Fensterzupfer

Fensterzupfer

Früher gab es noch allerhand Möglichkeiten, Leuten einen Streich zu spielen und zwar so, wie es heute gar nicht mehr möglich ist. „Einen Streich spielen“ war nichts Kriminelles, es wurde niemand verletzt und es kam keine Polizei. Es ging zwar auf Kosten von Anderen, aber es hat auch wahnsinnig Spaß gemacht. Ich war noch gar nicht so alt, vielleicht 12 oder 13 Jahre. Mein Freund und ich haben uns am Abend in der Dämmerung verabredet. Der eine hatte eine Schnur, einen stabilen „Wurstbindfaden“, wie ihn die Metzger haben – und mein Vater war Metzger – der andere hatte Reisnägel dabei.

Die Fenster der Häuser waren in meinen Kindheitstagen nicht so stabil gebaut wie heute. Damals waren es einfache Scheiben, die in Kitt gesetzt waren und nach einigen Jahren der Sonnenbestrahlung und der Wetteraussetzung durch den getrockneten Kitt immer wieder locker wurden und geklappert haben. Hat man nun an den Reisnagel eine Schnur gemacht und den Reisnagel heimlich in das Fensterkreuz gedrückt, die Schnur gespannt und daran wie an Celloseiten gezupft, so hat das in der jeweiligen Wohnung laute scheppernde Schläge getan, die man nicht einordnen konnte. Natürlich bestand der Kitzel an der ganzen Aktion darin, sich nicht erwischen zu lassen. Aber die Schnur hat man in der Dunkelheit gar nicht gesehen und man konnte sich bei ausgerollter Schnur in sicherer Entfernung verstecken. Wichtig war, diese Aktion bei demselben Haus nicht zu oft zu wiederholen, denn die Leute haben natürlich dies alles irgendwann kapiert.

Ich war ein – mein Onkel sagte immer „kleiner, dürrer Verrecker“ – hatte dünne Beine und konnte schnell wie ein Wiesel laufen. Das war gut so, denn das hat mich wahrscheinlich gerettet. Als wir wieder einmal einen „Anschlag“ beim Clodwig planten, lief zunächst alles ganz normal. Die Schnur und der Reisnagel wurden festgemacht, wir rollten die Schnur ab und wollten uns gerade hinter der Zaunhecke verstecken, da ging schon die Haustür auf: „Ihr Sakaramenter, warte wenn ich euch erwische“. Das waren wir nicht gewohnt, denn wir hatten noch nicht mal gezupft und waren schon erwischt. Zunächst wie erstarrt, hörten wir, wie sich Clodwig mit raschem Schritt und unter lautem Fluchen näherte. Alles fallen lassen und so schnell als möglich loslaufen war die logische Konsequenz. Mein Freund lief die Hauptstraße hoch und verschwand in der Seitengasse. Damals war die Straßenbeleuchtung noch nicht so gut wie heute. Ich spurtete bis zum Garten meines Onkels Paul, der sich rechts neben der Haustüre und unmittelbar neben der Straße befand, machte einen Hechtsprung über das Zäunchen und landete direkt im Salatbeet. Die Salatköpfe waren ziemlich groß und ich blieb einfach zwischen den Köpfen regungslos liegen. Vor Angst ganz blass geworden, hatte ich im Gesicht, wie ein Chamäleon, unmittelbar die Farbe der hellen Salatköpfe angenommen. Regungslos lag ich da, doch mein Herz klopfte so wild und so laut, dass ich dachte, jemand zupft mit Schnüren an meinem Herzen und Clodwig müsste dieses Maschinengeräusch hören. Ich hatte jetzt direkt eine Idee davon, wie laut es erst drinnen in einem Zimmer sein muss, wenn man außen an der Schnur zupft.

„Ich schlag euch windelweich ihr Sauköpf´, ihr Herrgottsschnitzer, ich hau Euch die Ranze voll, dass ihr nicht mehr wisst wo ihr hingehört!“.

Die Stimme von Clodwig war direkt neben mir. Zum Glück war ich katholisch und machte die Erfahrung, dass Stoßgebete in Momenten der Angst sehr hilfreich sein können. Er ging kurz die Straße hoch und kam dann wieder zurück während ich weiter regungslos im Salat lag. Da mein Blick nach oben gerichtet war, konnte ich ihn gegen den schon dunklen Abendhimmel sehen. Er musterte intensiv den Garten und stocherte mit den Händen, etwas von mir entfernt, im Hortensienbusch. So lag ich, scheinbar unsichtbar inmitten des Salatbeetes verborgen, bis sich Clodwig unter Ausstoßung von weiteren schlimmen Dingen, die er uns antun wollte, zurückzog. Nach einer weiteren Ewigkeit stand ich auf, machte über die Ödelsgasse und dem Haus von der Tietze einen riesigen Bogen, umging so das Haus von Clodwig und schlich mich aufatmend nach Hause.

Sich in Sicherheit wiegen ist nicht immer richtig, denn jetzt kam unmittelbar das Nachspiel. Kaum hatte ich das Haus betreten, viel mir ein Stein vom Herzen. Ich hörte das Geräusch, realisierte aber dann, dass ich von meinem Vater eine saftige Ohrfeige bekommen hatte: “Habe ich dir nicht gesagt, dass du zu Hause sein sollst, wenn es dunkel ist? Marsch ins Bett!“

In dieser Nacht träumte ich von Wegelagerern, die mich verfolgten und einfingen, doch am nächsten Morgen war alles wieder ganz normal.  Nach der Schule am nächsten Tag kam ich zu Hause an, doch hatte kaum die Küche betreten, da fing ich mir schon wieder eine Ohrfeige ein, dass mein linker Backen sofort glühte. Auf dem Küchentisch stand die Rolle Wurstbindfaden die ich in der Nacht verloren hatte und so einen Faden hatte in dem Dorf nur mein Vater. Weitere Worte wurden darüber nicht gewechselt, es war quasi alles gesagt und jeder wusste Bescheid und die Backpfeifen waren verteilt. Auf meiner Wange standen sichtbar die Zeichen: „Tu das nie wieder“. Sicher sind aber mit genau diesem Faden noch viele Blutwürste abgebunden und auch noch einige Fenster zum Klirren gebracht worden.

Ich glaube, dass mich Clodwig damals im Garten sehr wohl gesehen hat. So als hätte er geahnt, dass ich später fast sein Schwiegersohn geworden wäre, hat er wahrscheinlich nichts weiter unternommen, außer mir noch weiter Angst zu machen. Wir hatten danach immer ein gutes Verhältnis und diesen Streich haben wir nie mehr ausgeführt, zumindest nie mehr bei ihm.

fa200705

Ein Kommentar zu „Fensterzupfer

  1. Albin, gerne lese ich Deine Geschichten, da fällt mir auch immer was aus meiner Kindheit ein. Habe mal mit der Volls Helga (Schwester von Manu) an einen Geldbeutel eine Schnur gebunden. Als eine ältere Frau aus dem Dorf kam (es war die Hüttls Hilde), haben wir den Beutel auf die Straße gelegt. Als sich die Frau nach ihm bücken wollte, haben wir ihn mit der Schnur weggezogen. Hab nur noch gehört was die Frau gesagt hat: „des wor doch de Resi ihr freche Rotznose“. Wenn ich ehrlich bin, hab ich mich erstmal nicht heimgetraut, aber Resi war nicht so streng😄😄

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