Weihwasser als Lebenselixier
Heutzutage ist man an eine komplette Versorgung mit Getränken gewöhnt. Wir brauchen sprudelige Sachen aus Flaschen, entweder als Wasser pur oder mit irgendeinem Geschmack. Wasser aus der Wasserleitung trinken? Nein, das ist zu einfach. Dabei ist unser Trinkwasser, welches aus der Leitung kommt, maximal durchgetestet und so rein wie sonst nirgendwo auf der Welt.
Früher war das anders. Wenn man weiß, dass ich in dem Örtchen „Wasserlosen“ aufgewachsen bin, weiß man auch sofort, dass das mit dem Wasser nicht so weit her gewesen ist. Dort gibt es zwar jetzt einen See in der Dorfmitte, aber früher gab es nur einen öffentlichen Brunnen, neben den privaten Brunnen auf den Bauernhöfen.
Früher haben wir sehr viel Sport gemacht, natürlich vor allem Fußballspielen und sind deshalb immer zum Sportplatz gelaufen, der etwas mehr als einen Kilometer außerhalb des Dorfes, auf einer leichten Anhöhe, angelegt war. Im Sommer, wenn die Sonne schien, konnte dies ein sehr langer Weg sein. Hin und zurück und dann noch das Spielen auf dem Fußballplatz. Man muss wissen, es gab damals am Fußballplatz keine einzige Wasserleitung und damals war es auch nicht üblich, von der Mutter ein Versorgungspaket in Form von Capri-Sonne oder Fanta Plastikflaschen mit auf den Weg zu bekommen.
Der Hinweg zum Sportplatz war in der Regel problemlos, vor allem wenn man noch zu Hause seinen Wasservorrat durch ein ausgetrunkenes Glas Wasser aufgefüllt hatte. Auch das Spiel hat man noch einigermaßen über die Runden gebracht. Der Rückweg war dann schon etwas beschwerlicher, denn bereits nach der Halbzeit war die Körperhaut komplett nass und durchgefeuchtet. Innen drinnen aber, merkbar an der immer trocken werdenden Zunge, zeigten sich bereits erste Austrocknungserscheinungen. Von da an war der Weg nach Hause sehr lang.
In Notzeiten, und das war früher auch schon so, greifen die Menschen regelmäßig auf die Kirche zurück. So war es nicht verwunderlich, dass auch die Kirche damals schon an uns gedacht hatte, und uns zwei „Getränkeversorgungsstationen“ auf dem Weg vom Sportplatz bis nach Hause aufgebaut hatte. Die erste Station war eine kleine Kapelle, auf halbem Weg zwischen dem Fußballplatz und dem Dorf. Die Kapelle hatte einen schattigen Vorbau, und war man erst einmal eingetreten, empfand man die Temperatur als wohltuend kühlend. Rechts neben dem Eingang befand sich, in einer Einlassung, ein kupferner Weihwasserkessel. In der Regel war dieser mit geweihtem Wasser gefüllt. Schon beim Betreten der Kapelle wurde die Flüssigkeit in leichte Vibrationen versetzt, so dass winzige Wellen über die Oberfläche sausten. Die Flüssigkeit bestand, vor allem wenn vorher viele Besucher da gewesen waren und eine gewisse Zeit vergangen war, aus zwei deutlich voneinander unterschiedlichen Anteilen, die sich, wie bei chemischen Lösungen üblich, strikt voneinander trennten. Der untere Anteil im Becken bestand aus einer bräunlichen, sedimentartigen Ablagerung, die schon fast fingerdick anmutete. Der obere Anteil zeigte eine hellere, beige Flüssigkeit, durch die man bei gutem Willen fast durchblicken konnte.
Das Trinken aus dem Becken war eine Kunst. Man konnte noch so vorsichtig die ersten Tropfen abschlürfen, spätestens nach einem durstigen großen Schluck, kam durch die so entstandene Sogwirkung die Flüssigkeit in einen leichten Strudel, der die zähe Masse am Boden zuerst leicht und dann immer mehr durcheinander wirbelte und nach oben schleuderte. Spätestens der zweite und auf jeden Fall der dritte Trinker hatten mit einer Konsistenz zu kämpfen, die nicht mehr dem geforderten Trinkwasserstandard entsprach. Jedoch ist an Sediment nicht unbedingt was auszusetzen, schließlich enthält dies sehr viele Mineralien, ist also auf andere Art und Weise sehr gesund.
Es war also schon wichtig, als Erster an dieser kühlen Quelle anzukommen. Es brauchte dazu sehr viel Kondition und Durchsetzungsvermögen. Auch wenn ich der Größenordnung nach, der Vorletzte der Klasse war, gelang es mir oft, als Gewinner an der Quelle des Lebens zu sein und konnte als Erster trinken. Hierbei konnte auch allerlei Frust abgelassen werden und auch Rachegelüste wurden oft in die Tat umgesetzt. Hat der ankommende Zweite, in der gegnerischen Mannschaft spielend, kurz vor Ende noch ein Tor geschossen, wurde, nachdem der Erste getrunken hatte, der gesamte Kessel mit den Fingern einmal kräftig durchgerührt. Ich selbst habe niemals, was auch eine Möglichkeit der Rache gewesen wäre, den gesamten Kessel auf einmal ausgetrunken, sondern immer noch Masse im Kessel zurückgelassen.
Die zweite Trinkstation befand sich auf dem Friedhof am Dorfeingang. Dorthin sind wir nicht so gerne gegangen, obwohl hier eine Wasserleitung zur Verfügung stand. Hatte man uns doch einmal gesagt, dass diese Leitung direkt aus dem Totenreich komme und es sei schon passiert, dass Kinder, die alleine auf den Friedhof gegangen seien, in die Gräber hineingezogen wurden. Nein, so durstig waren wir dann doch nicht.
An den Geschmack des Weihwassergemenges kann ich mich heute nicht mehr erinnern, damals tat es gut, es hat auf jeden Fall gekühlt, manchmal in den Zähnen geknirscht und uns wahrscheinlich für das Leben abgehärtet. So haben einige geschlürfte Schlucke aus diesem kühlenden Behälter oft wahre Wunder gewirkt und wir haben, wie von Gottes Hand geleitet, immer wieder den Rückweg bis nach Hause geschafft.
Auch der heiligen Kapelle hat unser Besuch nichts ausgemacht. Sie steht heute noch und auch der Weihwasserkessel ist noch an Ort und Stelle. Allerdings widerstand ich beim letzten Besuch der Versuchung, noch einmal von diesem Labsal zu kosten, dabei hätte ich nur mal den Geschmack testen wollen.
fa230520
Albin, ich lese sehr gerne Deine Geschichten😄😄👍
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Danke liebe Lore
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