In Nomine Patris – Die Geschichte eines Klosterschülers
3. Das Essen
Die Zubereitung des Essens muss für die Küche im Kloster eine große Herausforderung gewesen sein. 150 Jungs, einige Nonnen, Patres und Brüder satt zu kriegen war nicht immer einfach. Dem Essen den nötigen Respekt entgegen zu bringen, war auch nicht einfach, und so wurden auch schon mal die Klöße, wie beim Kegeln, durch den Speisesaal geschoben, zur Belustigung aller, mit einem darauffolgenden Ausruf von den Patres: „Wer war das?“ Wir waren Heranwachsende und hatten immer Hunger. Die Küche, von Nonnen und auch weltlichem Personal geführt, tat sicher ihr Bestes, um uns satt zu kriegen. In der Regel war das Essen hervorragend. Es gab jedoch zwei regelmäßig wiederkehrende Mahlzeiten, die sich jedem Klösterer cerebral in das Esszentrum eingebrannt haben. Einmal waren das die Leberwürste am Mittwochabend, die es immer nach dem Schlachten, also alle 14 Tage, gab. Das Kloster hatte noch eigene Schweine, die gefüttert und dann auch geschlachtet wurden. Da waren Leberwürste natürlich die logische Folge. Ich kenne eigentlich niemanden der diese Würste, von uns liebevoll abgewertet „Schläuche“ genannt, gemocht hat. Sie hatten wirklich eine starke Ähnlichkeit mit Fahrradschläuchen. Die andere Mahlzeit gab es am Freitagabend, nicht immer, aber so oft, dass ich Jahrzehnte später dies noch immer nicht essen konnte: das waren Tomatenheringsdosen. Immer für zwei Mann eine Dose. Wer es gemocht hat, konnte sich richtig satt essen. Wer es nicht gemocht hat, und von zu Hause keinen Nachschub hatte, dem hat dann in der Nacht der Magen geknurrt. Weil wir immer Hunger hatten, war auch der Futterneid sehr groß. Etwas von einem anderen Teller „stehlen“ war sehr gefährlich. Einmal habe ich es bei H.E. versucht. Der merkte das sofort und hat mit seiner Gabel nach mir geworfen. Die Gabel schlug heftig, weit oben in meinem rechten Oberschenkel, ein und blieb zitternd stecken. Es hat zwar stark geblutet, aber letztendlich meiner Zeugungsfähigkeit nicht geschadet. Noch heute kann ich es nicht leiden, wenn jemand etwas von meinem Teller probieren will. Da fange ich unwillkürlich an zu knurren.
Unser 6-er Tisch war der Fresstisch. Wir hatten andere befreundete Tische, die uns ihre Reste zukommen ließen, egal ob Kartoffeln, Klöße, Soße oder Salat. Selten ging eine Schüssel mit Resten in die Küche zurück. Wir haben literweise die Soße und Dutzende von Klößen vertilgt und immer neue Rekorde angestrebt. Das war eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass das Essen gar nicht so schlecht gewesen sein muss. Nein wirklich, die Menschen in der Küche haben sich bemüht. Manchmal mussten wir auch zu einer List greifen, um noch zusätzlich etwas zu bekommen. Immer wenn Wandertag in der Schule war, gingen wir zur Küche zum „betteln“. Dann bekamen wir von den netten Nonnen für die anstrengende Wanderung eine komplette Hartwurst oder Fleischwurst. Ich schätze mal, irgendwann haben die schon gewusst, dass es so viele Wandertage in der Schule niemals geben konnte.
Einen wichtigen und beliebten Küchendienst gab es am Samstag. Da es jeden Sonntag Kuchen gab, wurde dieser am Samstag durch den „Kuchendienst“ von der Bäckerei Kraft auf großen Blechen abgeholt. Der musste dann geschnitten und in Holzkisten geschichtet werden. Der Streuselkuchen war der Hit. Ich weiß nicht mehr wie oft ich Bauchweh hatte, weil ich soviel gegessen hatte. Wenn man in der Kiste immer mal eine Lücke freiließ, sah sie am Ende auch wieder voll aus. Es gab auch noch eine Brauerei; das Klosterbier war ja berühmt. Als wir dann schon größer waren, bekamen wir auch manchmal ein Bier von der Brauerei. Sonst waren ja Getränke beim Essen verboten, den Grund hatte ich nie mitbekommen. Man durfte erst nach dem Essen wieder trinken. Dreimal in der Woche gab es in der Regel eine Limo: am Mittwoch, am Samstag und am Sonntag. Das wurde gut eingeteilt und im Essensfach aufbewahrt. So ein Fach, in der Seite des Speisesaales eingelassen, hatte jeder Schüler. Manche Schüler haben aber, wenn sie Durst hatten, ihr eigenes Fach nicht mehr gefunden und die Getränke von den anderen leergetrunken. Das war dann bitter und hat oft zu Streitigkeiten geführt. Nur am Samstagnachmittag konnte man zusätzlich ein Getränk kaufen. Was für ein Genuss, ab und zu eine Cola zu erwerben und dann minischluckweise auszutrinken.
Es gab an den Tischen auch wieder die Einteilung nach dem Alter. Diese wurde zu Jahresanfang festgelegt und nicht mehr verändert. An jedem einzelnen Tisch saß an der Stirnseite der „Aufträger“. Dieser musste die verschiedenen Schüsseln mit Suppe, Kartoffeln, Fleisch und Soße von der Theke holen. Derjenige, der an der gegenüberliegenden Stirnseite saß, durfte sich als erster auftun. Dann ging es in einer bestimmten Reihenfolge weiter bis zum Aufträger, der als Letzter drankam. Er hatte die meiste Arbeit und oft waren die Schüsseln schon ziemlich leer, bis er selbst an der Reihe war. Das war nun auch nicht schlimm, denn jede Woche wurde die Sitzordnung um einen Platz verschoben; so hatte man immer nur eine Hungerwoche. Die für mich wichtigste Mahlzeit gab es an kirchlichen Feiertagen oder wenn ein Pater Geburtstag hatte. Dann gab es Bratwürste, meine Leibspeise. Die waren zwar sehr dünn, aber wahnsinnig gut. Dazu gab es immer Sauerkraut und Brot, welches ich zuerst als Vorspeise gegessen habe und dann zum Schluss wieder Minischeiben der Bratwurst, um den Geschmack möglichst lange im Mund zu haben. Mit Bratwürsten verknüpfe ich auch die seltenen Besuchstage, alle 4 Wochen am Sonntagnachmittag. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich meine Mutter je besucht hat, denn sie hatte zu Hause die Vielzahl an Geschwistern zu hüten. Wenn, dann kam mein Vater mit dem Moped und später auch mit dem Auto, brachte Wäsche, kleine Geschenke oder was zu Essen. Wir gingen dann in der Regel in der Stadt spazieren und in die Wirtschaft. Ich durfte eine Bratwurst essen und ein Limo trinken; das war schön. Körperliche Berührungen und tiefgreifende Gespräche hatten wir nicht, es ging meist um die Schule und ich war froh, wenn er nicht geschimpft hat. Die Zeit war damals anders als heute. Körperliche Nähe mit den Eltern kannte ich überhaupt nicht, über Essen aber habe ich mich immer sehr gefreut; das war auch eine Art von Zuwendung.
Fao210831
Danke für die gelungene Schilderung des Lebens im katholischen Internat. Gertrud
Liebe Grüße
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