In Nomine Patris – 2.1

In Nomine Patris – Die Geschichte eines Klosterschülers

  •    2.1 Tagesroutine

Der Tag begann für uns immer sehr früh. Neben den vielen Tauben, die als Nachbarn mit uns unter dem Dach wohnten, waren es die Glocken der Klosterkirche, nur einige Dutzend Meter entfernt, die schon sehr früh, etwa um 6 Uhr, unseren Tag einläuteten. Zusätzlich gab es in jeder Etage eine sehr laute und schrille Glocke, die zur Pünktlichkeit bei den einzelnen Tagesordnungspunkten mahnte. Kaum war die Glocke verklungen, kam auch schon Pater Fidelis in den Schlafsaal gestürmt, um mit einem lauten „Guten Morgen“ die letzten Schläfer aus den Betten zu treiben. Manchmal erscholl auch der Ruf: „Benedicamus domino“, worauf wir antworten mussten: „Deo gratias“. Daran kann ich mich aber nicht mehr so gut erinnern. Schnell ging es jetzt um die Ecke zu den Waschbecken, wo die Morgentoilette gemacht wurde. Dann wurden die Klamotten aus dem Schrank geholt und angezogen, das Bett gerichtet und schon war man im Studierzimmer versammelt, um von hier aus gemeinsam zur Morgenmesse zu gehen. Danach gab es Frühstück und schon setzte sich die Karawane aus jungen Menschen auf dem Weg zu Schule in Bewegung. Dieser Weg führte durch die hintere Pforte, am alten Krankenhaus vorbei, rechts am Semi vorbei – rechts davon lag das Schwimmbad – und dann in einem geschwungenen Bogen nach links bis zum Gymnasium mit dem Glockenturm vor dem Schulhof. Bemerkenswert an diesem Schulweg war, dass er sehr schmal war; aber auch wieder nicht so schmal, dass nicht der VW-Golf von H.E. Jahre später durchgepasst hätte, ohne anzustoßen. Bemerkenswert war auch, dass dieser Weg am Semi vorbeiführte; das war für uns manchmal feindliches Gebiet. Das Semi (Seminar) wurde auch von den Augustinern verwaltet und beherbergte gleichfalls eine große Zahl von Jugendlichen in allen Altersklassen. Im Unterschied zu uns Klösterern gab es hier ein anderes Erziehungskonzept, mehr weltlich ausgerichtet. Vor allem durften die Jungs jedes Wochenende nach Hause fahren. Das war für uns im Kloster zwar ein seelischer Schmerz, doch war bei uns der Zusammenhalt viel stärker, so dass wir bei Rivalitäten, durch unseren geschlosseneren Klassenverband, meistens als Sieger hervorgingen. Im Winter wurden Schneeballschlachten ausgetragen, auch unter Beteiligung der Patres, und ich kann mich nicht erinnern, eine dieser Schlachten verloren zu haben. Ein Rundruf genügte, um eine große Zahl an älteren Klösterern zur Verteidigung der Klosterehre zu rufen. Geschlossenheit war für uns sehr wichtig und immer ein positives Merkmal unserer Klasse. Wir waren tagaus und tagein zusammen, durften nur in den Schulferien nach Hause und kannten uns wahrscheinlich auch viel besser als unsere eigenen Geschwister. Dies zeigt sich bis in die heutige Zeit, denn bei den Klassentreffen, die immer noch regelmäßig stattfinden, besteht die Mehrzahl der Teilnehmer aus dem Kern der ehemaligen Klösterer. Also manchmal bin ich dann auch stolz, ein Klösterer gewesen zu sein.

In der Schule bildeten wir auch eine eigene Klasse, zumindest in den ersten Jahren; wahrscheinlich um die Mädchen von uns fernzuhalten. Wenn das die Absicht gewesen war, ist dieser Versuch kläglich gescheitert, denn in den Parallelklassen gab es viele Mädchen und wir waren erfinderisch genug, um Mittel und Wege für ein Zusammenkommen zu finden. Nach der Schule ging es wieder zurück ins Internat zum Mittagessen. Wir hatten als heranwachsende Pubertiere einen mächtigen Hunger und versammelten uns, auf das Glockenzeichen hin, im Speisesaal. Jeder nahm seinen, zu Jahresanfang festgelegten Tischplatz ein. Wir konnten das Tischgebet kaum abwarten, um uns dann auf das Essen zu stürzen. Das erfolgte aber nicht immer mit großem Appetit, denn manchmal wurde eher ein Fluchtreflex ausgelöst. Das Thema Essen war sehr speziell, deshalb ist diesem Thema ein ganzes eigenes Kapitel gewidmet. Nach dem Essen und nach dem unvermeidlichen Tischgebet, kam die lang ersehnte „Freizeit“. In der Regel wurde Fußball gespielt – entweder auf einem Rasenplatz neben dem Semi oder direkt auf dem Hardcore-Teerplatz im Klosterhof. Tägliche Verletzungen waren hier an der Tagesordnung. Viel zu kurz war diese freie Zeit. Auch wenn wir völlig verschwitzt waren, rief uns die Glocke jetzt zur Studierzeit. Von 14:45 Uhr bis 16 Uhr hatten wir im Studiersaal an den Schreibtischen zu sitzen und bei den Hausaufgaben rauchten die Köpfe. Natürlich war die von uns so genannte „Schwaszeit“ (kommt wahrscheinlich vom Schweiß) sehr wichtig und intensiv. Zur Toilette musste man sich abmelden; man durfte nicht reden und sich nur mit Lernen und Büchern beschäftigen. Der „Aufpasser-Pater“ oder „Bruder“ schlich durch die Reihen und zog seinen Gürtel bei Unaufmerksamkeit, oder wenn die Augen zugefallen waren, quer über das Pult, dass es nur so krachte. Jeder Klasse war zu Anfang des Jahres ein Pater zugeteilt worden, so konnte man sich gut aneinander gewöhnen. Wieder wurde die Pause von 16-17 Uhr für vielerlei Aktivitäten genutzt, es gab Tee in der Küche und manchmal Schnittlauchbrote. Von 17-18:30 Uhr kam die zweite große Studierzeit. Wer jetzt mit den Hausaufgaben fertig war, konnte Bücher lesen oder in eines der Musikzimmer gehen und ein Instrument üben. Nach dem Abendessen – um 19 Uhr – wurde oft eine Andacht oder Abendmesse in der Kapelle abgehalten, die oft von uns selbst gestaltet wurde, denn aktive und musikalische Jungs hatten wir Viele.

Fao210821

Ein Kommentar zu „In Nomine Patris – 2.1

  1. Im Namen des Vaters- gefällt mir, weil es doch offensichtlich erlebte Geschichte ist.Mit manchen fiktiven Geschichten kann ich nicht so viel anfangen.
    Ich freue mich immer durch Texte aus deinem Leben mehr über dich und deine Gedanken zu erfahren.

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