Ich hasse sie

Ich hasse sie

Ich hasse sie, weil sie die Wahrheit sagt. Ich hasse sie, weil sie die Wahrheit immer dann sagt, wenn wir gerade fertig sind. Sie gehört zu einer Berufsgruppe, die man gerne nahe an sich heranlässt. Normalerweise weicht man zurück, wenn eine Person einem zu nahekommt und in den persönlichen Sicherheitskorridor eindringt. Diese Person aber habe ich nahe an mich herangelassen. Ich habe Zeit mit ihr verbracht und ich habe ihr Geschichten erzählt. Sie hat mich angehört und mir manchmal auch einen Rat gegeben. Ich sehe sie nicht oft, aber wenn, dann sind wir sehr nahe beieinander. Ihre Hände sind schlank, zart und einfühlsam. Es tut sehr gut, wenn sie mich berührt, es ist entspannend und meistens schlafe ich sogar dabei ein. Heute aber hat sie mich sehr aufgeregt. Muss ich mir das bieten lassen? „Muss ich mir das anhören?“ frage ich sie. „Ja“ sagt sie, „das ist doch nicht schlimm; das steht dir doch viel besser“.
Ihr Name tut nichts zur Sache, aber nennen wir sie Vanessa. Vanessa ist noch relativ jung; ich würde mal schätzen sie ist 30 Jahre alt. Obwohl ich sie immer besuche und andere Männer tun das auch, ist sie in einer festen Beziehung. Es stört sie nicht, wenn wir uns in losen Abständen sehen, jedoch ist sie der Meinung, ich sollte bis zu unserem nächsten Treffen nicht wieder so lange warten. Sie ist nicht nur jung, sie sieht auch sehr gut aus, hat eine gute Figur und einen frischen Blick. Wenn wir zusammen sind, habe ich immer genügend Zeit, sie mir genau anzusehen. Das geht jetzt, seit ich Kontaktlinsen trage, sehr gut. Vorher habe ich immer – damit wir besser zurechtkommen – die Brille abgenommen und deshalb konnte ich sie nie scharf sehen. Jetzt aber kann ich sie betrachten; ich kann es sehen und kann es fühlen, wie geschickt sie mit ihren Händen an mir arbeitet. Sie ist sehr konzentriert, fast entrückt, und man merkt, dass ihr das, was sie gerade tut, sehr viel Freude macht. Nicht immer antwortet sie direkt auf meine Fragen, so als ob sie ihre Gedanken, die in weite Ferne gerückt sind, erst wieder herbeiholen und fokussieren muss. Trotzdem lerne ich sie bei jedem Besuch etwas näher kennen und bin zwischenzeitlich ganz gut über ihr Leben, und sie über Meines, informiert.
Heute aber hat es wieder mal gereicht. Schon beim letzten Mal hat sie diese direkten Ansichten geäußert und mir diese unverblümt auf dem Tablett dargeboten. Ich will das doch gar nicht wissen. Lieber hätte ich von ihr Vorschläge gehört, wie man diesen Zustand wieder ändern könne, wie man es ungeschehen machen könne, wie man den alten Zustand wiederherstellen könne. Dabei lässt sie mich und mein Leben einfach in einen Spiegel schauen; sie hält mir den Spiegel quasi vor und ich schaue auch noch hinein. Ich will es nicht, aber ich schaue hinein. Heute hätte ich das lieber nicht gemacht, aber ich muss selbst feststellen – und ich sehe es auch in ihren Augen – was sie mir sagen will: „Deine Haare sind nicht mehr blond. Sie haben einen schönen grauen Schimmer“. 

Mein Vater ist mit 76 Jahren gestorben und da hatte er noch blonde Haare. Ich bin mit strohblonden, fast weißen Haaren auf die Welt gekommen und mein erster Spitzname lautete deshalb „Schimmel“. Diese blonden Haare habe ich den größten Teil meines bisherigen Lebens getragen, dann waren einige Jahre dabei, in denen Strähnchen angesagt waren. Seit einiger Zeit habe ich diese nicht mehr und siehe da, es kommt ein gräuliches Grau, fast wie hingehaucht, in den Haaren zum Vorschein. Soll ich mich da freuen? Nein, tue ich nicht! Solche Haare wollte ich nicht! Ich wollte meine blonden Haare behalten. Und jetzt sagt mir diese Tussi von Friseurin, die eigentlich zu mir halten sollte, die ich auch noch bezahle, so einfach die nackten Tatsachen ins Gesicht. Das vertrage ich am frühen Nachmittag noch nicht so gut. Aber es ist leider eine Tatsache – der Grauschleier lässt sich nicht wegdiskutieren, jetzt nicht und in alle Ewigkeit nicht mehr. Wie zur Entschuldigung stellt sie noch einmal fachmännisch fest, dass ihr meine natürliche Haarfarbe jetzt viel besser gefalle als mit Strähnchen. Bah, ich und Strähnchen! Diese Zeiten sind vorbei! Diese Zeiten sind lange vorbei und meinem Alter scheinbar nicht mehr angemessen. Und in der Tat, als ich noch einmal genau in den Spiegel schaue, sehe ich ihn vor mir. Den älteren, noch agilen, junggeblieben und natürlich durchtrainierten Rentner. Ein Rentner wie aus dem Bilderbuch. Es sieht vielleicht doch gar nicht so schlecht aus, vor allem wenn die Haare frisch geschnitten sind. Eigentlich schaut mich da ein super Typ in den besten Jahren an.

Ich bedanke mich artig bei meiner Haardresserin, schaue noch mal entrüstet auf das graue Knäuel von Haaren auf dem Boden und verlasse das Geschäft. 

Die Wahrheit ist nicht immer einfach zu ertragen und man muss schon sehr gefestigt sein, um darauf adäquat zu reagieren. Zum Glück ist nicht mehr passiert, aber einen Frust-Döner musste ich mir zur Belohnung oder zur Ermutigung beim Türken nebenan noch gönnen. Inzwischen habe ich sogar nochmal in den Spiegel geblickt: tolle Typen sind einfach zeitlos und werden immer wieder gerne angeschaut.         

fa200607

2 Kommentare zu „Ich hasse sie

  1. Ich kann mich noch gut an deine Strähnen- Zeit erinnern….. da hatten wir mindestens 2 Std. Zeit zum quatschen…..
    Schüä wors

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