Habe ich recht?

Habe ich recht??

Jeder kommt im Leben mal in eine Situation, in der er zweifelt, in der er an sich zweifelt und in der er zweifelt an dem, was er erlebt und in der er zweifelt an der eigenen Reaktion und dabei hinterfragt, ob die eigene Sicht der Dinge die Richtige ist.

Wie soll ich wissen, was richtig ist, denn meine Reaktion ist immer die Summe von dem, was ich erlebt habe. Es gibt viele Rahmenbedingungen und Gesetze, die man beachten kann und diese sind, wie zum Beispiel auch die Verkehrsregeln, doch wahnsinnig wichtig, damit alles im Fluss bleibt und es nicht dauernd Kollisionen gibt. Anders sind die Ansichten und Meinungen, die sich tief in meinem Inneren entwickeln, die sich auch erst mal an dem allgemeinen Recht und an den beigebrachten ethischen Grundsätzen orientieren, also eine Voraussetzung, die wir alle haben sollten. Und trotzdem entwickeln sich Meinungsbilder, die unterschiedlich, bis zu absolut konträr sind. Dabei möchte ich so gerne, dass meine Meinung die „Richtige“ ist; dass ich mich an den richtigen Dingen orientiere und dass der Rest der Menschheit auch so denkt wie ich.

Ich habe aber gewiss nicht immer recht und manchmal liege ich sogar absolut daneben. Es gab vor einiger Zeit einen Boxkampf, mit einem deutschen Boxer gegen irgendeinen anderen. Ich wollte unbedingt, dass der der Deutsche gewinnt und war auch während des gesamten Kampfes der Meinung er würde nach Punkten führen. Auch der Kommentator war auf meiner Seite und so waren wir beide wahnsinnig überrascht, dass die Punktrichter zu einem anderen Urteil gekommen waren und mein Boxer klar nach Punkten verloren hatte. Ich hatte also eine vorgefertigte Meinung bzw. Erwartung; diese hat mein Urteilsvermögen so stark beeinflusst, dass ich den Boxkampf nicht mehr neutral sehen konnte und somit in der Beurteilung absolut falsch lag. Das hatte ich nicht erwartet.

So manches Mal dämmert es einem langsam doch, dass man auch Unrecht haben könnte. Doch man will dies nicht einsehen und vor allem bei Diskussionen fokussiert man sich auf sein eigenes „Recht haben“ und gräbt weiter nach fadenscheinigen Argumenten und Ausreden. Warum ist es so schwer zuzugeben, dass man auch mal daneben liegen kann? Sachliche Themen lassen sich recht einfach und neutral einordnen, man kann sie nachfragen oder nachschauen und hat schnell das richtige Ergebnis. Andere Themen lassen, von vorneherein, verschiedene Meinungen zu. Dann ist es sehr schwierig, das Gegenüber von der eigenen Meinung zu überzeugen, auch wenn das eigene Argument noch so gut ist. Verschiedene Menschen haben verschiedene Sichtweisen und sehen Dinge als richtig an, die für einen selbst offensichtlich völlig verkehrt sind. In deiner Bewertung findest du das dann als absolut lächerlich und es führt zur Ablehnung.

Auch das Ertragen von konstruktiver Kritik ist für viele Menschen sehr schwierig, weil jede noch so kleine Äußerung an deren Ego kratzt. Menschen mit geringem Selbstbewusstsein vertragen Kritik sehr schlecht und können auch keine Selbstkritik üben. Ein starkes Selbstbewusstsein dagegen erträgt auch mal Kritik, vor allem wenn man erkennt, dass sie gerechtfertigt ist.

Kürzlich habe ich mit einer absolut liebenswerten alten Freundin telefoniert, mit der ich früher sehr viel durchgemacht habe. Ich habe mich immer gefreut an ihrem Leben teilzuhaben, auch wenn wir uns nur einmal im Jahr sehen. Seit Corona ist das anders. Seit Corona ist sie völlig verändert und ich habe das Gefühl, sie hat eine Gehirnwäsche bekommen. Ihre Gedanken kreisen nur darum, welches Unrecht sie erleidet, wie sie sich durch die Maske einschränken muss und wie sie durch die Coronaimpfung manipuliert werden soll. Sie ist intelligent, hat Medizin studiert und mit Sicherheit viel Lebenserfahrung. Ihre Verteidigung enthält auch sehr viele Angriffe, wie dumm wir wären, dem „Mainstream“ zu folgen und wir würden schon noch sehen was dabei rauskommt. Und wenn sie doch ein bisschen recht hat? Sie ist ja nicht die Einzige, die so denkt und mit denen meine eigene Sichtweise der Dinge überhaupt nicht kompatibel ist. Auch hier möchte ich gerne Recht haben und es fällt mir schwer, ihre Meinung zu akzeptieren oder zumindest als Meinung stehen zu lassen, auch wenn ich sie sehr gerne habe. Man muss aufpassen, dass die beiden gegensätzlichen Meinungen nicht zu einer gegenseitigen Ablehnung führen. Hätte man dadurch etwas gewonnen? Wahrscheinlich nicht. Freunde verloren, eigene Meinung behalten. Das Thema bei einem Treffen ganz ausklammern kann ich noch nicht. Das lässt mein Ego dann doch noch nicht zu.

Ein Gedicht von Jehuda Amichai aus dem Gedichtband „Zeit“:

Der vielgelesene Dichter wurde 1924 in Würzburg geboren, emigrierte 1935 mit seiner orthodoxen Familie nach Palästina, kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der „Jewish Brigade“, war Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg und den drei folgenden Kriegen, danach Lehrer, später Professor für hebräische Literatur. Seit 1937 lebt Amichai bis zu seinem Tod im Jahr 2000 als Lyriker, Erzähler und Dramatiker in Jerusalem.

Der Ort, an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben,

werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,

ist zertrampelt und hart

wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber

lockern die Welt auf

wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar

an dem Ort, wo das Haus stand,

das zerstört wurde.

Fao210625

2 Kommentare zu „Habe ich recht?

  1. Lieber Albin,

    schön, dass Du meinen Namensvetter mit einem so wunderbaren Gedicht zitierst.

    Viele Grüße Lou, Dein eifriger Leser

    Von meinem iPhone gesendet

    >

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  2. Lieber Albin,
    ich freue mich,wieder einen Text von dir zu lesen.Das beschriebene Problem verstehe ich und teile deine Ansicht.
    Das Gedicht gefällt mir,es relativiert aber wieder.Liebe Grüße Gertrud

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