Dschungelkampf

Dschungelkampf

Wie andere Kolonialmächte auch, hatte Belgien im 18. und 19. Jahrhundert versucht, durch den Erwerb von Land in anderen Kontinenten sowohl das eigene Staatsgebiet zu vergrößern als auch durch die Ausschöpfung von Bodenschätzen Gewinne zu erzielen. In Afrika besaß Belgien damals die heutigen Gebiete von Kongo, Teile vom Sudan, Ruanda und Burundi. Die Eroberung und damit auch die Vernichtung von Ressourcen sind diesen Expansionsnationen damals im Blut gewesen. Wie aus Gewohnheit werden in den ehemaligen Kolonialgebieten bis heute noch immer Bodenschätze ausgebeutet und Landschaftsgebiete für gewinnbringendere Projekte vernichtet.

Wir haben Freunde in Belgien und diese waren jetzt, wie seit 36 Jahren, wieder mal zu Besuch hier bei uns. Zugegeben liegt Belgien klimatisch sehr günstig und Bodenfrüchte wachsen, auch mit Hilfe von Gewächshäusern, sehr gut. So liegt unseren Freunden, neben den alten Kolonisationsgenen auch die Behandlung von Treibhausgewächsen im Erbgut.

In meinem noch relativ neuen Hochbeetgewächshaus habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal Tomatenpflanzen eingesetzt. Denen schien das Klima im Gewächshaus sehr gut zu gefallen. Deshalb wuchsen sie mit einem enormen Tempo nicht nur in die Höhe, sondern auch in alle Richtungen. Nun sollte man, das ist bekannt, die Tomatenpflanzen regelmäßig ausgeizen, das heißt die Quertriebe entfernen, um den Wuchs in die Höhe und die Kraft in die Tomatenfrüchte zu treiben. Dazu sollte man zu Hause sein, denn die häufige Abwesenheit von zu Hause wiederspricht den tomatenpflegerischen Grundsätzen. So hatten meine Tomatenpflanzen genügend Zeit, ohne dass ich es bemerkte, um quer im Gewächshaus umherzuwachsen, bis sich ein richtiger Dschungel gebildet hatte, der die Sonne schon nicht mehr durchgelassen hat. Nach der Definition ist ein Urwald ein Wald, der sich von Menschen unberührt entwickeln kann und noch nie bewirtschaftet wurde. Diese Kriterien hat mein Tomatenurwald erfüllt.

Gut, ich hatte auch Mitleid mit den Pflanzen, da auch die Quertriebe Ansätze von Blüten zeigten und ich diesen auch eine Chance geben wollte. Irgendwann war es dann komplett zu spät und man betrachtet nun sein gewachsenes Stück Urwald nicht mehr als Tomatenquelle, sondern als Sauerstoffproduzent und als Teil des weltweiten Kernurwaldes. Wer hat schon seinen eigenen Urwald, in dem man auch noch fast reinen Sauerstoff einatmen kann. Es hatte sich ein richtiges Mikroklima aus Flora und Fauna gebildet, es war ein Gesumme, ein Rascheln, ein Herumkriechen von allerlei Getier, so dass es eine rechte Freude war.

Dann kamen die Belgier.

Im Gegensatz zu ihren akkurat angeordneten Pflanzenreihen im eigenen Gewächshaus war meine „Tomatenpflanzung“ in den Augen eines Kolonialisierungsnationsmitgliedes und in den Augen eines geübten belgischen Gärtners natürlich ein Unding.

„Es wäre nicht zu spät, um noch einige Tomaten zu retten“ wiesen sie mich zurecht.

Die Verwaltungsmacht über das Gewächshaus wurde mir im Handstreich entzogen. Mit geübten Schnitten mit der Gartenschere und auch auf brutale Art und Weise mit den Händen ging es meinem Dschungel an den Kragen. Erschreckende Bilder von abgeholzten oder abgebrannten Gebieten in der Äquatorzone tauchten in meinem Kopf auf. Hatte mein Urwald bislang immer mit mir gesprochen, wenn ich ihn mal am Abend für ein paar Minuten besucht hatte, so hörte ich jetzt neben dem Schnippen der Messer ein langgezogenes, leise wimmerndes Wehklagen, das wie ein Windhauch durch die Ritzen des Gartenhauses nach draußen strich. Nein, es war nicht mein Seufzen, sondern der Klang der gestutzten Tomatenpflanzen, an denen neben dem noch stehenden Hauptstamm in der Tat auch einige Tomaten hingen, die mir vorher noch gar nicht aufgefallen waren. Vor mir türmte sich ein Berg von abgeschnittenen Zweigen, der – aufeinander geschichtet – eine komplette Wagenladung auf meinem Piaggio ergab. Die Zweige habe ich auf meinen Kompost gebracht und ich hoffe, dass aus den noch daran befindlichen kleinen Tomaten so viel Dschungelsamen ausfällt, dass im nächsten Jahr wieder ein neuer Urwald wächst.

Die traurige Ansicht meines Gewächshauses zeigt nun mehrere gerupfte Pflanzen mit Früchten aber die beruhigende Dschungelatmosphäre ist nur noch Erinnerung. Das wäre mein Beitrag zum Erreichen der europäischen Klimaziele gewesen: Mein privater Sauerstoffproduzent. Alles ist hinfällig.

Wir haben unten am Bach noch einen Garten und daneben liegen noch mehrere Kleingärten. Bin ich froh, dass ich die Belgier dorthin nicht mitgenommen habe. Die hätten, genetisch gesteuert, die Mehrzahl an Pflanzen abgeschnitten und nur noch dürre Gerippe übriggelassen.

Der Preis für den Gewinn ist hoch. Für den Gewinn, also Tomaten zu ernten, muss ich die Pflanzen stutzen und den Dschungel abholzen. Das ist generell so, und deshalb wird bis heute der Urwald abgeholzt. Ich werde jedoch, bei jeder der zehn Tomaten, die ich ernten werde, an unsere Belgier denken.

Und beim nächsten Besuch im Belgien nehme ich auch meine Schere mit. Ich finde schon was zum Abschneiden. Einfach nur so.

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