knoblauch gehört zu ihren täglichen Mahlzeiten, sie hat quasi ein intimes Verhältnis zur Knolle. Klar ist Knoblauch eine Gewürzpflanze, der heilende Kräfte zugeschrieben werden. Isst man Knoblauch, gelangt das Allicin und Verbindungen, die daraus entstehen, zunächst in den Magen. Von hier aus kann der typische Geruch über die Speiseröhre aufsteigen und gleich nach dem Essen zu üblem Mundgeruch führen. Vom Magen aus werden die Inhaltsstoffe des Knoblauchs im Darm weiter verdaut und gelangen von dort aus in den Blutkreislauf und schließlich in die Lungenbläschen. So entsteht die bekannte Knoblauchfahne. Nach einer Weile wird der charakteristische Duft beim Schwitzen schließlich auch über die Haut abgegeben. Will man das? Will man das als junge Frau?
Ich kann mich an früher erinnern. Als ich damals in der Jugendzeit auf der Suche nach einer Partnerin war, da war Knoblauch ein “No-Go“. Stell dir vor du bist beim Schwofen in der Disco, du willst gerade dein Haupt an ihren Hals legen und neben den Hormonen auch noch den Duft der Haare und der Haut einatmen. Du nimmst einen tiefen Zug, wiegst dich im Takte der Musik und erstarrst, so dass du sogar aus dem Rhythmus kommst. „Jesus Maria“, denkst du, „das gibt es doch nicht“. In so einer Wolke aus Knoblauch kann ich nicht mehr klar denken. Der Erotikpegel sinkt schlagartig. Meine Hormone, die gerade angefangen hatten in Wallung zu geraten, werden unsanft wieder zurückgedrängt und es bleibt ein Gefühl von kalter Küche, wie in einem uralten Gasthaus, bei dem sogar das Mobiliar nach Küche riecht. Unwillkürlich nehme ich etwas mehr Abstand und kann das Ende des Liedes kaum erwarten, um nicht komplett ohnmächtig zu werden. Natürlich habe ich mir dann zweimal überlegt, ob ich nochmal mit dieser Frau würde tanzen wollen. Dies alles habe ich, vor Erfahrung strotzend, meiner einen Tochter erzählt. Aber sie beharrt darauf, dass die positive Heilkraft des Knoblauchs in keinem Verhältnis zu dem bisschen Geruch stehen würde. Auch im Tanz der Vampire wird der Knoblauch besungen:
„Knoblauch, Knoblauch ist unsere Leidenschaft.
Knoblauch, Knoblauch gibt Leib und Seele Kraft.
Er macht größer, was zu klein ist.
Er macht edel, was gemein ist.
Und macht härter, was erschlafft“.
„Auch gut“ denke ich. Wie gesagt, meine Tochter macht es mir einfach. In den südlichen europäischen Ländern wird Knoblauch vor allem in der Türkei und in Spanien angebaut und wahrscheinlich auch gegessen. Ein Schwiegersohn aus diesen Ländern erscheint mir aufgrund der knoblauchaffinen Einstellung meiner Tochter mehr als wahrscheinlich. Also entweder ein türkischer Bergbauernsohn aus Hinteranatolien oder ein spanischer Olivenbauer, der nebenbei auch Knoblauchfelder besitzt. Dies sage ich nicht nur so, das habe ich nach den Kriterien meiner einen Tochter und über die Wahrscheinlichkeiten des charakteristischen Auftretens des Typus „Mann“ in Deutschland so ungefähr berechnet:
Anzahl der Männer in Deutschland 2020: ca. 40 Millionen
Passende Altersgruppe 25 – 30 Jahre: 3 Millionen
Anteil davon, der musikalisch ist: 300.000
Anteil davon, der sich Umweltbewusst und nachhaltig verhält 100.000
Anteil davon, der sportlich ist: 10.000
Anteil davon, der ehrenamtlich tätig ist und sich sozial engagiert: 1000
Anteil davon, der sich zusätzlich politisch interessiert: 100
Anteil davon, der sich zumindest vegetarisch oder vegan ernährt: 5
Anteil davon, der mit beiden Beinen im Leben steht: 0-1
Also bleibt in Deutschland von allen lebenden Männern höchstens Einer übrig der in das Schema passen könnte. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Bergbauernsohn aus Anatolien: der ist sportlich, spielt Flöte beim Hüten der Herde, lebt nachhaltig da er kein Auto hat, lebt umweltbewusst da er keinen Strom hat und ernährt sich von dem was, die Natur bietet.
Soll mir recht sein, da kann ich mich jetzt schon gut darauf einstellen. Im Urlaub waren wir schon sowohl in der Türkei als auch in Spanien. Und Spanisch spricht meine Frau bereits sehr gut und Türkisch bekommen wir auch noch hin. Ich habe mich vorsichtshalber schon mal bei der Volkshochschule für einen Türkischkurs angemeldet. In dem stattlichen Altern meiner Tochter von 24 Jahren wird es nicht mehr so lange dauern bis des nachts jemand an das Fensterlein klopft.
Aber Achtung: zumindest in meinem Kopf ist das Gewehr geladen.
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