Weinlese in meinem Weinberg
Ich habe seit einigen Jahren einen Weinberg. Dieser liegt – windgeschützt – in absoluter Südlage. Ich baue die Rebsorte Romulus an und mein Weinberg ist, so vermute ich, der nördlichste Weinberg Unterfrankens. Es ist eine für unsere Gegend großformige, helle Traube mit einer hohen Süßigkeit und sie ist kernlos. Die Reben werden im Frühjahr zurechtgeschnitten und die Triebe wachsen entlang der nachbarlichen Wand aus roten Backsteinen. Dadurch bekommen sie sehr viel Wärme ab und gelangen, trotz einer geringen Sonnenscheindauer in diesem Sommer, zu einer enormen Reifung. Als Winzer fühlt man sich mitten in den Trauben wohl und so sitzen wir oft unter diesem Dach von Traubenblättern und Trauben. Wir haben sie an einem Gestell hochgezogen, so dass ein schattenspendender Baldachin gebildet wird und die Weintraubendolden dann, durch das Eigengewicht, mit zunehmender Reifung und Gewicht, immer weiter nach unten hängen und fast in den Mund wachsen. Mein Weinberg schenkt mir genau das, was ich von ihm erhofft habe: Schatten, einen schönen Anblick, die süßesten Trauben der Welt und die Vorfreude auf eine reichliche Ernte. Ich freue mich sehr auf diese Früchte, auf das Naschen, die Nachspeise, das Traubengelee und die Traubenmarmelade.
Meine Frau hat auch einen Weinberg. Er liegt in derselben Lage, auch windgeschützt und wächst deshalb ebenso gut. Sie liebt auch die süßen Früchte, sitzt aber weniger im Schatten der Reben, da sie lieber die Sonne mag. Natürlich handelt es sich um denselben Weinberg, im selben Garten und unser gesamter Weinberg besteht nur aus einem einzigen großen Rebstock. Aber wie gesagt, es ist eine super Pflanze mit vielen Reben. In diesem Jahr wurden die Trauben erst gar nicht reif, dann aber gelangten sie sehr schnell schon fast zur Überreife und fingen an abzufallen, wobei sich auch die Blätter schon frühherbstlich verfärbten.
In meinem Kopf war die Lese schon im vollen Gange, die Trauben wurden abgezupft, in einen Entsaftertopf getan und der entstehende Saft aufgefangen. Der Gelierzucker war schon gekauft und der Produktion von Romulusgelee stand nichts mehr im Wege. Ich fing gerade an, die herrlichen Trauben abzuschneiden, als meine Frau sagte, ich solle noch warten, denn sie wolle noch Trauben verschenken und brauche einige Schalen für den und für die und noch für alle Nachbarn. In meinem Kopf brach der Trauben- und damit der Geleeertrag für dieses Jahr völlig ein. Ein Traubencrash! Und das bei meinen Trauben.
“Und ich solle mich nicht so anstellen, man müsse austeilen was man hat, solange man noch kann“.
Das mag richtig sein, aber nicht bei meinen Trauben! Die anschließende Diskussion habe ich gar nicht angefangen, weil ich, wie sonst auch, verloren hätte und bin traurig und traubenlos von der Leiter gestiegen.
„Es könnte sich doch wohl jeder selbst einen Rebstock in den Garten setzen. Nach 10 Jahren hat man, wie bei uns, schon einen guten Ertrag“, dachte ich insgeheim bei mir.
Wir hatten geplant in der nächsten Woche in Urlaub zu fahren und um die Vorurlaubsfreude nicht zu trüben, hatte ich nichts mehr gesagt. Ich sagte auch nichts an den nächsten Tagen, als die Trauben am Stock immer weniger wurden und eine Schale der goldenen Früchte nach der anderen mit „meinen“ Trauben, vom Hof getragen wurden. Jedem der zu Besuch kam – und es war gefühlt das halbe Dorf – wurde eine Schale in die Hand gedrückt. Ich hatte sogar die Vermutung die Leute kamen mit Absicht vorbei, als hätten sie sich abgesprochen nach dem Motto: „Du, geh mal dorthin, da bekommst du Trauben“.
Heute war der Tag vor dem Urlaub. Die letzte Gelegenheit, um noch Gelee zu kochen. Ich stieg mit meinem Eimerchen auf die Leiter, da ich in der unteren Etage keine Trauben mehr erblicken konnte. Und in der Tat fand ich noch einige traurige Reste davon an den schwer zugänglichen Stellen. Als ich fertig war, blickte ich wehmütig auf das halbe Eimerchen mit Trauben, das ich quasi für „mich“ gerettet hatte. Es waren einfach zu wenig, um davon Gelee zu kochen. Also beschloss ich, den größten Teil davon sofort zu essen, vor allem, da sich schon wieder Besuch angesagt hatte. Mein Bauchweh und Darmrumpeln fing gerade an, als der Besuch kam. Großzügig schob ich deshalb die restlichen Trauben hinüber und sie waren auch sofort vertilgt. Kein Wunder bei diesen herrlichen Früchten.
Am Nachmittag bin ich nach Kissingen zum Einkaufen gefahren und da stand im Laden eine ganze Palette mit Traubengeleegläsern. Ich nahm fünf Gläser davon mit und war voller Freude, auch wenn meine Trauben sicher besser geschmeckt hätten. Und ich schwenkte wieder auf die positive Seite, denn was hatte ich für Arbeit gespart mit dem Entsaften, Kochen und Einfüllen der Gläser. Ich bin schon froh, dass meine Trauben so einen guten Absatz hatten und so gelobt wurden. Da geht man doch gerne mal zu Aldi oder Norma, um sich günstig das zu holen, was man selbst hätte ernten und verarbeiten können.
Fao200921
Glückwunsch zur Weinlese.Ich erinnere mich an den Weinstock in eurem Garten.Schön,dass die Trauben schmecken.Was ich auch vom gekauften Gelee hoffe. Herzliche Grüße Gertrud Schulz
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