Der arme Poet und die Finanzwelt
Ich bin zwar kein Poet, auch kein armer Poet, und wahrscheinlich auch nicht annähernd ein Schriftsteller. Trotzdem habe in diesem Jahr schon fünfzig Kurzgeschichten geschrieben. Meiner Frau gefallen diese Geschichten und einigen anderen Lesern auch. Anderen Menschen mit einer Art Kunst zu gefallen ist auch schon etwas Wertvolles, also fragte ich meine Frau, wie ich diese Kunst wohl in bare Münze umsetzen könne. Viele Schriftsteller und Künstler werden normalerweise erst posthum sehr bekannt, das wäre mir persönlich fast ein wenig zu spät. Da ich ja jetzt auch schon im fortgeschrittenen Alter bin und es in meinem Leben wahrscheinlich nicht mehr schaffen werde, in den Bund der großen deutschen Schriftsteller aufgenommen zu werden, kam mir jetzt die Idee, den sicher von meiner Frau posthum veröffentlichten Kurzgeschichtenband jetzt schon in geldliche Auszahlungen umzusetzen, auch wenn es hoffentlich noch einige Jahre dauert, bis das „posthum“ beginnt.
Also sprach ich zu meiner Frau: „Schau mal, wenn du nach meinem Ableben den Band mit den Geschichten veröffentlichst und ihn, sagen wir mal 100.000-mal verkaufst, was ja durchaus möglich ist, dann könnte ich ja jetzt schon, wenn ich nur 10 Cent pro Buch als Vorschuss bekomme, direkt 10.000 Euro von dir ausgezahlt bekommen. Und ich hätte auch schon einige gute Ideen, was ich mit dem Geld anfangen könnte“. Meine Frau hat diese Rechnung kurz überschlagen, kam auf dasselbe Ergebnis und war sofort damit einverstanden. Sie war sogar richtig begeistert von dieser Idee und meiner Initiative, also dass ich es schaffe, quasi aus dem Nichts, so einen Haufen Geld zu verdienen, obwohl man nie weiß, wie die Zukunft mal ablaufen wird. In ihrer stürmischen Zustimmung erhöhte sie sogar die Buch-Tantiemen auf 15 Cent pro Buch, so dass sie mir einen Betrag von 15.000 Euro in Aussicht stellte. Man muss wissen, dass meine Frau in unserem ehelichen Arbeitsverhältnis die Buchführung innehat. Ich fand es einfach großartig von mir, dass ich in kurzer Zeit so einen Reibach gemacht hatte und ich fand es natürlich auch klasse, dass meine Frau mich für meinen finanziellen Gewinn so lobte. „Ich finde das sehr gut“, sagte sie, „dass du so fleißig bist und das Geld für die Familie mit nach Hause bringst“. Und ich wüsste ja, wir müssten die Wohnung komplett renovieren, und das wäre genau der Betrag, den sie so kalkulatorisch veranschlagt hätte. Und es wäre ja doof, wenn sie das Geld jetzt von der Bank holen müsste, vor allem da es erst, und das auch nur möglicherweise, in der Zukunft auf das Konto einginge. Also könnten wir doch alles lassen wie es ist, das wäre das einfachste und mit dem geringsten Aufwand verbunden.
Ich finde es wunderbar, wenn Frauen sich in ihren Berufen, Familien und Bestimmungen durchsetzen, vor allem wenn das bei mir so ein angenehmes und belohnendes Gefühl des Gebrauchtwerdens hinterlässt. Ich als Brötchenverdiener der Familie habe in der Zukunft sehr viel Geld verdient und kann das jetzt schon zu Lebzeiten zum Wohle meiner Familie einsetzen, obwohl ich das Geld nie in der Hand hatte und es ja noch nicht mal auf dem Konto ist. Ja, das ist halt genauso wie in der großen Finanzwelt: Mit Geld handeln, obwohl man gar keines hat, das machen die Meisten genauso. Gewusst wie. Und meine Frau weiß wie.
fa201120