Die Mitfahrgelegenheit ins Leben, Teil 2
Ich verabschiedete mich schnell von S., denn ich hatte das Gefühl meinen Kopf komplett neu sortieren zu müssen. Allerdings hatte ich sämtliche Kontaktadressen und Telefonnummern meiner Fahrerin bekommen, denn wir wollten zusammen die Berliner Kultur genießen. Da kannte ich mich wirklich aus, denn ich war schon seit Jahren in Berlin und kannte die Hotspots des kulturellen Lebens schon ein bisschen.
Untrennbar mit unserem Zusammentreffen ist der Blueskönig B.B.King verbunden, der am nächsten Abend in Berlin auftrat. Den wollte ich unbedingt sehen und dann am nächsten Tag in das Musical „Evita“ gehen. An diesen beiden Tagen haben wir uns noch verpasst und dem gefühlten harten Trennungsschmerz konnte ich nur mit harter Arbeit für meine Doktorarbeit begegnen. Aber dann war es soweit. Wir hatten uns zum Frühstück in meiner Wohnung verabredet. Ich hatte alles aufgeboten was mein karger Studentenkühlschrank zu bieten hatte, aber das Essen war wirklich egal. Es zählte nur das Dasein, das Licht war heller als sonst, das Zimmer war warm, überall schwebten weiche Wolken und der Leitfaden bestand darin, sich immer näher zu kommen, an nichts mehr Anderes zu denken. Es sonst nichts mehr auf der Welt was annähernd diese Wichtigkeit erreichte. Um Luft zu schnappen, gingen wir am Nachmittag auf einen Flohmarkt und verabredeten uns erneut für den nächsten Tag. Klar schien an diesem Tag die Sonne, es war warm und wir beschlossen, als sie am Abend zu mir kam, in den nahen Park zu gehen. Dort befindet sich auch ein Teich, durchaus morastig und mit einigen Pflanzen und für Enten sehr geeignet. Für uns aber bot sich die Möglichkeit, textilfrei eine kleine Abkühlung zu finden. Das war auch gut, denn nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen brannte die Luft und hinterließ einen versengten Geruch in dem kleinen Park. Man sagt, dass der erste innige Kuss das ganze Leben entscheiden kann, und so war es auch an diesem Tag. Ich bin jetzt nicht der großartige Schwimmer, aber jetzt schwamm ich wie wild und voll konzentriert mit kräftigen Zügen quer durch den kleinen Teich, froh über die willkommene Abkühlung. Bei einem kleinen Teich kreuzen sich irgendwann die Wege der Schwimmer und da nur der Kopf aus dem Wasser schaute, war ein Zusammenstoß in Lippenhöhe unvermeidlich. Und so küssten wir uns, mehr aus Zufall und doch mit einer zunehmend gierigen verschmelzenden Kraft inmitten von Morast und Seerosenblättern. Nun weiß ich eigentlich nicht mehr viel; führte dies schon zu unserer ersten Liebesnacht, oder war es der Tag danach. Mein Zimmer war klein und hatte einen Schreibtisch, eine Couch und darüber ein Hochbett, selbstgebaut mit einem andauernden, selbstgefälligen Knarzen. Der Weg über die Leiter nach oben war zu weit, so dass wir die Nacht auf dem Boden verbrachten. Was für ein Leben, dachte ich und war gezwungen genau darüber nachzudenken.
Wie sollte es weitergehen, jetzt da ich eingetaucht war in ein Meer von Empfindungen und mit einem Bauchgefühl, das vermuten ließ, dass Horden von Schmetterlingen mit den Flügeln gegen die Bauchwand schlugen. Ja, mein Weg war klar, ich wollte dies genauso, ich hatte darauf gewartet und ich war frei dafür und alt genug sowieso. Wir hatten noch einen weiteren Tag zusammen und sind dann am Abend zum Essen gegangen. Für mich lag das weitere Leben klar vor mir und so viel es mir nicht so schwer, mit Hilfe einer Pizza einzugestehen, dass es mich erwischt hatte und ich verliebt war. Es ging ungefähr so: „Ich glaube ich liebe dich, aber vielleicht ist es auch die Pizza“. Jetzt weiß ich nicht mehr welche Pizza ich gegessen hatte, aber mein Plan ist im Endeffekt aufgegangen, denn ich hatte ihr hier schon – wenn auch nur im Kopf – einen Heiratsantrag gemacht. Zunächst war noch eine Durststrecke zu überstehen, da S. wegen ihrer Semesterarbeit für 6 Wochen nach Venezuela gehen wollte. Diese Zeit der Trennung war mehr als hart, ich hatte das Gefühl emotional nicht zu überleben und es brauchte die massive Zuwendung meiner Lerngruppen, die meine emotionalen Capriolen hautnah mitbekamen. Aber Zeit geht vorbei und da sich nach ihrer Rückkehr an den beiderseitigen Gefühlen nichts geändert hatte, war es klar, dass wir zusammenbleiben wollten. Es war nur ungünstig, um direkt Nägel mit Köpfen zu machen, dass ich gerade eine Stelle als Arzt im Praktikum in einem Berliner Krankenhaus angefangen hatte. Um diese Stelle zu bekommen, hatte ich mehr als 50 Bewerbungen schreiben müssen. Ich glaube mein damaliger Chef hat es verstanden als ich sagte: „Ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt und ich muss hier wieder aufhören und wegziehen“. Ich bin dann zurück nach Unterfranken gezogen, wir waren räumlich näher beieinander und sahen uns sehr oft.
Nach einem Jahr haben wir uns verlobt und genau zwei Jahre nach unserem Kennenlernen habe ich Silvia und Sie mich geheiratet.
Ich finde diese Geschichte auch heute noch ganz besonders aufregend und bemerkenswert und freue mich immer, wenn ich an das sanfte Schlagen der Schmetterlingsflügel denke.
fa201015
wunderschön💗💗
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Na wenn das kein Liebeserklärung ist 😍
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Alles wurde gut.
Wie heißt eure Enkelin?
Gruß Erich
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Hallo Erich, sie heißt Edna Sol
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