Wie war das doch früher?

Wie war das noch früher?

„Früher“, meint in diesem Fall, zeitlich gesehen vor der Krise. Das ist inzwischen eine lange Zeit her. Früher kann ich mich nicht daran erinnern, dass dies so ein Problem gewesen sei. Früher bin ich aufgestanden, habe mich geduscht, habe mich angezogen und schon ging es los. Heute bekomme ich das Duschen noch ganz normal hin, aber beim Anziehen bemerke ich für mich persönlich jetzt plötzlich starke Probleme. Der Kern des Problems: Was ziehe ich heute nur an?
Und heute ist ein besonderer Tag, denn heute haben wir zum ersten Mal – nach circa 4 Monaten – wieder eine Einladung zum Brunch. Damals, in der früheren Zeit, ist das öfters und regelmäßig geschehen. Aber jetzt eben wieder zum ersten Mal eine Einladung zum Frühstück. Wo früher bei ähnlicher Gelegenheit zielsicher, automatisch und reflexartig der Griff in den Schrank erfolgte, drängt sich jetzt plötzlich die verunsicherte Frage nach der passenden Kleidung auf. 
In der letzten Zeit war ich, wegen der sozialen Einschränkungen, nur mit mir selber beschäftigt; mit mir, meiner Frau, meinem Garten und meiner Arbeit rings um das Haus herum. Sonst hatte das Sozialleben wenig Abwechslung. Da war es leicht, denn ich habe einfach die Klamotten vom letzten Tag wieder angezogen. Es kam ja niemand zu Besuch und wir gingen auch nicht weg. Erst nachdem die Kleidung schon ziemliche Verschleißerscheinungen zeigte, das heißt nach einigen Tagen des Tragens, ist sie in die Wäsche gewandert und das nächste Kleiderpaket kam zum Einsatz, um auch wieder mehrere Tage hintereinander angezogen zu werden. Das habe ich früher nie so gemacht, denn bei jeder neuen Gelegenheit habe ich neue Kleider angezogen. Und heute eben diese Einladung zum Frühstücksbrunch. Sehnsüchtig blicke ich zu meinen gewohnten Gartenklamotten, die so wie sie ausgezogen wurden, über der Badewanne hängen und mich magisch anziehen. Nein, Gartenklamotten gehen heute nicht. Schließlich muss man sich auch wieder daran gewöhnen, so wie früher, auch mal etwas anderes anzuziehen. Also wandere ich zu meinem Kleiderschrank und stelle mich, ziemlich ratlos, davor. Draußen scheint die Sonne und es sind etwa 15 Grad angesagt. Ich denke da kann ich schon noch zu einer Jeans greifen, auch wenn die wärmer ist als eine sommerliche Leinenhose. Die von mir ausgewählte Hose hatte lange keinen Körperkontakt, deshalb weigert sie sich jetzt mit leichtem sperrigem Widerstand, über meine Beine nach oben zu gleiten. Ja und auch ein passendes Hemd muss her. Meine Gartenpflanzen verzeihen mir tagtäglich, wenn die Zusammenstellung meiner Kleider nicht der Etikette entspricht; man könnte auch sagen, wenn diese gar nicht zusammenpassen aber sehr funktional sind. Also eine blaue Jeans, dazu ein mit blauen Karomustern versehenes Hemd. Auch dieses Hemd hängt seit Wochen unangetastet im Schrank, neben einer ganzen Armee von anderen Hemden. Ich habe dieses Hemd früher wirklich gerne getragen, weil bequem, leicht und modern. Jetzt aber wirkt es wie ein Fremdkörper an mir. Man kennt ja das Coronavirus noch nicht so genau, aber ist es auch eine mögliche Nebenwirkung dieses Virus, dass Hemden und Hosen nicht mehr so passen? Oder weiß ich einfach nicht mehr so genau, was ich anziehen soll? Ich zwänge mich hinein, aber nach kurzem kritischem Blick in den Spiegel – das Hemd zeigt eine gewisse Anspannung um die Körpermitte – greife ich doch wieder in den Schrank und nehme ein Hemd, welches, wie ich glaube, eine gewisse Coronaresistenz aufweist. Dieses Hemd passt zwar, würde aber auf der Fashion Messe in Paris nicht mehr auf den Laufsteg kommen. Auch meine Frau verweilt sehr lange im Bad, möglicherweise treten bei ihr dieselben Probleme auf.
So, der erste Teil des Tages ist geschafft. Jetzt geht es los zum Frühstück. Schon an den Gesichtern unserer Gastgeber sehe ich, dass auch sie schon viele Überlegungen wegen der Kleider hinter sich haben. Einladungen sind früher nur so geflutscht. Aber jetzt muss man alles wieder ganz neu überdenken. Die Kleider unserer Gastgeber sehen frisch aufgebügelt aus, so als ob sie auch schon seit Monaten das Tageslicht nicht mehr gesehen haben. 
Der Frühstückstisch ist sehr rudimentär gedeckt. Es gibt kleine Teller, Besteck und eine Tasse für den Kaffee. Diese Basis ist so wie früher. Das andere, das Beiwerk, war aber früher, lass mich sagen, viel ausschweifender. Ich kann mich an Croissants, Trauben, Schinken gekocht und roh, verschiedene Marmeladen, Rührei und Spiegelei und zumindest eine kleine Auswahl verschiedener Käsesorten erinnern. Meist gab es früher auch Brötchen, aber das hat sich heute, wahrscheinlich der Einfachheit halber, auch auf mehr oder weniger altes Graubrot reduziert. Finde mal in unserer Gegend früh einen Bäcker. Das Einzige, dem noch ein Hauch von früher anhaftet, ist ein trockener Kuchen, der nach Zitrone duftend, in der Mitte des Tisches steht. 
Komisch, dass Corona die Macht hat, alte Traditionen in so einer gravierenden Art und Weise zu verändern. Sieht so aus, als ob wir viele alte Gewohnheiten wieder ganz neu lernen müssen. 
Wie war das doch früher nochmal? 
Wir sollten wieder in die Analyse gehen, nachdenken und überlegen wie wir bestimmte Sachen in früherer Zeit, oder sagen wir – in der Zeit vor Corona – erledigt haben. Dabei geht es nicht nur um die große Politik; man sieht es fängt schon ganz einfach beim Kleiderschrank und beim Frühstück an.


Also, wie war das noch früher?

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Ein Kommentar zu „Wie war das doch früher?

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