Son of Anarchy
Es gibt sie, diese Menschen, die man erblickt und denkt „Au Weia“. Ich habe so einen Menschen beim Einkaufen bei Netto getroffen. Er war mit seiner Frau unterwegs, schob seinen Einkaufswagen und kommandierte seine Frau durch die Gänge, um verschiedene Sachen zu holen. Dabei ging er nicht gerade zimperlich vor, denn er bahnte sich seinen Weg ohne viel Rücksicht durch die abgestellten Kartons und die Ware, die noch nicht eingeordnet war. Wenn ich sage er schob seinen Einkaufswagen, dann muss man sich vorstellen, dass er dies durchaus mit seinem weit nach vorne stehendem, apfelförmigem Bauch machte. Der Bauch, kugelrund wie bei Biertrinkern oft zu finden, verlief sich in einen stämmigen Oberkörper, über dem – ohne Halsansatz – ein ebenso kreisrunder, mit einer dicken Fettschicht ummantelter Kopf saß. Das wäre alles noch gegangen und hätte mir keine weiteren Gedanken bereitet, wären wir nicht gleichzeitig aus dem Geschäft gegangen. Ich war zuerst draußen und ging zu meinem Wagen, der, wie sich herausstellte, in der Nähe seines Autos parkte. Sein Wagen stand korrekt in einer Parklücke, während mein Auto – leicht schräg – die Parklückenbegrenzung überragte.
„Kannst du dich nicht mal richtig in die Parkreihe stellen?“ raunzte er mich an. Verwundert blickte ich mich um, denn es waren noch mindestens 50 freie Parkplätze links und rechts von mir vorhanden.
„Stört dich das?“ fragte ich.
“Ja, das stört mich du Kasper“ entgegnete er.
Das war zu viel für mich! „Kasper“ war zu viel für mich! Schließlich bin ich auch nur ein Mensch und dem Corona-Stress mit Maske und Atemnot beim Einkaufen genauso ausgesetzt wie alle anderen. Ich wandte mich ihm zu, während er, schon halb eingestiegen, sich wieder breitbeinig neben das Auto stellte. Seine Frau zupfte ihn am Ärmel, um ihn zu besänftigen.
Die Stimmung eskalierte schnell ins Ungemütliche, denn solche Leute kann ich nun Mal gar nicht ab. Also fing ich wütend meine Ansprache an:
„Pass auf du Fettkloß, erst schikanierst du deine Frau im Laden und dann motzt du hier rum, ich glaube es geht los. Du kannst auch eine auf die Nuss haben, wenn du willst du A—-loch. Was geht dich das an, wie mein Auto dasteht. Schau du lieber zu, dass du nicht so viel frisst, sonst platzt du noch. Aber bitte nicht hier, sonst ist der ganze Parkplatz versaut. Und schau zu, dass du deinen Kadaver ins Auto schwingst, sonst gebe ich dir einen Schubs und dann rollst du hinein“.
Er war einen Kopf größer, hatte die doppelte Masse und sah aus wie aus der Netflix-Kultserie „Sons of Anarchy“ entsprungen, aber ich war wütend. Er verzog finster das Gesicht und fing an auf mich zuzugehen. Seine Frau versuchte flehentlich ihn zurückzuhalten, sie kannte ihn wohl gut.
Er hätte mich sicher auch erreicht, wenn ich das alles wirklich so gesagt hätte. Habe ich aber nicht, denn ich habe ja noch kultivierte Vorstellungen vom Umgang miteinander.
Deshalb sagte ich stattdessen:
„Es tut mir leid mein Herr, dass ich ihre Gefühle verletzt habe, indem ich mich mit dem Auto nicht richtig hingestellt habe. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich finde es großartig, wie sie sich um die Umwelt und ihre Mitmenschen kümmern und in ihrer Freizeit für Recht und Ordnung sorgen. Ich finde es auch prima, dass sie ihre liebenswerte Gattin so konstruktiv im Laden einsetzten, damit sie in kurzer Zeit alles gefunden haben was sie brauchen. Es ist schön, dass sie trotz ihres körperlichen Zustandes mit maximaler Adipositas und wahrscheinlich auch mit Diabetes noch so agil und eifrig sind. Sicher können sie für ihren körperlichen Zustand nichts, denn meist sind ja die versteckten Kalorien in ihrer sicher veganen Ernährung schuld. Ich glaube auch nicht, dass die hochkalorische Ernährung für ihr dementielles Syndrom mit Aggressivität verantwortlich ist, denn man weiß, dass Viren und vielleicht auch das Corona Virus sehr stark das Gehirn angreifen, dort ganz wichtige Synapsen beschädigen und möglicherweise, wie bei ihnen, zu einer Nekrose der Hirnkerne führen. Vielleicht sollten sie mal bei ihrem Hausarzt nachhören, ob die Tinte ihrer vielen Tattoos bei ihnen nicht zu einer schleichenden Vergiftung geführt hat. Das tut mir wirklich sehr leid für sie“.
Er schaute mich grimmig, durchbohrend und mit offenem Mund an und hätte mir fast auch eine mit der Faust mitgegeben, wenn ich auch das wirklich so gesagt hätte.
Schließlich hatte ich mein Aggressionspotential unter Kontrolle und hatte mich, nachdem ich alle möglichen Varianten durchgedacht hatte, schon wieder beruhigt. Alles cool!
Ja, ich kann auch anders, und wehe der Typ kommt mir nochmal in die Quere.
In Wirklichkeit war er schon eingestiegen und ich rief ihm beim Schließen der Türe zu: „Selber Kasper, bleibt doch daheim, wenn du nicht gut drauf bist du A…loch du blödes“.
fa200528
Wieder eine “ super“ Geschichte, vielen Dank!!!!😄😄
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Ja solche Leute kennt man. Mich hat letztens so eine Besserwisserin ermahnt mich doch coronaregelkonform in Pfeilrichtung im Laden zu bewegen. Man ist ja so dankbar für solche Hinweise. Da sind mir die passenden Bemerkungen leider auch zu spät eingefallen.
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A w e s o m e
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