Träge Masse
Es ist nicht immer gut up to date zu sein. Es hat schon Vorteile und zeigt, dass man am Leben teilnimmt. Aber es ist nicht wirklich immer gut. Mein ganzes Leben habe ich versucht vorne mitzuhalten und immer mit an der Spitze einer Bewegung zu sein. Ich habe Einradfahren gelernt und bin auf Stelzen gelaufen, bin auf dem Surfbrett gestanden und habe beim Stand up Paddling geschnuppert. Das konnte man ja alles noch als sportliche Betätigung betrachten. Die Weiterentwicklung und Modernisierung schenkt uns jedoch immer wieder neue Herausforderungen und Spielsachen, sowohl für den Freizeitbereich als auch für den Gebrauch im täglichen Leben. Als ich schon älter war wechselten die Fahrräder in den Elektrobereich, es gab Skateboards, Hoverboards und Segways. Die Entwicklung der Tretroller zu elektronischen Gefährten mit Batterie und großer Reichweite schienen ideal zu sein, um die Einschränkung beim Gehen im Alter zu kompensieren. Zusammengeklappt, in den Kofferraum, in die Stadt fahren, auspacken, losfahren. So einfach geht das, ein Mobilitätsgewinn erster Güte.
Um sich alles weitere besser vorstellen zu können, ist ein kurzer Blick in die Physik wichtig.
In der Physik ist Trägheit, auch Beharrungsvermögen, das Bestreben von physikalischen Körpern, in ihrem Bewegungszustand zu verharren, solange keine äußeren Kräfte oder Drehmomente auf sie einwirken. Eine solche Bewegung wird Trägheitsbewegung genannt. Das Maß für die Trägheit eines Körpers gegenüber Beschleunigungen seines Massenmittelpunktes ist seine Masse. Die träge Masse ist das Maß für die Trägheit eines Körpers, also ein Maß dafür, wie groß eine Kraft sein muss, um eine bestimmte Beschleunigung eines Körpers zu bewirken. Eine große träge Masse sorgt beispielsweise dafür, dass ein auf ebener Strecke rollendes Gefährt nur mit großem Kraftaufwand anzuhalten ist. An solchen Gesetzen hat auch Einstein geforscht und letztendlich war das auch eine der Grundlagen für seine Relativitätstheorie.
Es war nun nicht so, dass ich den Beweis für die Forschungen von Einstein unmittelbar antreten wollte und auch von den Newtonschen Gesetzen hatte ich keine Ahnung mehr. Ich habe erst einmal gar nicht daran gedacht, obwohl die physikalische Erklärung für mein – sagen wir – Missgeschick, einleuchtend ist.
Im jugendlichen Alter von fast 65 Jahren denken bestimmt viele Menschen, dass man keinen E-Scooter mehr fahren sollte, wenngleich viele Gründe dafürsprechen. Wenn man damit fährt, wäre es wichtig, beide Hände an der dünnen Lenkstange zu haben, auch wenn es kalt ist. Es war kalt und ich bin auf einer recht holperigen Strecke gefahren. Mit der rechten Hand habe ich Gas gegeben, deshalb die linke Hand genommen um den Reißverschluss meiner Jacke ganz nach oben zu ziehen. Wie gesagt, es war sehr kalt. Schon oft bin ich Schotterwege und schlechte Straßen gefahren und nie war etwas passiert. Der E-Scooter hat ja breite Reifen und ist sehr geländegängig. Trotzdem war an diesem Tag alles anders. Die beschleunigte Masse des E-Scooters mit Fahrer hätte diesen Stein locker überfahren sollen. Aber es hat gerade nicht gereicht. Der Widerstand des liegenden Steines gegen das leicht auslenkbare Vorderrad des Skooters. An diesem Tag hat der Stein gewonnen. Das beschleunigte Gefährt war in seiner Masse nur unwesentlich der Trägheit des liegenden Steines unterlegen und wurde deshalb mit einem einzelnen Ruck nach links verzogen und enorm abgebremst. Die träge Masse des Fahrers war, auch wenn die Geschwindigkeit insgesamt gering war, beschleunigt und folgte, ohne dass ich es hätte verhindern können, den physikalischen Gesetzen. Nach minisekundenlangem und – da das Gefährt unter mir eine andere Richtung einschlug -freiem Flug, erfolgte ein parabelförmiger Steilflug nach unten. Auch ein gepflasterter Weg ist eine sehr träge Masse und hat eine sehr große Härte. In der Jugendzeit hätte ich diesen Flug genossen, hätte mich elegant abgerollt, um nach der zweiten Umdrehung wie eine Katze wieder auf den Beinen zu stehen.
Scheinbar verwächst sich jedoch die Eleganz mit zunehmendem Alter und es bleibt die physikalische Reaktion. Träge Masse auf hartem Boden bedeutet dasselbe wie wenn ein Becher Götterspeise oder Pudding auf den Boden gekippt wird. In der Luft hält sie noch einigermaßen seine Form, beim Aufprall wirkt jedoch eine Summe von Kräften, die den Pudding stark abflacht und möglicherweise zerspringen lässt.
So ähnlich mögen die Menschen gedacht haben, die gerade in die gegenüberliegende Bank gehen wollten und meine Demonstration der Physik vor sich sahen. Ein fliegender Pudding, der am Boden landet. Den Anflug von Scham hatte ich schnell überwunden, war ich doch auf allen Vieren aufgekommen und konnte alles bewegen. Schnell war ich wieder auf den Füßen.
„Ist was passiert?“
„Nein, alles ok, ich bin ja nicht schnell gefahren“. Auf die Aussage – Grundlagen der Relativitätstheorie beweisen zu wollen – war ich so schnell nicht gekommen.
Ich fuhr noch mit meinem unversehrten Gerät nach Hause, warf ihm einen vernichtenden Blick zu, sperrte ihn wie zur Strafe in den Geräteraum und machte mich an meine Schreibtischarbeit.
Der Schmerz kam schnell und heftig und ich war gezwungen zum Röntgen zu fahren. Sicher hatte sich weder Newton noch Einstein damals gedacht, dass eine laterale Tibiakopffraktur auch in der Neuzeit noch als Beweis für ihre Gesetze dienen kann.
Und unabhängig für meine elegante physikalische Beweisführung: Bin ich vielleicht einfach zu alt für die Wissenschaft?
fa201105
Lese gerne Deine Geschichten, Albin. Musste allerdings heute nachschlagen, um zu wissen, was eine Tibiakopffraktur ist😄😄👍👍
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Danke Lore,
du hast jetzt schon nachgeschaut, aber für alle Anderen:
laterale Tibiakopffraktur ist ein Bruch des seitlichen Schienbeinkopfes oben am Knie
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Mensch Albin, ich sag mal nix dazu!
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