Hast du´s gut oder hast du´s schlecht??
Wenn du in Rente bist, hast du´s gut. Ich habe es sehr gut, denn ich habe jede Menge Zeit. Ich kann machen was ich will; ich bin mein eigner Herr. Ich stehe früh auf wann ich will, ich frühstücke, ob und wann ich will und wenn ich Lust habe, hole ich sogar Brötchen oder Croissants zum Frühstück. Dann lese ich ausgiebig die Zeitung, während ich noch eine Tasse Cafe´ au lait trinke. Wenn mir danach ist, wünsche ich mir was zum Mittagessen und freue mich darauf. Ich bin in fast jeder Art von Beziehung frei in meinen Entscheidungen. Früher habe ich noch die Autoreifen selbst gewechselt. Aber jetzt, in meinem Rentnerdasein, mache ich ganz gemütlich. Ich muss mich nicht mehr anstrengen und solche Sachen selbst machen, ich bin ja auch alt genug. Nein, ich lasse machen. Ich gebe nur an, was gemacht werden soll. Da der natürliche Fortpflanzungstrieb durch das Alter auch keine maximalen Ansprüche mehr hat, ist das Leben auf diesen Punkt bezogen, auch ruhiger. Das heißt, du hast auch in der Nacht mehr Ruhe und wenn du willst dann gehst du gar nicht ins Bett, sondern guckst Fernsehprogramm bis dir die Augen zufallen. Du bist vollkommen frei, du gehst zum Einkaufen, wohin und wann du willst und erfüllst viele von deinen kommerziellen Wünschen. Und wenn du mal Lust auf „Nichts“ hast, dann kannst du auch ausgiebig mal „Nichts“ machen. Es werden auch keine Forderungen mehr an dich gestellt. Du kannst immer sagen: „Ich kann nicht; mein Kreuz oder mein Kopf“. Damit bist du schon raus aus der Nummer. Oder du machst es eben morgen. Ja Leute, das ist schon ein paradiesisches Leben, das sich in der Rentnerzeit vor euch ausbreitet. Du wirst eh nur noch zum Glühbirnenwechseln eingesetzt. Und damit fangen dann die Zweifel auch an. Denn was hattest du früher für eine Verantwortung gehabt und du merkst jetzt auf einmal:
Wenn du in Rente bist, dann hast du´s schlecht. Du bist plötzlich so aus der gewohnten täglichen Routine und Ordnung, dass du den roten Lebensfaden nicht mehr siehst und dich mit viel Mühe daran gewöhnen musst. Weil du in nichts mehr eingebunden bist, hast du auch nichts mehr zu bestimmen und es entwickelt sich sehr schnell das Gefühl, dass du auch keinerlei Wert mehr hast, dass dich keiner mehr anschaut, dass dich keiner mehr beachtet. Hast du sonst am Morgen schon durchgeschnauft, weil dich ein schwerer Tag erwartet hat, so schnaufst du jetzt am Morgen, weil du nichts zu tun hast. Dann bist du aber heilfroh, wenn mal wieder eine Anfrage kommt, ob du nicht dies oder das machen könntest. Sofort sagst du zu und denkst: „Endlich mal wieder was zu tun“. Dann kommt die nächste Anfrage und du sagst wieder zu, und so weiter und so weiter. Es fühlt sich gut an, wenn der Wecker am Morgen klingelt und dir sagt: „Aufstehen, heute ist ein guter Tag, du wirst mal wieder gebraucht“. Es ist auch ein gutes Gefühl, neben der Rente noch ein bisschen dazu zu verdienen. Das muss dich doch jetzt zufrieden stellen.
Und so nach und nach füllt sich der Kalender wieder, du musst sogar Termine absagen und du fühlst dich gut ausgelastet. Zunehmend hast du das Gefühl, jeder will etwas von dir. Du merkst, irgendwie ist es jetzt alles schon wieder „Zuviel“, du kommst für dich zu gar nichts mehr und du denkst: „Wie schön wäre es, mal Zeit zu haben, um die Glühbirnen zu wechseln oder Zeit, um einfach mal gar nichts zu machen“. Hallo, wie bin ich denn jetzt drauf? Eben noch war mir die Zeit zu viel und jetzt ist mir die Zeit viel zu wenig? Habe ich einen an der Waffel und sollte mich behandeln lassen? Ich sehe schon, mein Leben geht genauso weiter wie vorher. Das Leben schwingt hin und her und man ist, egal wie der Zustand gerade ist, immer ein bisschen unzufrieden. Man versucht dann den Zustand zu ändern bis das Leben wieder in die ganz andere Richtung geht. Ist das die Freiheit der Rentner, sich dauernd hin und her drehen zu können? Das ging früher nicht so einfach, als man noch seinen festen Trott hatte.
Und wie ist es jetzt gerade? Ach ja, ich glaube mir wird alles schon wieder viel zu viel. Aber ich kenne ja jetzt das Rezept: einfach wieder in die andere Richtung treiben lassen. Gar nicht so einfach, das verdammte Rentnerleben. Wie in der Physik die Sinusschwingung geht es hin und her, auf und ab, hoch und runter, ruhig und anstrengend, mal so und mal so.
Ist das nicht herrlich?????
fao210305