Die Mitfahrgelegenheit, Teil 1

Die Mitfahrgelegenheit, Teil 1

Da stand Sie. Da stand Sie und lächelte mich an und sagte „Hallo“. Da stand Sie und lächelte und sah aus, wie wenn Sie einem Katalog entsprungen wäre, den ich selbst mit den schönsten Frauen der Welt zusammengestellt hatte. Lange Beine und blondes Haar. Nicht dass ich immer nur auf blondes Haar stehe, aber Sie war nun mal blond. Warum Sie die Frau von der 1. Seite sein musste, kann ich gar nicht sagen. Wahrscheinlich ist es genetisch fixiert, welche Frau man außerordentlich gut findet und wer einen so richtig umhaut und flasht. Das mit dem Umhauen ist fast wörtlich zu nehmen, denn in meinem Kopf und meinem Körper setzte sofort ein Gekräusel ein, unbeschreibbar, so ähnlich wie wenn der Kreislauf mal wieder eine wilde Achterbahn fährt. Ich hatte Mühe mich zu konzentrieren und wusste gleichzeitig, jetzt passiert gerade etwas Wichtiges und Entscheidendes für mein Leben. Ich musste mich zusammenreißen und krächzte sicherlich auch so etwas wie „Hallo“.

Was war passiert?

Ich hatte gerade kein Auto und nutzte die Mitfahrgelegenheit, um wieder an meinen Studienort nach Berlin zu kommen. Ich hatte in Würzburg bei der Mitfahrzentrale angerufen und eine Telefonnummer erhalten, diese Nummer angerufen und diesen Treffpunkt zum Einsteigen erhalten. Ich hatte also schon mit Ihr telefoniert und wahrscheinlich hatte mich auch die Stimme schon so elektrisiert, dass ich sofort in eine Art Ekstase verfiel, als ich auf einmal vor Ihr stand. Ungünstigerweise hatte ich an diesem Tag starke Rückenschmerzen, aber hatte dafür meine besten Klamotten an: Sandalen, eine selbstgebatikte Hose und ein ebensolches T-Shirt an. Eine runde Brille vervollständigte den Aspekt eines revolutionären Freigeistes, der aber gerade seinen Verstand zu verlieren begann. Ein weiterer Mitfahrer hatte sich eingefunden und so ging die Fahrt los. Der weitere Mitfahrer fungierte als Beifahrer und ich hatte auf dem Rücksitz Platz genommen. Hier konnte ich mich auch mal strecken und hinlegen, um meinen Rücken zu entspannen. Und los ging die Fahrt. Die Entspannung für meinen Rücken blieb erst einmal aus, denn gerade hinten im Auto war ich den Schlägen der Straße, die wegen der kaputten Stoßdämpfer nicht abgefangen wurden, gnadenlos ausgesetzt. Aber ich hatte ja den Blick nach vorne und konnte, durchaus in Ruhe, meine Fahrerin im Profil betrachten. Was für feingeschwungene Gesichtszüge, links und rechts eingerahmt mit goldenem Engelshaar, zeigten sich mir.

Auch damals wollte Sie schon alles besser wissen, auch den Weg nach Berlin, obwohl Sie noch nie selbst mit dem Auto dorthin gefahren war, ich jedoch schon gefühlte hundert Mal. Es war ihre erste Fahrt mit ihrem ersten Auto, und diese Fahrt sollte nach Berlin führen. Nachdem wir uns auf meinen Weg geeinigt hatten, entspann sich doch ein zunehmend feines und tiefes Gespräch über das Leben, über die Art zu leben und über die Art des Zusammenlebens. Der arme Beifahrer versuchte immer wieder in das Gespräch einzugreifen, merkte jedoch sehr schnell, dass sich zwischen Fahrerinnensitz und Rückbank ein feines Netz des gegenseitigen Verstehens zu bilden begann, welches mit jedem Kilometer stärker wurde. An der Grenze in Hof angekommen, wurde eine kleine Rast eingelegt und ich wurde von meiner Fahrerin zu einem Getränk eingeladen. Zum ersten Mal waren wir beide allein in einer Raststätte, ich konnte Sie wieder betrachten und mit ihr reden. Was für ein Genuss. Offensichtlich hatte der Beifahrer schon etwas bemerkt, denn er bot sich an, die weitere Strecke zu fahren, und so konnte Sie auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Die weitere Fahrt gestaltete sich so: Der Fahrer fuhr zwar, hatte aber seinen Kopf meist zur Beifahrerseite gedreht, wobei er anhimmelnde Blicke nicht auf die Straße, sondern zur Beifahrerin warf, was manchmal etwas gefährlich war. Die Beifahrerin hatte ihre Sitzposition so gewählt, dass sie bequem zu mir nach hinten reden konnte und ich hatte überhaupt keine Rückenschmerzen mehr und konzentrierte mich auf die Beifahrerin. Oh, wie schnell ging die Zeit vorbei, war aber ausreichend bemessen, um ein fast klares Bild jeweils von der Gegenseite zu bekommen: Wie ticke ich, was habe ich für berufliche Pläne, was will ich erreichen, welche Familienplanung würde anstehen, sollte sich ein/e Partner/in finden. Wir waren beide gerade am Endpunkt einer Trennungsphase, hatten also auch durchaus ähnliche Startbedingungen. Auch wenn wir ganz allgemein redeten, hatte ich doch das Gefühl als wenn wir schon über unser zukünftiges, gemeinsames Leben reden würden; als würden wir die Weichen dafür stellen. Meinem Gefühl nach wurde in den drei Stunden Fahrt durch die Ostzone die Richtung für uns schon gestellt, erhielt aber einen kleinen Dämpfer, da der Fahrer, als Belohnung für seine Fahrt, und da er sich wahrscheinlich für unwiderstehlich hielt, beim Abschied noch intensiv geküsst werden wollte. Zudem war diese Fahrt, als ich meine Fahrerin bezahlte, die teuerste Fahrt, die ich jemals nach Berlin unternommen hatte. Ich selbst hatte für diese Strecke immer nur 7 oder 8 Mark verlangt. Gut, ich hatte auch nur eine Ente, aber die 30 Mark jetzt waren doch sehr viel.

Aber wie sich herausstellen sollte, war dieses Geld für mein Leben und das gemeinsame Leben für mich und meine zukünftige Frau sehr wenig, bzw. sehr gut angelegt.

Und wie ging es weiter????

fa201013

2 Kommentare zu „Die Mitfahrgelegenheit, Teil 1

  1. freu mich, die Geschichte eures Kennenlernens zu lesen.Es war wohl Liebe auf den 1.Blick.Hab beide Teile gelesen.Gibt es Fortsetzungen?

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