Tanz mit der Maus

Tanz mit der Maus

Während ich an den Wochentagen in Münnerstadt im Internat war, fuhr ich an jenem Freitagnachmittag nach Hause, das heißt ich trampte nach Hause. Das Trampen ging mal sehr gut und manchmal auch aber sehr schlecht. Ich hatte mich schon sehr auf meine Tiere Zuhause gefreut, denn in den letzten Monaten hatten sich meine weißen Mäuse, von denen ich mehrere Zuchtfamilien hatte, sehr stark vermehrt. Wir hatten gerade in Biologie die Mendelschen Gesetze durchgemacht und ich stellte schon die ganze Woche Überlegungen an, welche weiteren wissenschaftlichen Erkenntnisse ich in Bezug auf Fortpflanzung und Kreuzung von meiner kleinen Mäuseherde bekommen würde. Heute jedoch hatte ich beim Trampen Pech und musste, da mein erster Fahrer nur bis Bad Kissingen fuhr, den gesamten Ostring bis zur Euerdorfer Straße laufen.

Auf halber Strecke sah ich sie plötzlich sitzen, aber auch nur, weil sie, als sie mich erblickte, eine kleine erschrockene Fluchtbewegung machte. Wir musterten uns einen winzigen Augenblick und schlagartig war in mir ein Plan gereift. Scheinbar hatte sie sich verlaufen, wusste ihren gewohnten Pfad nicht mehr und saß nun wie versteinert neben dem Pfosten eines Vorfahrtsschildes. In dieser Zeit meiner wilden Jugend, hatte ich mich zu einem geschickten Mäuse-Fänger entwickelt. Ich hatte das Fangen oft auf den Äckern trainiert und eine Maus, die sich einmal aus der Höhle gewagt hatte, war ein leichtes Opfer für mich. Ich war sehr flink, fast wie eine Katze und eine Maus mit den bloßen Händen zu fangen machte mir nicht das Geringste aus. Scheinbar sah diese Maus mir das auch an, denn sie war wie erstarrt, als ich meine Tasche fallen ließ und voller Jagdtrieb auf sie zuging. Sie war klein, noch sehr jung und sie wusste instinktiv, dass sie verloren war, sobald sich meine Hand vorsichtig und zielsicher um ihren zitternden Körper geschlossen hatte, so dass nur noch das Köpfchen herausschaute, sie mich nicht mehr beißen und sich auch sonst nicht mehr bewegen konnte. Dieses Tier, ein Männchen, würde ein Prachtexemplar in meinem kleinen Zoo abgeben und verschiedene neue Kreuzungslinien mit neuen Kreuzungspartnerinnen durchdachte ich sofort. Das würde, wenn ich ein Referat darüber halten würde, sicherlich wieder eine gute Note geben. Nur jetzt wohin damit; hatte ich doch bloß eine einfache Reisetasche mit Reißverschluss dabei. Also schnell Reißverschluss auf, Maus rein, Reißverschluss zu; sie würde es zusammen mit der alten Wäsche und einigen Schulheften gut bis zu Hause aushalten.

Der Vertreter für Herrenbekleidung hatte sicher Mitleid mit mir, als er mich am Straßenrand stehen sah. Er hielt sofort an und ließ mich auf dem Beifahrersitz des Kombis Platz nehmen. An einer angebrachten Querstange über dem Rücksitz hingen verschiedene Anzüge und jede Menge andere Bekleidung war im Kofferraum verstaut. Kaum hatten wir das Ortsschild von Bad Kissingen passiert, öffnete ich den Reißverschluss meiner Sporttasche, die ich auf den Knien hielt, nur einen kleinen Spalt, um einen kurzen Blick auf das gesundheitliche Wohlbefinden meiner Zuchtmaus zu werfen. Scheinbar war sie, nach einer anfänglichen Ohnmacht, wieder in guter Verfassung, denn sie nutzte blitzschnell den winzigen Augenblick, um sich mit ihrer gesamten Winzigkeit durch die kleine Öffnung zu zwängen und eine Winzigkeit später war sie im Bereich des Rücksitzes verschwunden. Da meine Fangbewegung ins Leere gelaufen war, fragte mich der Fahrer was das gewesen sei.

„Ach, tut mir leid, nur eine Maus, ganz klein, nur eine Spitzmaus“.

Der Fahrer musste vor diesem Zeitpunkt schon größere Lebensprobleme gehabt haben oder zumindest einen gestörten Kreislauf, denn er war so schnell blass geworden, wie man es sonst nur bei einem akuten Herzleiden sehen kann.  Gleichzeitig stieg er so gewaltig auf die Bremse, dass die Räder sofort blockierten, das Auto abrupt am Straßenrand stehen blieb und einige Kartons vom Kofferraum auf die Rückbank geschleudert wurden. Ich kannte schon Leute, die Angst vor Tieren hatten, aber so eine starke Panik? Es war doch nur eine Maus und die hatte sich ausgerechnet irgendwo zwischen die Anzüge und Hemden auf dem Rücksitz verkrochen.

„Raus, mach sofort, dass du aussteigst und wegkommst du …!“.

Durch seine vielen Kraftausdrücke, die noch folgten, bin ich nicht mehr zu Wort gekommen und habe auch sehr schnell das Weite gesucht. Beim Zurückblicken sah ich ihn noch wie wild um das Auto herumtanzen und seinen Kofferraum ausladen. Ob er fündig geworden war, konnte ich nicht mehr erkennen.

So musste ich den Rest des Weges zu Fuß nach Hause laufen. Als würde ein sichtbarer Fluch auf mir liegen, hat kein einziger Autofahrer mehr angehalten. Auch wenn damals die Angst anderer Menschen vor Mäusen noch nicht so ganz verstand, ich war ja mit Mäusen groß geworden, so sah ich den restlichen Fußweg als eine Art kleine Buße an.

Um die neue Zuchtmaus war es zwar schade, aber ich hatte ja noch jede Menge andere Ersatzmäuse zu Hause.

Ich sah meinen Fahrer nach 14 Tage wieder, fast an derselben Stelle. Er hat diesmal nicht gehalten, sondern einfach nur Gas gegeben.

fa201219

Ein Kommentar zu „Tanz mit der Maus

  1. Albin, diesen Fahrer kann ich sooooo gut verstehen. Wenn mir das an seiner Stelle passiert wäre, ich hätte einen Herzschlag bekommen. Wenn ich eine Maus sehe, bleibt mir vor lauter Angst (oder wie man es nennen mag) das Herz stehen. Als wir eingezogen sind in unser Haus, war eine Maus im Heizungsraum. Diesen habe ich 1 Jahr nicht mehr betreten.
    Weiß auch nicht warum ich diese Tiere nicht leiden kann?????
    Komme doch aus einem Bauernhaus, da waren diese Tiere ständig irgendwo, hab das damals schon kaum ausgehalten😩😩😩

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