Ihre Majestät
Es ist unglaublich, aber es ist wahr und wahrscheinlich alles so passiert. Da während unserer letzten Städtetour in London gerade die alljährliche Militärparade zu Ehren des Geburtstages der britischen Monarchin anstand, blieben wir extra einen Tag länger, um uns das sogenannte „Trooping the Colour“ nicht entgehen zu lassen. Diese Parade findet auf dem Horse Guards Parade, dem größten offenen Platz in London statt, und wird von der Königin und von weiteren Mitgliedern der königlichen Familie abgenommen. Dabei verlässt die Queen in einer Kutsche den Buckingham Palast und wird vor und hinter der Kutsche von einer Abteilung von Grenadier Guards, das ist das Leibregiment der Queen (also die mit den roten Anzügen und den Bärenfellmützen) im Gleichschritt laufend, begleitet. Anschließend findet im Palast mit Offiziellen und mit Menschen aus dem Volk eine Teezeremonie statt.
Meine Frau und ich standen kurz vor dem Paradeplatz und konnten den Anmarsch der Truppen sehr gut beobachten. Ist schon sehr eindrucksvoll, wenn die Grenadier Guards mit ihrem Regimentsmarsch „The British Grenadiers“ vorbeimarschieren.
Dieser Samstag war ein sehr heißer Tag. Es war kurz vor 14 Uhr und die Temperatur war schon auf 29 Grad gestiegen. Keine schattenspendende Wolke zeigte sich am Himmel und zum Glück hatten wir genügend Trinkwasser dabei. Wir standen direkt an den lose angebrachten Absperrgittern, quasi in erster Reihe und hatten vollen Blick auf das, was vor uns geschah. Unter dem Klang der Musik näherte sich das Regiment, mit der offenen Kutsche der Queen in der Mitte. Gerade als die ersten Grenadiere an uns vorbeimarschiert waren, fing einer der bärenfellmützentragenden Männer zu schwanken an. Erst fing er sich noch, doch dann wurde das Schwanken deutlich. Dies fiel sofort auf, da in einer regelmäßig schreitenden Menge einer, der nicht im Gleichschritt läuft einem einfach sofort ins Auge springt. Er war sehr blass und hatte die Augen fast geschlossen. Und gerade auf unserer Höhe stoppte er abrupt, knickte mit dem linken Knie ein, machte noch einige kleine unbeholfene Schritte und fiel dann, mit dem Gesicht voraus und ohne eine Abwehrhaltung zu machen, stocksteif wie ein Brett auf den Boden, wobei er ganz knapp den spitzen Ständerfuß der Absperrung verfehlte. Durch den Sturz löste sich seine unter dem Kinn festgezurrte Mütze und rollte leicht zur Seite. Die Reihe, in der er gelaufen war, kam für einen Moment aus dem Takt und es kam zu einer Verzögerung, die sich bis zur Kutsche der Queen fortpflanzte, so dass die Pferde kurz gezügelt werden mussten. Für einen Moment dreht sich die Queen in unsere Richtung.
Er lag genau in meiner Reichweite. Ich zwängte mich mit meiner Wasserflasche durch das Gitter und kniete, jetzt nicht als Tourist, sondern als Arzt vor ihm. Er fühlte sich heiß an, aber er atmete. Aus einer Wunde an der Stirn und aus der Nase tropfte Blut. Kaum hatte ich ihn etwas zur Seite gedreht und das Gesicht mit Wasser benetzt, öffnete er auch schon wieder die verdrehten Augen. Die blutende Wunde drückte ich mit einem Taschentuch ab. Sofort kamen einige uniformierte Personen, stellten ihn auf seine noch schwankenden Beine, und brachten ihn dann langsam durch eine Gittereinlassung in der Nähe zu einem Fahrzeug. Kurz danach kehrten die Uniformierten zurück und bedeuteten uns mit Gesten und in natürlich einwandfreiem Englisch, dass wir mitkommen sollten. Ich dachte zunächst an einen weiteren medizinischen Einsatz, doch dann wurde uns eröffnet, dass wir auf Wunsch der Königin an der Teezeremonie im Palast teilnehmen sollten. Wir dachten zunächst an einen Scherz, wurden aber umgehend durch die Einlassung zu einer Gruppe von anderen wartenden Menschen geführt und dort kontrolliert. Nach dem Sicherheitscheck geleitete uns eine zivile Einheit durch das Osttor in den riesigen Buckingham Palast. Nachdem wir in einem der vielen Räume bei Erfrischungen gewartet hatten, öffnete sich plötzlich eine Türe und wir betraten eine Art Ballsaal in dem eine riesige lange Tafel, eingedeckt mit Goldgeschirr, aufgebaut war. Immer mehr Menschen, füllten den Raum. Wir standen etwas verloren in der hinteren Abteilung, dort war uns ein Tisch zugewiesen worden. Die Menschen unterhielten sich lauthals und verstummten jedoch schlagartig, als die Königin in Begleitung ihrer Familie von der Stirnseite her den Raum betrat. Eine Musikkapelle spielte einen Marsch, danach nahm die Königin und dann der gesamte Rest des Saales Platz. Für uns lief alles wie im Traume ab. Jetzt erschienen hunderte von Bediensteten und füllten den Tisch mit süßem Gebäck, Zwieback, Sandwiches und kleinen Pasteten. Der Tee wurde eingeschenkt und nachdem eine Art Minister einen Toast ausgesprochen hatte, begann das Teetrinken. Nach ziemlich exakt 45 Minuten erhob sich die Queen und wurde aus dem Saal geleitet. Sofort erhoben sich alle Gäste und in Windeseile wurde auch unsere Gruppe wieder zurück zum Osttor geführt und auf die Straße entlassen. Als Abschiedsgeschenk überreichte uns ein Diener einen kleinen vergoldeten Teelöffel, den ich bis heute wie einen Schatz aufbewahre.
Rückblickend war das alles unglaublich, irreal und zog wie ein Traum vorüber. Es ging so schnell und man hatte kaum Zeit zum Nachdenken. Ich kenne sonst niemanden der je bei der Queen eingeladen gewesen ist und ich bin mir sicher, dass sie mir beim Verlassen des Saales noch wohlwollend zugezwinkert hat. Was für ein seltenes Erlebnis und was für eine menschliche Geste der Queen.
God save the queen.
fa200628
Also Albin, ich weiß nicht so recht……….?????😄
LikeLike