In Nomine Patris – 1

In Nomine Patris – Die Geschichte eines Klosterschülers

  1. Der Beginn

Das Wort „Kloster“ kommt von dem lateinischen Wort „claustrum“, was so viel wie „verschlossener Ort“ bedeutet. Das war sicherlich auch so ein bisschen unser Eindruck, als wir den ersten Kontakt mit dem Kloster hatten. Der Eindruck von hohen, gewaltigen Mauern, die verschlossenen eisernen Türen und Tore nach draußen, die pompöse Kirche und die sofort einsetzende, ordnende Tagesstruktur gaben so ein bisschen das Gefühl des Ausgeliefertseins. Wie wird das alles werden, die nächsten Tage, Wochen und Jahre, wie kann man das aushalten, wie schlage ich mich in dieser engen, sozialen Gruppe, wie komme ich mit dieser strengen Ordnung zurecht, wie halte ich das Heimweh aus und will ich wirklich Pfarrer werden? Diese Fragen beschäftigten uns zunächst nur am Rande, als wir von unseren Eltern für 3 Tage ins Kloster „eingeliefert“ wurden, um die Aufnahmeprüfung am Gymnasium zu bestehen und um uns an das zukünftige Leben in einem Klosterinternat der Augustiner zu gewöhnen. Dies war der Startpunkt für die nächsten 9 Jahre, als diese Herde von kleinen Jungen,  von lebenshungrigen, präpubertären Menschen im Alter von 11-12 Jahren, ausgestattet mit einem Kleiderbündel, auf den Schlafsaal, den Waschplatz, den Platz im Studiersaal und den Platz im Speisesaal verteilt und in die Organisation des Internats eingepflegt wurde. Ich hatte für diese drei Probetage nicht viele Kleider dabei, und nach der Aufnahmeprüfung kam ich in exakt denselben Kleidern wieder nach Hause. Ich hatte damit die Prüfung bestanden, war in der Kirche gewesen, hatte viel Sport gemacht, vielleicht sogar damit geschlafen. Die Zeit, mal von zu Hause weg zu sein, war sehr aufregend, noch nicht traumatisierend; es fühlte sich eher an wie ein Ausflug ins Abenteuerland.

Nach den Sommerferien wurde es aber ernst. Die Vorbereitungen waren getroffen. Es wurde ein Satz Kleider besorgt, auch Sonntagskleider, Bettwäsche, Sportsachen und Schulsachen. Um Verwechslungen zu vermeiden, wurden alle Kleider mit einer Nummer versehen, in meinem Fall war es die Nummer 13, die mich 9 Jahre lange auszeichnete. Ich war nicht aber gläubig, so hat mir das Tragen der Nummer über all die Jahre glaube ich nichts ausgemacht. Die Tagesroutine brachte schnell Ordnung in das Gewusel von 36 Jungs, die alle dasselbe Ziel hatten: in 9 Jahren die Gymnasialzeit mit dem Abitur abzuschließen. Das war ein sehr sehr fernes Ziel, welches wir noch nicht mal annähernd absehen konnten. Einige hatten sicherlich schon einen Berufswunsch, auch mit einer kirchlichen Laufbahn, aber da sollte noch so viel dazwischenkommen. So viel Neues, so viel Anderes prasselte auf uns ein, dass eigentlich alles unerreichbar weit weg schien.

Vor allem zu Beginn, und dann vor allem immer nach den Ferien gab es etwas, was die Zeit unheimlich zu verlangsamen schien und das war das Heimweh. Nein, kein Gefühl mehr von Abenteuer und Zukunftsvisionen, das jetzt war Realität und musste durchgestanden werden. Die Zeit bis zur nächsten Heimfahrt nach den Sommerferien, das waren die Herbstferien im November, war ein Zeitrahmen, dessen Ende nicht näher zu kommen schien. So war Heimweh, das Gefühl verlassen zu sein und die Tatsache, dass diese Zeit hier nicht vergeht und nicht endet, ein ständiger Begleiter. Jeder Tag zog sich, zog sich unendlich, aber es wurde leichter, wenn man sich dem auslieferte und wirklich jeden langen Tag und damit die Zeit abhakte. Viele Tränen wurden auf den Toiletten oder abends in die feuchten Kissen geweint. Aber Vorsicht: ein Schluchzen durfte nicht auftreten, hätte als verweichlicht gegolten und die soziale Gruppe hätte das sofort ausgenutzt. So mancher hat es nicht geschafft und hat enttäuscht abgebrochen Jeder hatte einen anderen Umgang damit. Ich habe die Tage abgehackt, einen nach dem anderen, und so kam ich auch immer wieder ein kleines Stückchen näher an die Heimat und habe durchgehalten. Bezugspersonen, denen man sich anvertrauen konnte, gab es zu dieser Zeit nicht. Damals hatte ich den Begriff „Heimat“ noch nicht erfasst. Was hat mich in die Heimat gezogen? Es war kein lohnendes Ziel: ich erinnere mich an kärgliches Essen, wenig Aufmerksamkeit von den Eltern, bei vielen anderen Geschwistern und doch gab es dieses Gefühl, diese tief verwurzelte Sehnsucht nach dem was Heimat ist.

Trotz der seelischen Schmerzen durch die Trennung von Eltern, Geschwistern und dem Zuhause gab es auch die Erkenntnis für mich: um „etwas werden zu können“ war dies eine hervorragende und damals auch die einzige Möglichkeit. Zu Hause gab es kein Studierzimmer, keine Bibliothek und keinen Schulbus in die Stadt und vor allem keine zusätzlichen Fördermöglichkeiten. Im Internat hatte ich das alles: schulische Ansprechpartner, einen Schreibtisch, einen Schlafplatz, Essen und eine ausgefüllte Freizeit mit Gleichgesinnten.

Das Augustinerkloster-Internat musste in all seinem Gewusel straff organisiert sein. Es war eine manchmal harte, einschränkende aber doch eine stabilisierende Ordnung, an die man sich halten konnte. Es war eine Ordnung, die uns nicht geschadet hat und gegen die wir trotzdem ab und an rebelliert haben. Es gab im Tagesablauf viele katholische/kirchliche Inhalte, schließlich sollten wir zum Priesterberuf hingeführt werden. So lautete der „Vertrag“, den die Klosterleitung im Vorfeld mit den Eltern geschlossen hatte. Auch ich hatte, als ich in der Volksschule gefragt wurde, gesagt, dass ich gerne Priester werden wollte. Das lag in der Tradition, denn ich hatte einen Onkel bei den Augustinern, der in der Schweiz als Pfarrer arbeitete. Immer wenn der nach Hause in unser Dorf kam, wurde er nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Es gab jeden Tag „Sonntagsessen“, immer bei einer anderen Familie seiner zahlreichen Geschwister. Ich musste für ihn Zigarren kaufen. Was für ein Luxus! Wahrscheinlich hatte ich mir diesen Luxus auch für mich gewünscht, was meinen Wunsch, Pfarrer zu werden, sehr stark förderte.

fao210809

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