Rhöngeist, wo bist du?
Es war so schön in der Zeit vor Corona (abgekürzt: ZvC). In der ZvC bis du auf die Gemündener Hütte gefahren, du hast viele Leute gekannt, die Leute haben dich erkannt, sie haben schon gewartet und gesagt: jetzt fangen sie gleich an. Dann wurden die Instrumente ausgepackt, wir nahmen Aufstellung und schon ging die Musik und das allgemeine Singen los. Was für eine Freude, all die Menschen zu sehen die voller Inbrunst die Lieder mitsangen, mal lustig und mal traurig, und wenn gerade Sonnenuntergang war, auch mit einer spürbaren Melancholie, die wie ein leichter Nebel den Berghang hinab zog. Jeder Rhöngeist hätte seine Freude an diesem bunten Treiben und der friedlichen Stimmung gehabt. Oft sind es im Sommer hunderte Menschen gewesen, die sich auf dem Plateau vor und hinter der Hütte versammelt hatten, um gemeinsam gemütliche Abende zu erleben. Keine Scheu gab es vor Nähe, lieber saß man eng und noch enger zusammen, hat geschunkelt, gekuschelt, gegessen, getrunken und vor allem gesungen. Die Hüttenabende im Freien, bei entsprechend gutem Sommerwetter, oder in der Übergangszeit im Zelt, hatten dieses friedliche Gefühl von Gemeinsamkeit, von Zusammengehörigkeit, von Ankommen, von sich Fallenlassen und vor allem von dem Fühlen der sich immer mehr beruhigenden Dämmerung beim freien Blick in die weite Ferne der Rhöner Berge. Ich möchte die Stimmung gerne als rührselige Melancholie bezeichnen, die immer wieder zu spüren war und derentwegen so viele Menschen sich 1-mal im Monat zum Hüttenabend versammelt haben.
Im Winter war die Stimmung anders, vor allem, wenn es oben geschneit hatte und das Tal noch frei von Schnee war. Wir und die Instrumente wurden mit dem Motorschlitten abgeholt; es war sehr kalt und im Schneegestöber bergauf durch den kleinen Wald hat sich schnell ein alpines Gefühl entwickelt. Beim Eintritt in die Hütte ging es erst mal gar nicht weiter. Ein Geschiebe und Gedränge, ein freudiges Singen und verhaltenes Schunkeln, eine Feuchtigkeit in der Luft und beschlagene Brillen. Nach einiger Zeit hatte man es bis zur Ecke geschafft, in der wir immer gespielt haben. Bis unsere Gruppe anfing, gab es schon andere Musiker, die die, oft schon seit Stunden anwesenden Menschen, in Stimmung gebracht hatten. Es war eng, Menschleib an Menschenleib und man hatte wahrhaftig das Gefühl, alle Sommermenschen haben sich auch im Winter in der kleinen Hütte versammelt. Das musste man schon aushalten können, so viel Schweiß hat man nicht mal im Sommer verschwitzt. Aber es erzeugte eine süchtigmachende Stimmung, die einfach schön war. Eng und schön, verschwitzt, erschöpft vom Spielen und von den Zuhörern und Mitsängern gefeiert.
Der Kontrast von neulich zur ZvC könnte nicht größer sein. Es war mal wieder soweit und wir haben mit unseren Instrumenten die Hütte besucht. Übersichtliche Corona-bereinigte Tische mit wenig Personen, verteilt über die gesamte Fläche. Unsere Musikgruppe nicht inmitten der Leute, sondern außerhalb des Geländes, am Hang stehend, im vorgeschriebenen Abstand. Das war grausam. Das fühlte sich erbärmlich an. Keinerlei Bindung in unserer Musikgruppe, wir standen so weit auseinander, dass wir uns gegenseitig nicht mehr gehört haben. Keine Bindung zu den Zuhörern, die viel zu weit weg und zu weit auseinander saßen, um ein Gefühl von Gemeinschaft oder gemeinsamem Singen zu entwickeln. Armes Deutschland, arme Musiker, wenn die Situation so bleiben sollte. Noch sieht es so aus, als wenn die Situation gerade nicht änderbar ist. Man wird sich daran gewöhnen und neue Möglichkeiten finden müssen, die Musik an die Menschen heranzutragen. Die Menschen wollen und mögen die Musik. Man hat es gemerkt, einige waren sehr dankbar, mal wieder einen Hauch von “ So war es früher“ zu erleben und haben sich bedankt. Der Spaßfaktor aber hat komplett gefehlt und es wäre ein emotionales Desaster geworden, hätte uns nicht die Hüttenwirtin ein wundervolles Abendessen spendiert. Und was soll ich sagen, das hat auf jeden Fall genauso gut geschmeckt wie früher.
Man kann feststellen: Wer die Hüttenabende früher nicht erlebt hat, der hat mit Sicherheit etwas verpasst. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese in diesem Jahr und auch auf längerer Sicht wieder durchgeführt werden ist gering. Es wird sich schon so entwickeln, dass jedem einzelnen die Nähe zu anderen Menschen instinktiv unangenehm sein wird und wir für lange Zeit „auseinander“ leben. So wird es schwer für den Rhöngeist, sich wieder zu entwickeln und die Menschen zusammen zu führen. Ich vertraue darauf, dass die Menschen erfinderisch genug sind, die jetzige Situation so zu verändern, dass es einem so vorkommt wie in der ZvC.
Ein „genauso wie vorher“ kann und wird es nie mehr geben, daran sollten wir uns allerdings gewöhnen.
Und den Rhöngeist gibt es ja immerhin in der Flasche.
fa200901
den Rhöngeist kenne ich leider nicht,kann mir aber vorstellen,dass es sehr angenehm ist in der beschriebenen Weise zu musizieren und gesellig zusammen zu sein.
Ich hatte das Glück, am 4.9.20 eine Karte zu bekommen für ein Konzert des deutschen Ärzteorchesters in Mestlin.Es wurde klassische Musik von Mendelsohn Bartholdy , Mozart und Beethoven hervorragend gespielt.
Natürlich standen die Stühle der Gäste auch weit auseinander.Meine Gedanken gingen auch nachOberthulba!
Dieses Orcheste wurde von einem Münchener Allgemeinmediziner Dr. Dieter Pöller 1989 gegründet und war zum1. Mal in Mecklenburg..
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