Märchentrilogie Teil 2

FÜR JOHANNA UND EMMA UND JONAS

„Sonnibella“ – Sonnenschein

Sie liebte es den ganzen Tag durch die Luft zu tanzen. Sie liebte es, wenn der Wind ihre zarten Flügel ergriff und sie hoch in die Luft hob. Sie liebte es in der Sonne zu spielen und die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Körper zu spüren. Sonnibella, das heißt „schöne Sonne“, war in diesen Sommer als kleine, fasst durchsichtige Libelle geschlüpft und von da an ein Sonnenkind. Sie strahlte immer und freute sich so sehr an dem Sonnenschein, dass sogar die Sonne, obwohl sie hoch am Himmel stand, das Lachen und Juchzen und die Freude des kleinen Libellenmädchens hören konnte. Die Sonne hatte sich so an das unbeschwerte Lachen gewöhnt, dass es ihr selbst eine große Freude war, sich jeden Morgen zu erheben und bis hinauf in den Himmel zu steigen. Richtig verliebt war die Sonne in das zierliche Mädchen und dieses war voller Erwartung und Sehnsucht nach der Sonne, wenn diese sich am Abend hinter dem Horizont schlafen gelegt hatte.

Eines Tages wurde die kleine Libelle krank. Sie wurde so krank, dass sie nicht mehr aufstehen und erst recht nicht mehr fliegen konnte. Die Eltern brachten ihr Honigtau zu trinken, machten ihr Beinwickel und Umschläge mit Tee, aber es half nichts. Jedes Mal, wenn sie versuchte aufzustehen, ließ sie vor lauter Schwäche die kleinen Flügelchen hängen und legte sich kraftlos und traurig wieder in ihr kleines Schilfbett.

Am nächsten Tag stieg die Sonne noch hoch in den Himmel, um nach ihrer kleinen Freundin zu sehen. Und als sie diese nicht erblicken konnte, stieg sie auch schnell wieder hinab und bedeckte sich traurig mit einigen dicken Wolken. Auch am folgenden Tag stieg sie wieder hinauf, schaute sich um, wurde ganz traurig und sammelte weitere dunkle Wolken um sich herum. Am dritten Tag, so schien es, war die Sonne selbst krank geworden. Sie verspürte nicht die geringste Lust aufzustehen und ihrer täglichen Arbeit, nämlich der ganzen Erde Licht zu geben und Wärme zu spenden, nachzugehen. Die Wolken hatten das sehr wohl gemerkt, und immer mehr davon versammelten sich frech und in einem wilden Haufen vor der Sonne. Die ganze Welt war jetzt dunkler und düster geworden. Die Sonne war wie im Liebeskummer und konnte nicht arbeiten, weil sie die Libelle nicht erblicken konnte. Kein einziger Sonnenstrahl drang mehr durch die Wolken. Die Libelle konnte sich nun gar nicht mehr erholen, weil ihr die Sonnenstrahlen auf ihrem Körper fehlten. So sehr Sonnibella auch von ihrem Bettchen in den Himmel schaute, das Licht der Sonne wurde jeden Tag weniger und nicht nur sie, sondern alle Schilfbewohner mussten leiden.

In ihrer Not rief die Sonne ihren Freund Blasius, den Wind an. Der Wind war ein kräftiger Bursche, der mal hier und mal da zu Hause war. Als aber die Sonne um Hilfe rief, war er sofort zur Stelle.

„Bitte, mein lieber Freund Blasius, hilf mir die Wolken wieder zu vertreiben, auf dass ich wieder auf der Erde scheinen kann. Ich muss meine kleine Freundin Sonnibella finden und wiedersehen, denn sonst habe ich keine Freude mehr!“

Der Wind sah, dass die Erde nicht genügend Licht hatte und dass die Sonne ganz traurig war und er sah auch die kranke Libelle im Schilfbett, als er mit einem Windhauch durch das Schilf strich. Dann machte er seine Backen ganz dick, atmete tief ein und füllte seinen ganzen Körper mit Luft, so dass er wie ein dicker runder Elefant aussah. Dann blies er mit einem gewaltigen Strahl die gesamte Luft mitten in die Wolken, wodurch diese sofort erschrocken durcheinanderwirbelten. Weil sie sich aber nicht schnell genug verziehen wollten, schickte er noch zwei bis drei Donnerschläge in den Himmel, so dass sie vor lauter Aufregung auch noch ihren Regen in dicken Tropfen fallen ließen.

Aber das hatte genügt. Die Wolken verzogen sich und schon sah man die Sonne wieder in den Himmel steigen. Je höher sie stieg, umso heller und wärmer wurde es und umso schneller verzogen sich die restlichen Wolken in ganz entfernte Länder, so dass der gesamte Himmel wieder in einer hellblauen Farbe erstrahlte.

Sonnibella lag noch zugedeckt in ihrem Bett unter ihrer Daunendecke, denn ohne die Sonne war es ihr ganz kalt geworden. Es war schon spät am Morgen, als plötzlich der erste warme Sonnenstrahl wieder auf ihr Gesicht fiel. Für die Sonne war es einfach gewesen, diesen Ort im Schilf zu finden, denn der Wind hatte ihr den Weg gezeigt. Schnell schickte sie nun eine ganze Menge an hellen und wärmenden Strahlen in das Schilf, bis der Tag so warm war, wie sonst auch im Sommer.

„Mamma, ich habe Durst, ich will Honigtau trinken“, rief Sonnibella. Und da wussten alle, dass das kleine Libellenmädchen schon fast wieder gesund war. Die Sonne und ihre Freundin verbrachten noch den ganzen Sommer miteinander und hatten jeden Tag viel Spaß und Freude. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

So wird es wohl sein: Jedes Mal, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, hat sie sich wahrscheinlich wieder in ein kleines Libellenmädchen verliebt.

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