Mit dem wollte ich nie mehr sprechen
Feindbilder hat jeder Mensch und das ist gut so. Auf seine Feindbilder kann man alles projizieren, was man an charakterlichen Schwächen an anderen Menschen erkennt und man kann sich dadurch viel besser fühlen. Deshalb hält sich jeder seine Feindbilder und manche bleiben es ein Leben lang. Feindbilder sind in der Regel andere Menschen, nicht unbedingt Politiker oder andere bekannte Persönlichkeiten. Nein, deine Feindbilder sind viel näher, es kann der Nachbar, kann jemand aus dem Verein oder sonst jemand im Dorf sein. Manche Menschen wissen gar nicht, dass sie deine Feindbilder sind. Auch ich habe solche Feinde. Sie befinden sich in meinem Kopf, leben aber in der Realität. Schon oft habe ich mit ihnen auf dem Schlachtfeld gekämpft und natürlich, weil es ja mein Schlachtfeld ist, auch gewonnen. Ach, wie herrlich, wenn man immer gewinnen kann. Mir ist aber bewusst, dass ich diese Funktion auch für Andere habe. Bei mindestens Zweien weiß ich es ganz genau; mit ihnen teile ich eine gegenseitige heftige Abneigung, will heißen, wir kennen uns. Auch wenn die Welt groß ist, so kreuzen sich manchmal die Bahnen der Krieger wieder miteinander. Mit dem einen hatte ich früher mal einen Faustkampf, kurz und heftig. Das Resultat waren heftige Kopfschmerzen bei mir und bei ihm irgendwo im Gesicht mindestens ein Faustabdruck. Danach ging man sich in weitem Bogen aus dem Weg und verschob den weiter bestehenden inneren Konflikt in die Feindbildschublade.
Nun wurde mir mal ein Projekt von einem Freund angeboten, bei dem ich hätte mitarbeiten sollen, und er wüsste noch einen super Typen, der genau dazu passen würde. Zur Erstbesprechung sollten wir uns am Nachmittag in seiner Praxis treffen. Ja und da saß er nun, etwas älter geworden, aber er entsprach noch immer dem inneren Bild, das bei mir sofort sämtliche Kampfhormone aktivierte. Zum Glück war ich inzwischen schon weit sozialisiert und so blieb der Computer auf dem Tisch und wurde nicht zum Wurfgeschoss und meine Fäuste, die sich schon wieder geballt hatten, konnte ich durch tiefes Bauchatmen – wie in einer Yogaübung – wieder entspannen. Schnell hatte ich, nach einigen sprachlosen Sekunden, eine Ausrede gefunden und verließ den Raum, der viel zu klein geworden war. Direkt neben dem Ausgang stand sein Auto. Es musste es sein, den die Buchstaben des Nummernschildes an dem Porsche entsprachen exakt den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens. Den Impuls, mit meinem Schlüssel eine kreischende kratzende Spur unauffällig quer über beide Seitentüren zu ziehen, beließ ich als Impuls und versteckte alle sonstigen mörderischen Gedanken wieder in der Schublade. Der Tag wird kommen.
Gerade erst neulich ist es wieder passiert. Und Schuld ist diesmal die Gesichtsmaske, quasi die Burka des kleinen Mannes. Man erkennt die Menschen nicht sofort und man muss oft mehrere Blicke und Überlegungen investieren, um auf die Person und auf den Namen zu kommen. Ich gehe also vom Parkplatz in den Edeka hinein, als mir eine männliche Person mit Miniburka begegnet. Ein gegenseitiges Zunicken, könnte ja sein, dass es ein Bekannter ist, und dann, nach einigen Millisekunden, die wie eine Sturzflut einsetzende Erkenntnis: Das war er doch! Nicht derselbe wie oben, aber auch einer, mit dem ich nie mehr was zu tun haben, geschweige denn reden wollte. Offensichtlich haben wir die gleiche Reaktionszeit, denn ich sah es in seinen Augen, genauso wie es bei mir zu sehen gewesen sein musste. Eine unmerkliche konzentrative Verengung der Pupillen, bei gleichzeitiger Hebung der Augenbrauen als Ausdruck des Erkennens. Wie gesagt, nur ein Augenblick, denn schon war man aneinander vorbeigegangen, hatte den Blick wieder verloren und konnte wieder beginnen, den auch schlagartig erhöhten Puls wieder zu beruhigen. Als ob ich es nötig hätte, mich über sowas aufzuregen, aber es passiert halt und gleichzeitig merkte ich, dass sich über die Jahre mein Kampfeswillen abgeschwächt hatte. Liegt es am Alter oder an der Dauer des Konfliktes, der sich irgendwann wieder beruhigt? Egal, sicherheitshalber drehte ich mich noch einmal um und, so ein Mist, auch er hatte sich nochmal umgedreht und wieder trafen sich unsere Blicke, diesmal ein bisschen, sagen wir mit einer Art belustigten und ein kleinwenig peinlichen Freundlichkeit.
Vielleicht schafft uns ja die Maske den kleinen Spielraum, den wir im Kopf brauchen, um erst einmal zu sortieren und zu bewerten und um nicht gleich in Kampfposition zu gehen. So sollten wir es im Leben doch immer machen.
Also ein weiterer Vorteil eine Maske zu tragen!
Sie kann dich vor Feinden und vor Viren schützen!
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