Märchentrilogie Teil 3

FÜR GROSSE UND KLEINE KINDER

Schleudi mit dem Schleuderbein

Unser kleiner Frosch hatte zwei große Kugelaugen, einen großen Mund und eine grüngelbe Körperfarbe. Als er auf die Welt kam, waren seine Hände zwar ganz normal gewachsen, aber seine Beine waren unterschiedlich lang, ja man kann sogar sagen, das linke Bein war ganz kurz und das rechte Bein war sehr sehr lang. Schnell hat man ihn deshalb nur “Schleudi“ genannt, denn immer, wenn sich Schleudi vom Seerosenblatt wegbewegen wollte, schleuderte das rechte Bein dermaßen stark, dass er durch den Schwung ins Wasser plumpste. Und wenn er im Wasser von einem Ufer zum anderen schwimmen wollte, führte die Bewegung des rechten Beines dazu, dass er nicht gerade, sondern immer nur im Kreis schwamm. Die anderen Froschkinder lachten über ihn, denn er konnte keinen einzigen Wettkampf gewinnen. Und immer, wenn er mal wieder das andere Ufer erreichen wollte und stattdessen mühsam einen Kreis schwamm – und ehrlich gesagt, er hatte sogar Mühe über Wasser zu bleiben – da sangen die Kinder:

„Dies Fröschlein grün und klein, bewegt sich nur mit einem Bein.

Schwimm schnell und schwimm munter, sonst gehst du auch noch unter“.

Und dabei klopften sie sich am Ufer vor Lachen auf ihre Schenkelchen, während sie schon in der Sonne lagen und sich trockneten. Keiner machte sich die Mühe ihm zu helfen oder ihn aufzumuntern. Als Schleudi endlich auch auf der Sandbank angekommen war und seine Kameraden immer noch lachten, wurde er sehr traurig und hüpfte mit hängendem Kopf nach Hause.

„Was ist denn los mein kleiner Schleudi, haben sie dich wieder geärgert?“, fragte seine Großmutter.

Dabei drückte sie ihn ganz heftig an sich und trocknete mit einem Moostupfer seine Tränen und den ganzen Körper. Den Spitznamen „Schleudi“ hatte sie ihm selbst nach der Geburt gegeben, denn sie fand sein großes „Schleuderbein“ wunderschön und sie hatte sich gleich in ihn verliebt.

Schleudi wuchs mit seiner Familie in einem kleinen See auf. Das Wasser war klar, es gab viele Seerosen und andere Wasserpflanzen und am Grund waren so viele Steine und Moosgeflechte, dass es eine Freude war, ausgelassen zu spielen. Der See war umgeben von einer Mauer und das frische Wasser wurde über ein Rohr vom nahen Bach in den See geleitet. Eine kleine eiserne Tür verschloss den See nach außen. Diese Türe wurde nur geöffnet, wenn der See alle Jahre mal gereinigt wurde.

Jetzt waren Sommerferien, die Schule für die kleinen Frösche war geschlossen, die Sonne schien von morgens bis abends und es war eine Freude sich bei dieser Wärme im Wasser zu tummeln. War das Wasser am Anfang noch klar und frisch, so wurde es durch die Sonneneinstrahlung jetzt jeden Tag etwas wärmer. Eines Tages meldete auch der Froschwasserwächter, der den Wasserzulauf beobachten musste, dass immer weniger Wasser hereinfließen würde. Und so geschah es eines Tages, dass kein einziger Tropfen mehr in den See hineinfiel. Dadurch sank der Wasserspiegel so schnell, dass es keinem einzigen Frosch mehr gelang über die Mauer zu springen, um in den nahen Bach zu gelangen oder um Hilfe zu holen. Der Froschwasserwächter hatte mir seiner Schilfrohrdrommel Alarm ausgelöst und nun versammelten sich alle Froschfamilien ratlos auf dem schon trockenen Ufer. Alle waren nun gefangen; und sollte die Trockenheit so weiter gehen, würden alle Froschfamilien, die anderen Wassertiere und die Pflanzen in große Not kommen.

Schleudi war inzwischen zu einem kräftigen jungen Frosch gereift. Er hatte gelernt mit seinem Schleuderbein umzugehen. Das Bein war so gut entwickelt und hatte so viele Muskeln angesetzt, dass er jetzt, wie ein durchtrainierter Sportler, mühelos alle anderen Frösche im Schwimmen besiegte und er hatte auch keine Mühe mehr, von einem Blatt zum anderen zu springen, so dass es eine Freude war ihm zuzusehen.

So sagte während der Versammlung die Großmutter zu ihm:

„Schleudi, du bist der Einzige, der noch über die Mauer springen kann. Du musst den Riegel an der kleinen Türe von außen öffnen, damit wir hier entkommen können. Du weißt, ohne Wasser müssen wir Frösche alle sterben“.

Also schichteten sie mehrere abgestorbene Seerosenblätter übereinander. Furchtlos stellte sich Schleudi darauf, atmete mehrmals tief ein und aus, blickte konzentriert nach oben zum Mauerrand, der schon sehr weit entfernt war. Dann begann er leicht zu zittern, sammelte alle seine verfügbare Energie in sein Schnalzbein, schoss plötzlich wie ein Pfeil davon, blieb noch an einer fast vertrockneten Wasserlilie hängen, hatte aber genug Energie, um gerade noch mit seinen Händen den Mauerrand zu erreichen. Dort blieb er einen Moment hängen, schwang sich dann mit einem kräftigen Ruck nach oben und verschwand mit einem Satz jenseits der Mauer. Erleichtert atmeten die Großmutter und alle Froschfamilien auf. Nach kurzer Zeit hörte man von außen ein Hämmern an der eisernen Tür. Mit wuchtigen Schlägen seines Schleuderbeines hieb Schleudi auf den rostigen Riegel ein und einige Augenblicke später öffnete sich, zur Erleichterung aller, quietschend die kleine Türe, zwar nur einen Spalt, aber breit genug, dass alle Wasserbewohner den jetzt nur noch winzigen warmen See verlassen konnten und den rettenden Bach erreichten.

Dort wurde bald ein großes Fest gefeiert bei dem vor allem Schleudi im Mittelpunkt stand. Selbst als er schon alt war, wurde den Kindern die Geschichte von Schleudi und der Rettung der Froschfamilien erzählt.

Egal wie du geboren bist auf Erden

Aus dir kann was ganz Großes werden

Denn auch ein Frosch mit Schleuderbein

Kann der Welten Retter sein

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