Ein ideales Volk
Ich weiß nicht genau, was ich lieber wäre; eine Biene, eine Königin oder eine Drohne. Tatsache ist, dass ein Bienenvolk – lässt man es in Ruhe – nach innen wunderbar funktioniert. Jedes einzelne Mitglied des Bienenvolkes hat seine Aufgabe und verrichtet diese, ohne zu murren oder zu klagen. Auch wenn die größte Biene im Stock, die Königin, für den Nachwuchs zuständig ist und als Einzige der gesamten Bienenschar Eier legt, heißt sie nur Königin. In Wirklichkeit wird sie vom Volk dirigiert. Das Volk besteht aus mehreren 10.000 Bienen und einigen hundert Männchen (Drohnen). Das Volk bestimmt, wie viele Eier die Königin legen soll, wohin sie die Eier legen soll und ob sie Eier legen soll aus denen dann Bienen oder Drohnen werden. Wie das Volk jeweils zu dieser Entscheidung kommt, weiß ich nicht genau. Jedenfalls ist es so, dass das Volk und die Königin untrennbar miteinander verwoben sind. Weder das Volk noch die Königin sind allein lebensfähig. Das Volk hat eine eigene Identität, die durch die Hormone der Königin bestimmt wird und durch Pheromone und Duftstoffe im Volk verbreitet wird. Alles im Volk, der gesamte Arbeitsablauf und der Generationenzyklus funktioniert ohne weiteres Zutun; das eine bedingt das andere. Ist wenig Futter da, werden wenige Eier gelegt und wenige Bienen großgezogen. Ist viel Futter vorhanden, werden automatisch mehr Eier gelegt. Ist aber das Klima draußen nicht in Ordnung, geht die Eiablage wieder zurück. Alles ist dem einen Ziel untergeordnet, nämlich das Volk überleben zu lassen und über den Sommer, den Herbst und den Winter wieder in das nächste Jahr zu kommen. Die Bienen selbst folgen einer auf den Tag genau getakteten Entwicklung vom Ausschlüpfen über die Stockbiene, die die Zellen säubert, über die Pflegebiene bis zur Flugbiene, die den Honig sammelt und verarbeitet. Einer Biene muss nichts gesagt werden, sie weiß immer, was gerade zu tun ist und auch, was das Beste ist.
Dies ist ein Paradebeispiel dafür, wie auch die menschlichen Beziehungen und das soziale und gesellschaftliche Miteinander funktionieren könnten. Jeder Einzelne arbeitet und alles folgt einem inneren Plan; keiner bestimmt, alle Arbeitsschritte werden logisch nacheinander ausgeführt, jeder wird gebraucht und ist für das Überleben wichtig. Auch in der Paarbeziehung könnte das genauso ablaufen. Es gibt einen Plan, alles muss gemacht werden, keiner ist wichtiger als der andere und am Ende kommt immer etwas Gutes heraus.
Das Einzige, was man nicht so in unsere Gesellschaft übertragen sollte ist, dass ein Bienenvolk für sich abgeschirmt ist. Bienen, die nicht zu einem bestimmten Volk gehören, werden nur in Ausnahmefällen in dieses Volk eingelassen und integriert. Ein Bienenvolk tut alles, um selbst zu überleben, notfalls auch, indem es ein anderes Bienenvolk durch Futterraub vernichtet.
Also welche Position würde ich gerne in einem Bienenvolk einnehmen? Als Königin müsste ich den ganzen Sommer lang Eier legen, würde aber gefüttert, im Winter gepflegt und gewärmt und bis in den nächsten Sommer gut versorgt werden. Als Biene, vor allem als Arbeitsbiene, ist mein Lebenszyklus nur auf sechs Wochen begrenzt und ich müsste Tag und Nacht arbeiten und viele Flugkilometer zurücklegen. Als Drohne (Männchen) wäre mein Leben auch sehr kurz, denn nach der Befruchtung würde ich aus dem Stock verstoßen werden und müsste zugrunde gehen. Dann nehme ich doch lieber die Position des Imkers ein, der das Volk das ganze Jahr beobachtet und vor allem dann auch den leckeren Honig entnehmen kann.
Das Verhalten eines Bienenvolkes kann man sicherlich als intelligent bezeichnen, denn das Volk insgesamt kann auf vielerlei äußere Einflüsse reagieren. Ein Bienenvolk ist nie verzweifelt, gibt nie auf und selbst im äußersten Notfall arbeitet die letzte Biene noch daran, sich irgendwie zu vermehren und ein neues Volk zu bilden.
Es gibt auch viele andere Bereiche, in denen der Mensch von der Natur lernen kann und in denen der Mensch auch manchmal akzeptieren muss, dass seine eigene Lebensform nicht immer die Beste ist; nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für seine Umwelt. Egozentriker, Anarchisten, Verschwörer und Arbeitsverweigerer gäbe es dann nicht. Alle würden an ein großes Ziel glauben, nämlich daran, gemeinsam ein Leben in Ruhe und Zufriedenheit und Gleichklang zu führen.
fa200601
Wieder eine absolut interessante Geschichte, Albin👍🌷
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