Es knackt
Bei jedem Schritt tritt dieses Phänomen auf. Zwar nur ganz fein und man muss genau hinhören. Aber dann hört man es. Ein leichtes Knacken, so als ob ein dürrer Zweig bricht auf den man gerade tritt. Und man merkt es auch, denn das Knacken ist mit einem kleinen Impuls verbunden, so als wenn jemand mit einem kleinen Hämmerchen klopft. Und das bei jedem Schritt. Bei jedem Schritt im Knie, wenn das Knie ungefähr 45 Grad gebeugt ist. Man kann schon direkt darauf warten. Bis zur Küche: 10 Knacker. Bis in den Garten: 30 Knacker. Bis in den Garten zu gehen ist interessant, denn da ist eine Treppe zu bewältigen. Es ist interessant, weil dabei das Knacken nicht alleine ist. Das Knacken wird begleitet von einem vibrierenden, knisternden Geräusch, jedes Mal, wenn die Kniescheibe sich bewegt und scheinbar über die Kante der Knieprothese gezogen wird. Treppe laufen, ohne dass sich die Kniescheibe bewegt, geht nicht. Also ein Knacken und ein schabendes Geräusch, als wenn man ein Stück Holz über Sandpapier zieht. Ich bin durch mein Knieorgan nicht zu überhören. Ein, wie früher, katzenartiges Anschleichen wird nicht mehr möglich sein. Ich bin einfach hörbar, wenn ich erscheine. Oft schenken mir die Menschen einen irritierten Blick mit der Frage, was das wohl für ein Geräusch wäre. Manchmal beantworte ich die ungefragte Frage indem ich sage: “Ach, mein Knie“, und dabei reibe mit der Hand sachte über das Knie, um die Aufmerksamkeit auf den Verursacher zu lenken. Manchmal bewege ich auch den Kopf leicht nach hinten, so als ob ich dieses Geräusch auch gerade zum ersten Mal gehört habe und schaue mich verwundert um, wo das wohl herkommt.
Knacken bei Maschinen, beim Holz im Wald oder allgemein in der Natur ist man gewohnt. Ein Knacken von Gelenken klingt für menschliche Ohren nicht so gut, klingt gefährlich und bedrohlich, so als ob etwas total kaputt ist. Knacken ist wahrscheinlich mein Preis. Mein Preis für das Abhanden sein von Schmerzen. Vor der OP hatte ich viele Schmerzen, auch bei jedem Schritt. Ich konnte es mir quasi aussuchen. Knacken oder Schmerzen. Ich habe das Knacken gewählt. Allerdings hat mir vorher niemand gesagt, dass tausendfaches Knacken am Tag ganz schön auf die Nerven geht. Manchmal ist es so oft, dass ich es gar nicht mehr höre, weil ich es fast schon gewohnt bin und meine Schutzmechanismen dies aktiv überhören.
Aber dann ist es plötzlich wieder ganz laut da und nervt.
Ich stelle mir vor, ich bin in der Kirche und gehe zur Kommunion, von hinten durch den Mittelgang nach vorne. Das hat mir früher schon viel Selbstvertrauen abverlangt. Jetzt aber entsteht schon beim Aufstehen ein knackendes Schrabbern. Schon habe ich die Aufmerksamkeit der halben Bank, nicht nur meiner Bank, sondern auch der Bank vor und hinter mir. Dann der Weg nach vorne. Ich stelle mir vor, alles verstummt, die Orgel hört auf und die Menschen bilden eine Gasse, um mich durchzulassen. Von einem staccato artigen Geräusch begleitet bewege ich mich also nach vorne, bis ich beim Priester angekommen bin. Ich habe die Aufmerksamkeit der gesamten Kirchengemeinde.
Seit zwei Tagen ist es zu einer massiven Steigerung meines tonalen Arrangements gekommen. Vorher war noch alles in Ordnung. Ich habe weder zu viel gegessen oder gekaut und auch nicht zu stark gegähnt. Es war am Morgen einfach da. Ohne Ankündigung, und ich habe es gar nicht gleich gemerkt. Erst als ich in das getoastete Brötchen beißen wollte und den Mund öffne: ein klirrender, hörbarer, pistolenartiger „Plopp“ im linken Kiefergelenk. Meine Frau schaut mich an. Ja es ist laut hörbar. Und egal wie ich den Kiefer bewege, schnell oder langsam, mehr links oder mehr rechts, es ploppt. Zum Glück nur bei Öffnung des Mundes, nicht auch noch beim Schluss. Das wäre der Doppel-Plopp. Ich produziere also mit meinem Körper insgesamt eine Summe von Geräuschen. Wenn ich jetzt die Treppe hinabsteige und dabei auch noch kaue: „Plopp, Schnarr, Knack, Plopp“.
Der Mensch hat ungefähr 140 echte Gelenke. Das macht 140 mögliche Geräusche. Wahnsinn, was da noch auf mich zukommt. Das wird sich dann wie der Auftritt einer Rhythmusgruppe in der Fußgängerzone anhören. Toll, was das Alter einem schenkt. Scheinbar als Ausgleich tritt jedoch die leichte Schwerhörigkeit auf. Es macht mir dann nicht mehr so viel aus, wenn der Rhythmus kommt, ich höre es nicht mehr so intensiv. Aber die Leute beachten mich. Durch eine Menschenmenge komme ich einfach gut durch, auch wenn die Leute sicher denken: „Was für ein alter Knacker“.
Ich stelle mir wieder die Situation in der Kirche vor. Ich bin als geräuschvoll vorne beim Pfarrer angelangt und es geht zur Kommunion. Ich öffne den Mund: “ Plopp“. Ein erstaunter Pfarrerblick und vor Überraschung fällt ihm die Hostie aus der Hand und landet auch mit einem „Plopp“ wieder in der Schale. Passiert selten, aber Wahnsinn, was Geräusche für eine Wirkung haben können!
fa200510
Und ich schätze das sind noch nicht alle Geräusche die dein Körper produziert. Aber sieh es positiv, das heißt, du lebst!
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Beeindruckend das ist was fuer Alpträume… Oder zum Einschlafen
Knietraining und Knacken zaehlen.
Josef
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