In Nomine Patris / 2.2 – Die Geschichte eines Klosterschülers
2.2 Tagesroutine
Die Mittwoche waren der Wahnsinn und auf ihre eigene Art sehr anstrengend, denn am Mittwochabend war „Silentium“ angesagt. Das heißt „Ruhe“ und bedeutete für uns, dass wir mit Beginn des Abendessens nicht mehr sprechen durften und auch bei sonstigen Aktivitäten Ruhe herrschen musste. Daran kann sich jeder Klösterer bis heute noch erinnern. Ich konnte damit nichts anfangen, konnte das Wort noch nicht übersetzen und war es auch nicht gewohnt, meinen jugendlichen Drang so einzuengen. So hat man verstohlen geflüstert, sich Zeichen gegeben und Zettel geschrieben; aber es war eine Regel, an die man sich gewöhnte und die nicht unbedingt geschadet hat. Für diejenigen, die sich mit dem Gedanken getragen haben, später mal ins Klosterleben überzutreten, war das sicherlich eine gute Übung. Ich habe mir oft überlegt, ob ich das ein Leben lang aushalten könnte, hat das doch schon sehr stark an ein richtiges Klosterleben erinnert.
Verschiedene Wochentage hatten so jeweils einen etwas unterschiedlichen Ablauf. An den Wochenenden waren die Zeiten deutlich zugunsten der Freizeit verschoben. Wir konnten zusätzlich zum allgegenwärtigen Sport in Arbeitsgruppen gehen, Kurse besuchen, Theater proben, lesen oder uns einfach im Freien aufhalten. Es gab einige selbstorganisierte Gruppen, in denen man z.B. fotografieren lernen oder sich mit Astronomie beschäftigen konnte. Es gab in den Klassen kleine Theatergruppen und auch eine klassenübergreifende Theatergruppe, die manchmal an den Wochenenden in anderen Orten der Umgebung spielte und sogar auf Tourne ging. Es war sehr aufregend in der Requisitenkammer zu wühlen und die verschiedenen Klamotten anzuprobieren. Es gab viele Förderungen und auch finanzielle Mittel von Seiten der Klosterleitung. Innerhalb unserer Klasse gab es noch zusätzliche Jugendgruppen. Ich war bei der ältesten Gruppe. Wir hatten auch eine Fahne, festgemacht an einem alten Besenstil. Auf der einen Seite stand „Die Marder“ und auf der anderen Seite „St. Michael“. Diese Fahne haben wir häufig mitgeschleppt, beim Zelten oder beim Lagerfeuer. Irgendwie ist die in meinen Besitz gekommen und steht heute noch in meinem Arbeitszimmer.
Zwischen 21 und 22 Uhr läutete wiederum die unbarmherzige Glocke. Wir versammelten uns alle im Studiersaal und gingen dann gemeinsam in den Schlafsaal, natürlich nicht ohne Nachtgebet. Das Licht wurde nach dem Zähneputzen schnell gelöscht und der Unruhepegel sank sehr schnell. Zwischenfälle in der Nacht gab es nicht so häufig. Der Pater ging regelmäßig, wie ein Wachsoldat, auf Streife, wobei man manchmal die leisen Schritte hörte, oder auch den Kopf mit den grauen Haaren hinter der Abtrennung für die Waschbecken auf und ab wippen sah. Und so war – neben dem Heimwehschluchzen – meistens Ruhe im Schlafsaal. Meistens, doch manchmal hatten wir auch Flausen im Kopf und an Schlaf war nicht immer zu denken, vor allem im Sommer, wenn gerade mal die Sonne am Untergehen war und wir schon in den Schlafsaal mussten. „Blödsinn machen“ war auch ein gutes Mittel gegen das Gefühl der Einsamkeit in der Nacht. Dann ging plötzlich das Licht im Saale an und wenn du außerhalb deines Bettes erwischt wurdest, ohne auf dem Weg zur Toilette zu sein, zog das eventuell eine Überlage nach sich. Bei einer Überlage muss man sich über den Tisch beugen und dann gibt es Schläge auf den Hintern. Oder man musste sich am nächsten Tag persönlich rechtfertigen. Ich habe das nie selbst erlebt und es auch bei anderen nie als Misshandlung empfunden; wussten wir doch genau, was erlaubt war und was nicht. Auch das Lesen mit Taschenlampe unter der Bettdecke war nicht erlaubt und hatte eine strenge Ermahnung zur Folge. Oft stellten wir sogar Wachen auf, um gegen solche Überraschungen gewappnet zu sein. Einmal, wir waren schon etwas älter, machte A.R., dessen Bett am Fenster stand, eine Entdeckung. „Ein nackter Pater“ schallte der Ruf durch den Schlafsaal. Viele von uns sprangen sofort neugierig auf sein Bett, welches, aus Eisen bestehend und schon in die Jahre gekommen, dem Gewicht nicht standhalten konnte, um sich dann, unter jämmerlichem Knarren, in der Mitte durchzubiegen. Es gelang trotz aller Anstrengung nicht mehr, den Rahmen wieder gerade zu biegen und so musste er die Nacht mit der Matratze auf den Boden verbringen.
Ein erlaubter Grund, früher aufzustehen, war, wenn man noch für eine Schulaufgabe am selben Tag lernen wollte. Eine Uhr haben wir nicht gebraucht; wir hatten die Kirchenglocken als Zeitmesser. Ich habe das relativ oft gemacht und wahrscheinlich auch gebraucht und bin meinen Mitstreitern, die mir am Morgen noch etwas in das Kurzzeitgedächtnis geschoben haben, immer noch dankbar. Das war eine gute Sache, es gab immer jemanden, der etwas besser verstanden hatte als du selbst und der dir dann auch geholfen hat. Das wäre zu Hause nicht möglich gewesen.
Der Schlafsaal war auch der Ort, an dem ich viel mit meinem Glauben ausgemacht habe. Ich bin da sehr pragmatisch vorgegangen. Ich habe viel gelernt, dann um eine gute Note gebetet und bin oft darüber eingeschlafen. Wenn ich dann eine schlechte Note hatte – ich hatte ja meine Arbeit getan und gelernt – konnte nur noch der Allmächtige an der schlechten Note schuld sein. Das habe ich ihm dann sehr übelgenommen und ihm Vorhaltungen gemacht, warum er seinen Teil, trotz seiner Allmächtigkeit nicht einhielt. Aber zum Glück ist das nicht allzu oft passiert.
Duschen hatten wir im Schlafsaal nicht, aber es gab einen Duschraum, welcher am Wochenende benutzt werden musste. Klassenweise ging es am Samstagnachmittag in den Vorraum der Dusche, dort mussten wir uns ausziehen und dann ging jeder in eine Duschkabine. Die Duschdauer und auch die Temperatur wurden zentral vom Pater eingestellt. Zuerst kam Wasser zum „Einweichen“, dann wurde eingeseift und dann kam nochmal Wasser zum Abspülen. Zum Schluss wurde das Wasser kalt eingestellt, um alle Jungs aus der Dusche zu treiben. So war für alle Klassen der Tagesablauf sehr ähnlich. Selbst die Spaziergänge am Samstagnachmittag wurden im Klassenverband durchgeführt. Der Pater ging voraus, dann wurde in 2er Reihen dem Alter nach aufgestellt und ab ging die Marschkolonne durch Wald und Flur und auch durch die Stadt. Die Einheimischen waren diese Bilder gewohnt, deshalb gab es nur selten erstaunte Blicke. Einteilungen dieser Art, Sitzeinteilungen und Gruppeneinteilungen wurden immer nach dem Alter vorgenommen.
Fao210830
Herzlichen Dank für die Geschichte, die mich berührt hat.
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