Vegane Einladung

Vegane Einladung

Ich habe festgestellt, dass veganes Essen sehr gut schmeckt und im Vergleich zum „normalen“ Essen auch gesund ist. Allerdings kann ich mich noch nicht dauernd damit ernähren und büchse immer noch oft aus in die Welt der hochkalorischen und fetthaltigen Speisen. Und manchmal braucht man das auch. Nur blöd, wenn man gerade zum Essen eingeladen ist in einer WG, in der überwiegend vegan gekocht wird.

Wir haben unsere Tochter besucht, waren mit dem Wohnmobil hingefahren und am Abend sollte es ein veganes Essen mit ihrer gesamten WG geben. Irgendwie konnte sich mein innerer Schweinhund nicht so ganz darauf einlassen, einfach aus Angst zu verhungern, und so beschloss ich, mir zur Beruhigung meines Gemütes, zwei Wiener Notwürstchen, die wir am Nachmittag gekauft hatten, mitzunehmen. Ich hatte mir gedacht, dass ich die einfach zum veganen Essen dazu verschlingen könnte. Auf dem Weg kamen mir jedoch Zweifel, ob es sinnvoll sei, eine vegane Küche mit ordinärem Essen so offensichtlich zu entweihen, und um Diskussionen vorzubeugen, versteckte ich die Würstchen geschickt handflächenseitig im rechten Hemdärmel, so dass nur noch die beiden Zipfel herausschauten. So dachte ich, könnte ich immer mal während des Essens heimlich in die Wurst beißen.

Nach dem Eintreffen bat mich unsere Tochter, doch eine Kiste vom Schrank zu heben, damit wir diese später mit nach Hause nehmen konnten. Leider rutschte beim Ausstrecken der Arme eines dieser Würstchen im Ärmel nach hinten und blieb etwa ich Achselhöhe stecken. Da das Essen nun auch direkt startete, konnte ich dieses Missgeschick, ohne aufzufallen, jetzt nicht beheben. Und so schlummerte das Wienerchen in der warmen Achselhöhle, kitzelte bei jeder Bewegung an den Härchen und ich meinte auch schon, direkt einen leichten Duft nach Wiener Würstchen zu registrieren. Der Geruch wurde jedoch übertönt von einem Dampfgeruch aus Gemüse, Linsenbolognese, Cous-Cous, Tomaten-Quiche und veganen Grünkernburgern, der wie eine Glocke in der Küche hing und meinen „Wiener-Körpergeruch“ an Stärke übertraf.

Jedes Mal, wenn ich mich am Kopf kratzte, konnte ich nun ein Stückchen von der Wurst abbeißen und war versucht zu kichern, da genau in diesem Moment, durch die Armbewegung, der Wurstzipfel in meiner Achselhöhle kitzelte. Danach schob ich heimlich die Wurst etwas im Ärmel nach vorne und war bereit für den nächsten Bissen. Und wieder die Kettenreaktion: Kopfkratzen, Wurst beißen, Achselhöhle kitzeln, Wurst nachschieben. Hätte man mich genau beobachtet, so wären meine eigentümlichen Bewegungen beim Essen sicher aufgefallen und man hätte wegen des häufigen Kopfkratzens sicherlich ein juckendes Ekzem auf der Kopfhaut vermutet oder zumindest einen starken Schuppenbefall. So aber war allgemein eine rege Diskussion über die Vorteile der veganen Ernährung im Gange, so dass mein Verhalten keine Aufmerksamkeit erregte. Auch ich warf in die Runde, dass ich vegane Ernährung zu schätzen gelernt hätte und ich vor allem über die Schmackhaftigkeit der verschiedenen Gerichte sehr überrascht sei. Und veganes Essen würde, entgegen meiner früheren Vorstellung, auch satt machen, denn das sei früher immer meine Angst gewesen. Dies konnte ich nun halbwegs guten Gewissens sagen, da ich zumindest eines der Würstchen inzwischen komplett und heimlich aufgegessen hatte und sich doch schon ein Sättigungsgefühl einstellte. So verging der Abend mit weiteren Diskussionen, ich musste mich nicht mehr kratzen und der Ärmel war leer.

Nur beim Nachtisch auf Sojabasis mit Heidelbeeren musste ich meinen rechten Arm eng an den Körper pressen, da das Würstchen, wahrscheinlich durch die aufkommende Transpiration durch die Verdauungswärme, jetzt doch ins Rutschen kam und weiter nach unten wandern wollte und somit als Abdruck unter dem engen Hemd zu sehen gewesen wäre. Doch alles ging gut und nach einigen Stunden machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Wohnmobil. Das Würstchen in der Achselhöhle war inzwischen wahrscheinlich durchgegart, trotzdem ließ ich es jetzt geschickt und unmerklich neben dem Gehsteig auf den Rasen gleiten. Was für ein leckeres Essen für den ersten Hund, der in wenigen Stunden hier Gassi gehen würde.

Am nächsten Morgen, beim Herrichten des Frühstücks bemerkte meine Frau, dass von den insgesamt vieren Wiener Würstchen, doch zwei fehlen würden.

„Ja, ich hätte am Nachmittag so einen Hunger gehabt“, bemerkte ich.

„Ach, dann ist ja gut“, sagte sie zu meiner Überraschung.

Das wunderte mich jetzt doch sehr, da ich normalerweise mit Vorhaltungen gerechnet hätte, wenn ich vor dem Essen noch fette Würstchen verspeise. Warum es gut war merkte ich auch sofort als mein Blick auf die Verpackung fiel. Was stand da? „Wiener Würstchen“ und in Großbuchstaben, quer über die Verpackung: „VEGAN“.

Ich sagte nichts mehr, weil mir quasi die Würstchen die Sprache verschlagen hatten, aber ich war doch sofort froh, ein komplettes veganes Essen zu mir genommen zu haben, ohne rückfällig geworden zu sein. Ein gutes und gesundes Essen war das gewesen, eben vegane Ernährung.

Ja, diese Stärke hat nicht jeder.

fa201123

2 Kommentare zu „Vegane Einladung

  1. Wieder schön geschrieben Albin. Mein Sohn Matthias und meine Schwiegertochter Anne sind seid Jahren Veganer. Sie kommen nicht so oft, leben in Hamburg. Aber wenn sie dann mal kommen, wird bei mir nur vegan gekocht, das macht dann Matthias. Albin, muss sagen, es schmeckt mir immer sehr gut, werde selbst jedoch wahrscheinlich nie „Veganerin“. Brauche öfter ein Stück Fleisch.
    Freu mich schon auf Deine nächste Geschichte😄😄😄

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