Monster-Betteinlagen
Es ist mit Sicherheit schon vorgekommen, dass Menschen gestorben sind, ohne dass man wusste warum und woran. Wenn ich so darüber nachdenke, und aus eigener Erfahrung spreche, dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Bettlaken in den Betten im Krankenhaus oder sagen wir, vor allem diese zusätzlichen Betteinlagen stellen eine große Gefahr für Leib und Leben dar.
Als ich damals nach meinem Unfall im Krankenhaus lag, habe ich das ganz deutlich gemerkt. Betteinlagen können ultimativ tödlich sein oder dir das Leben so schwer machen, dass du quasi freiwillig den Löffel abgegeben willst.
Auf den Intensivstationen wird immer mit Einlagen zur zusätzlichen Hygiene und Sicherheit bei Inkontinenz gearbeitet. Als ich 2015, nach meinem Unfall, länger als vier Wochen auf der Intensivstation lag, machte ich die Bekanntschaft mit diesen Einlagen, die zum Teil aus Plastik und zum anderen Teil aus einem saugfähigen Vlies bestehen. Es mag für das Pflegepersonal natürlich von Vorteil sein, diese Einlagen zu verwenden. Für den Patienten, in diesem Falle für mich, war dies jedoch ein Alptraum erster Güte. Gerade wenn kein Besuch da ist und auch gerade, wenn das Personal unterbesetzt ist, dann schlägt eine solche Einlage unbarmherzig zu.
Bei meinem Aufenthalt war die Situation so, dass ich aufgrund meiner vielen Frakturen nur die linke Hand frei hatte. Diese Hand war aber besetzt mit einer Vielzahl von Nadeln, durch die dann auch noch vielerlei Flüssigkeiten eingelaufen sind. Das bedeutet natürlich, dass ich auch diese Hand nur sehr eingeschränkt bewegen konnte. Die übrigen Gliedmaßen waren nach Operationen in Schienen gelagert; somit war mein Bewegungsumfang maximal eingeschränkt.
Diese hybriden Einlagen aus Plastik und Saugmaterial haben die Angewohnheit, bei leichtem Schwitzen und bei geringer Bewegung auf denselben, sofort, quasi als reflexartige Schutzreaktion, eine kleine Querfalte zu bilden. Diese ist gegenüber dem Rest nur minimal erhöht, kaum sichtbar und läuft quer durch die Einlage und damit auch quer über mein Gesäß.
Zunächst ist dies akzeptabel; so eine Einlage ist ja weich. Nach mehreren Minuten, in denen sich weder mein Körper bewegt noch die Einlage sich von selbst wieder geradegerückt hat, äußert mein Weichgewebe schon den Wunsch, die Lage so langsam zu verändern. Gerne würde ich diesem Wunsch nachkommen, bin jedoch daran gehindert, da ich durch Becken- und Hüftfraktur den mittleren Teil meines Körpers gar nicht bewegen kann. Obwohl die Knochen defekt sind, melden die feinen Nervenenden in meiner Gesäßhaut inzwischen sehr unerträgliche Schmerzen. Man könnte sagen, die Alarmanlage der Haut schaltet sich von hellrot auf dunkelrot. Mit großem Kraftaufwand versuche ich meinen Körpermittelteil – wenn auch nur um einige Millimeter – zu verlagern. Diesen Versuch muss ich, nach einigen Anstrengungen und wegen der vermehrten Schmerzen, wieder aufgeben. Inzwischen empfinde ich die Situation als sehr bedrohlich, fast als lebensbedrohlich und ich habe das Gefühl dieses Martyrium nicht mehr lange durchhalten zu können. Die Klingel für die Schwester hängt, für mich unerreichbar, am Nachttisch. Es muss also ein Überlebensplan her.
Nach einer Ewigkeit schaffe ich es, mit der linken Hand in die Nähe der Fernbedienung für das Bett zu kommen, aber gerade mal so. Nach einer Erholungspause habe ich es aber geschafft und kann mit den Fingern die Fernbedienung umfassen. Mein Bett ist ein sogenanntes Schock-Bett, so dass dieses Bett in der Horizontalen, sowohl an der Kopfseite als auch an der Fußseite, wie eine Wippe hin und her gekippt werden kann. Zu meiner Erleichterung finde ich den Knopf, um das Bett am Kopfteil abwärts zu senken und gleichzeitig hebt sich das Fußteil in die Höhe. Mit den Infusionsschläuchen habe ich noch Spiel, so dass ich das Bett immer weiter kippen kann. Es müssen virtuelle Stunden vergangen sein, doch allmählich folgt mein Körper der Schwerkraft, und wirklich, ich fange ganz leicht an zu rutschen. Nach einer langen Fahrt von 2-3 cm komme ich wieder zum Stehen und bemerke, dass mein Körper durch das Rutschen die Falte in der Bettunterlage quasi ausgebügelt hat. Was für ein schöner Moment. Glücksgefühle! Innerlich vollführt mein Gesäß einen Jubeltanz und all mein körperlicher Einsatz und meine Anstrengungen haben sich gelohnt. Ich kippe jetzt wieder in die gegensätzliche Richtung, komme in die Horizontale und halte die Bewegung so lange aufrecht, bis mein Kopfteil wieder etwas höher steht. Erleichtert atme ich auf. Das hätte ich nicht ausgehalten, nicht eine Sekunde länger. Wie gut, dass ich an diese Fernbedienung gekommen bin. Wie gut, dass ich nicht die ganze Nacht auf dieser elenden, schmerzhaften und scharfkantigen Falte habe liegen müssen. Allmählich schlafe ich ein, werde aber nach kurzer Zeit von einem unangenehmen Gefühl geweckt. Durch die Kopflage und die leichte Bewegung nach oben hat sich auf Höhe meiner Schulterblattspitzen eine Querfältelung in der Betteinlage gebildet. Da sich mein Unterhautfettgewebe zurückgebildet hat, empfinde ich diese Falte der Betteinlage wie ein scharfkantiges Stück brennendes Eisen – ein elendes Martyrium beginnt von Neuem.
Ich habe diese Nacht überlebt, auch wenn ich mit dem Bett noch einige Male hin und her gewippt bin. In der Frühe kam die Morgenschicht der Schwestern und hat mich gewaschen. Zum Glück gab es eine neue Betteinlage. Es hat nicht lange gedauert, da war sie wieder da – die Querfalte, so als ob sie nur darauf gewartet hat, dass ich wieder allein im Zimmer bin und mich kaum wehren kann.
Betteinlagen können tödlich sein oder dir zumindest schmerzhaft den kompletten Nachtschlaf rauben. Ich hasse Betteinlagen.
fa200526
Das ist ja eine schlimme Sache, kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat😫😫
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