Die Rache des Bärlauchs
In meinem Garten wächst Bärlauch. Ich pflege ihn gut und kann dafür im Frühjahr frische Blätter ernten. Es ist jetzt nicht so viel, reicht aber für ein paar Gläser selbstgemachtes „Pesto“ aus. Ich habe genügend Blätter abgeschnitten, die groben Stile entfernt, die Blätter kurz blanchiert, im Mixer püriert, Hartkäse und einige gemahlene Cashew-Nüsse dazu gegeben, mit Salz und Pfeffer und einem Schuss Zitrone gewürzt, mit einem guten italienischen Bio-Olivenöl aufgegossen und anschließend in Gläser abgefüllt.
Just an dem Tag ergab es sich, dass ich kurzfristig mit dem Zug nach Berlin fahren musste. Ich wollte nur einen Tag bleiben, hatte deshalb wenig Gepäck und dafür nur meinen kleinen Reisetrolley genommen. Ich wollte bei meiner Tochter übernachten und habe deshalb, als Mitbringsel, ein Glas von dem frisch hergestellten Bärlauchpesto, zur Sicherheit noch in einer Extratüte, eingepackt.
Ich war froh, dass ich für den ICE noch einen Fenstersitzplatz mit Tisch reserviert hatte. Ich kann im Zug in einem Ruheabteil sehr gut und bequem arbeiten. Als ich in Erfurt in den ICE gestiegen war, 1. Klasse, Waggon 2, fand ich den Sitzplatz 115 sehr schnell. Dieser war jedoch besetzt. Ich vergewisserte mich, im richtigen Abteil zu sein, kontrollierte nochmals die Sitznummer vor der Abteiltüre und doch, ich hatte recht, der einzige besetzte Platz in dem Abteil für 8 Personen war mein reservierter Platz. Na sowas! Der Mensch, der dort saß, hatte sich ganz schön breit gemacht. Er hatte den Fensterplatz genommen, neben sich eine Tasche und die beiden Plätze an dem Tisch gegenüber waren auch mit seinen Taschen belegt. Nur um meinen Anspruch auf den Sitzplatz 115 am Fenster zu demonstrieren, wuchtete ich meinen kleinen Koffer über diese Platznummer. Der Mensch schaute mich missbilligend an.
„Ob ich nicht wüsste, dass es Corona gäbe und ich solle mich doch wegen des Abstandes auf einen Platz neben dem Eingang setzen“. Ich verneinte dies und kramte mein Ticket mit der Reservierung heraus, um ihm meine Ansprüche zu beweisen. „Ja, also das wäre ihm jetzt egal und für ihn sei die Anzeige an der Türe wichtig, danach wäre alles frei. Er sitze schließlich auch schon 3 Stunden hier und niemand hätte sich beschwert“. Da auch ein weiterer Versuch keinen Erfolg für mich brachte, kein Schaffner in der Nähe war und ich nicht auf Konfrontation aus war, setzte ich mich auf einen freien Platz, um zu arbeiten. Am Computer arbeiten kann ich schließlich von jedem Sitz aus. Auch der Mensch auf meinem Fensterplatz arbeitete an seinem Laptop und schaltete nach einiger Zeit einen Film ein. Immerhin benutzte er Kopfhörer, war aber nach einer Weile eingeschlafen. Er musste sehr müde sein, denn auch bei einem Stop in Halle wachte er nicht auf. Der Mensch war sicher ein Geschäftsmann, denn er trug einen hellgrauen Anzug von Pierre Cardin und ein dazu passendes dunkelgrau gemustertes Business-Hemd von Olymp, dessen Muster ich aus dem Katalog kannte. Als der ICE wenig später dann Potsdam passierte, wachte mein Sitzbesetzer auf, um zur Toilette zu gehen. Als er zurückkam fiel mein Blick auf seinen Rücken. Auf seinem Jackett zeigte sich ein handflächengroßer, grünlicher Fleck, der allerdings gut mit der grauen Farbe des Anzuges kontrastierte. Er setzte sich, verschränkte die Arme vor sich auf den Tisch, legte seinen Kopf ab um sofort wieder, erkennbar an den ruhigen Atemzügen, einzuschlafen.
Jetzt hörte ich es. Es hatte „Plopp“ gemacht. Ich schaute mich um und sah gerade noch, wie ein grüner Tropfen von der grauen Jacke förmlich aufgesaugt wurde. Als ich den Blick zu meinem Koffer hob, erblickte ich drei weitere Tropfen, die am Rande der Ablage hingen, sich innerhalb mehrerer Minuten vergrößerten, um dann, wie auf ein Zeichen, nacheinander loszulassen und in die Tiefe zu stürzen. Jetzt bemerkte ich auch den leichten Knoblauchgeruch, der das gesamte Abteil ausfüllte. Ich beobachtete faszinierte dieses Schauspiel. Der Fleck am Rücken hatte nun eine Größe von zwei Handflächen. Das Öl penetrierte sofort das Jackett, während die kleinen Bärlauchblätterreste auf dem Stoff schon fast eine Kruste bildeten. Klar, ich hätte das Glas noch besser zuschrauben sollen, aber ich beobachtete weiter, wie mein Bärlauch wie ein wütender Ninja, meine Rachegelüste befriedigte. Mein Gesichtsausdruck blieb weiterhin völlig unschuldig und falls er aufgewacht wäre, hätte er mir nichts angemerkt. Ich hätte die Tasche aus der Ablage nehmen können, war aber irgendwie zu bequem dazu. Bis zur Einfahrt im Hauptbahnhof in Berlin waren noch 12 weitere Tropfen gefallen. Ich holte leise meinen Trolley von der Ablage und verschwand aus dem Abteil. Mein Begleitermensch war nicht mehr aufgewacht, er konnte ja bis Hamburg schlafen. Vielleicht war er jetzt im Knoblauchkoma.
Ich selbst mag Bärlauch nicht, aber sympathisch ist mir dieses Kampfgemüse schon.
Fao210424