Locke down – Pandemie aus der Sicht eines Haares
Schon länger ziere ich mit vielen meiner Kollegen das Haupt meines Trägers; eigentlich seit Geburt. Ich bin groß geworden vorne am Kopf nach dem Stirnhaaransatz, fast mittig der Stirne und bilde im Verbund mit anderen die vordere Locke des Haupthaares, die sich sanft von rechts nach links über die Stirn zieht, bis sie an der Schläfe in einer Spitze ausläuft. Mein Herr, der mich durch die Welt trägt, mir viele Dinge zeigt und mich auf jede seiner Unternehmungen mitnimmt, ist scheinbar etwas aus dem Tritt gekommen. Meine angeborene Aufgabe, mit meinen haarigen Kollegen eine Locke zu bilden, hat mich immer ausgefüllt und ich konnte diese Aufgabe immer so zur Zufriedenheit meines Trägers erfüllen, dass ich auch auf einem weiblichen Haupt eine Augenweide gewesen wäre. Zur Belohnung wurde ich in regelmäßigen Abständen in ein Frisieretablissement getragen. Ich wurde dort gewaschen, massiert, durch einen Schnitt wieder in Form gebracht und auf ein normales Maß zurückgestutzt, so dass ich mich in meiner Eleganz kaum von den anderen Haaren unterschied.
Was war denn jetzt nur passiert? Jedes Mal, wenn mich mein Herr am Morgen im Spiegel erblickt, treten ihm Tränen in die Augen. Sofort versucht er mit wilden Bewegungen, mich und die gesamte Haararmee zu bändigen, versucht uns in eine gewohnte Formatur zu legen und versucht den Anschein zu erwecken, alles wäre so wie früher. Wenn ich mich jedoch umblicke, kann ich seine Trauer verstehen, denn meine Kollegen haben sich entschlossen, wie wild durcheinander zu wachsen und die antrainierte Scheitel-Locken-Stammformation zu verlassen. Teils kann ich das verstehen, denn viele Haare links und rechts von mir sind sehr dünn und schmächtig und können, da sie ungezügelt weitergewachsen sind, ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen. So sind sie gezwungenermaßen den Naturgesetzen unterworfen, können den formgebenden Schwung der Locke nicht mehr halten und hängen, von der Situation frustriert, traurig und leicht hin und herschwingend, nach unten. Da nützt es auch nichts, wenn der Träger immer wieder unwirsch versucht, mit einer schnellen Handbewegung diese Hängelocke beiseite zu schieben. Immer wieder findet sie den Weg zurück nach unten und erzeugt so ein permanentes Gefühl des Versagens und der Trauer. Oft wird versucht, sie mit verschiedenen Mittel zu verstärken, sie wird gewachst, besprüht und mit Schaumfestiger behandelt. Doch hat das Haar, wie gerade jetzt, seine Seele verloren, so werden alle Bemühungen umsonst sein. Die einzige Möglichkeit bestünde darin, die Locke-Down-Zeit zu beenden und durch den Besuch des Haaretablissements so viel Energie zu tanken, dass sie sich wieder voller Pracht hochheben könnten.
Immer wieder beobachte ich, dass dieses Problem auch bei anderen Menschen sehr stark um sich greift. Wo ich auch hinsehe, scheint die ungestüme Haarwucherung wie eine Pandemie um sich zu greifen. Erfolglos wurde versucht, mit eigenen Mitteln dieser Wildheit Herr zu werden indem, zum Beispiel mein Herr, vor dem Spiegel stehend, in uns hineinschnitt. Dies hinterließ am Kopf eine muldenförmige Delle im Haupthaar, was bei den Mitmenschen ein mitleidiges und wissendes Kopfnicken erzeugte.
Was muss noch alles passieren? Habe ich nicht ein Recht darauf, sofort irgendwo hinzugehen und mich bändigen zu lassen? Was gehen mich die anderen Menschen an? Hauptsache mir und meinem Träger geht es wieder gut. Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn heute habe ich mitbekommen, dass mein Träger in seiner Not im Etablissement angerufen hat und für die Zeit nach dem Locke-Down einen Restaurierungstermin fixiert hat. Das heißt, ich muss nur noch wenige Tage durchhalten. Noch geht es mir einigermaßen, doch rings um mich herum gibt es viele Kollegen, die jetzt an tödlichem Haarspliss leiden und anfangen sich gegenseitig auf- und abzuspalten. Dies ist der Tod jeder Frisur. Manch andere haben bereits ihr Leben ausgehaucht und sind klammheimlich vom Kopf auf den Boden gefallen, wobei sie eine an der Stirn und an den Schläfen zunehmende Erosion sichtbar machen.
Ich bin froh, dass diese Zeit bald vorbei ist und mein Träger wieder ein gut frisiertes und fröhliches Lebewesen sein wird.
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