Überraschender Besuch

Bei diesem Wetter bin ich viel im Garten. Schon am Morgen zum Frühstücken und zur Zeitungslektüre. Das passt gut, denn danach kann ich gleich mit meiner Gartenarbeit anfangen. Heute jedoch ist mal wieder alles anders, denn plötzlich geht die Türe zum Garten auf und meine Freundin, -nennen wir sie Helga-, erscheint gerade als ich mit der Arbeit am neuen Insektenhotel begonnen habe.

„Schön, dass du da bist“ sage ich und verzichte auf die übliche dicke Umarmung. Man soll ja immer noch vorsichtig sein, es ist ja noch Corona.

Sie war bei ihrem Hausarzt, der seine Praxis von uns aus quer über der Straße hat. Dort sei Blut abgenommen worden und sie sei noch vollkommen nüchtern. Als mein und ihr Blick auf das noch stehende Frühstücksgeschirr fällt, wird es mir klar.

„Möchtest du noch was frühstücken?“ Es ist inzwischen schon 09:30 Uhr.

„Ja, sehr gerne“ kommt die überraschende Antwort.

Schnell sortiert sich in meinem Kopf ein neuer Tagesarbeitsplan. Alles wird virtuell nach hinten verschoben und Einiges sogar auf den nächsten Tag verlegt.

Zum Glück habe ich einige Sachen für das  Frühstück als Reserve im Gartenhaus im Kühlschrank. Schnell lege ich ein neues Gedeck auf.

„Möchtest du auch ein Brot essen?“

„Gerne, Marmelade reicht wenn du da hast. Und vielleicht etwas Butter. Und für den Kaffee nur Milch, keinen Zucker.“

Ich stelle alle meine Leckereien auf den Tisch und auch einige von meinen Lieblingskeksen. Schokowaffeln habe ich schon immer sehr gerne gemocht. Wenn ich die auf den Tisch stelle bedeutet das etwas in unserer Freundschaft, jedoch für mich einen unendlichen Verlust an Gaumenfreude. Schwupp, sind die ersten beiden Kekse schon in ihrem Mund verschwunden. Vorsorglich habe ich von den 21 Waffeln, die ich noch habe, nur 5 hingestellt. Diese Schokowaffeln sind immer sehr begehrt, deshalb zähle ich sie immer ab und kann so jeden Abend, über den täglichen Schwund, genau berechnen wie lange die noch halten. Und ich weiß auch genau, wenn wieder einige davon heimlich gemobbst wurden.

Nun will ich mich aber noch etwas in den Vordergrund rücken und auch bei einem möglichen Gegenbesuch in Vorleistung gehen.

„Möchtest du auch noch ein Spiegelei dazu?“

„Oh, das wäre ja köstlich.“

Ich glaube schon, dass ich diese Frage eigentlich nur so gestellt habe und meinem  Tonfall nach wäre eigentlich ein klares „Nein Danke“ zu erwarten gewesen.

Aber Helga ist heute anders. Sie will ein Spiegelei. Sie müsste doch wissen, dass ich dafür wieder ins Haus gehen und die Eier und die Pfanne holen muss. Sie müsste doch auch wissen, dass ich gar nicht mehr so gut zu Fuß bin und mir das Laufen wirklich Mühe macht. Wahrscheinlich wird sie schnell wieder einige Schokowaffeln vertilgen, wenn ich weg bin. Im Kopf registriere ich: „Noch 3 Schokowaffeln“ und straffe meinen Tagesarbeitsplan weiter.

Ich hole alle Sachen von oben, stelle die Pfanne auf den Herd im Gartenhaus, schlage das Ei hinein, gehe zum Gemüsebeet und schneide noch etwas Schnittlauch, gehe in die Garage und hole noch eine Flasche O-Saft. Die Schokowaffeln sind inzwischen weiter geschrumpft, jetzt ist nur noch ein Keks vorhanden.

Helga scheint es zu schmecken. Sie wirkt wie ausgehungert und sieht, -nachdem die Waffeln ihren Zuckerspiegel gehoben haben- jetzt sehr zufrieden aus. Ich frage sie jetzt nicht, wie sonst üblich, ob sie noch ein Gläschen Sekt haben möchte. Sekt trinkt sie immer gerne, auch wenn sie Auto fahren muss. „Eins geht immer.“ Ich weiß genau, sie würde ja sagen, aber dazu müsste ich in den Keller gehen und wie gesagt, ich bin nicht gut zu Fuß.

Helga frühstückt ausgiebig und erzählt und erzählt und wir haben zusammen eine schöne Zeit. Ich freue mich wirklich dass, sie da ist und ich sie mal wieder sehen kann.

„So, jetzt muss ich aber gehen, sonst schaffe ich meinen Tagesplan nicht“, sagt sie quasi zum Abschied.  

Ich freue mich dass wenigstens ihr Tagesplan noch im Lot ist. Das Leben ist manchmal grausam und für Freundschaften muss man eben auch Opfer bringen.

Zum Abschied greift sie nach der letzten Schokowaffel und steckt sie genüsslich in den Mund als wüsste sie, dass dies die absolut letzte Waffel auf dem Teller ist, abgesehen von den 16 Waffeln in der Reserveschublade. Wenigstens die hätte sie mir doch noch lassen können!

Ich mag meine Freunde sehr und freue mich immer wieder, wenn jemand überraschend vorbeikommt. An dem Problem mit den Waffeln muss ich halt noch arbeiten.

Ein Kommentar zu „Überraschender Besuch

  1. Seit dem ersten Beitrag folge ich dir nun und warte schon immer gespannt auf jede neue Veröffentlichung… irgendwie versetzten mich diese wohl nach Hause, nach Unterfranken, an deinen Frühstückstisch, in deinen Garten, und schon vermisse ich den Honig…
    Jetzt hat mich aber dieser Artikel besonders getroffen – musste ich doch bitter enttäuscht feststellen, dass mir NIIIIIEEEE nur eine Schokowaffel angeboten wurde!!!

    Mir kamen verschiedene Begründungen dafür in den Sinn:
    • du führst eine heimliche Familien-/Freundes-Rangliste und ich stecke irgendwo um Platz 9 fest – ab Platz 4 erhält man aber erst Schokowaffeln.
    • die Schokowaffel-Ausgabe ist COVID-19-krisenbedingt – um den erforderlichen Abstand zu gewährleisten, stellt man Leckereien in der vorgeschriebenen Distanz vor sein Gegenüber
    • es war alles nur ein Versehen… du hast einfach gegriffen was dir vor die Nase kam und da traf es unter anderem die Schokowaffeln

    Zu einer wirklich plausiblen Schlussfolgerung kam ich allerdings nicht. Jedenfalls werde ich bei meinem nächsten Besuch wesentlich aufmerksamer sein, was mir wann, wo und wie angeboten wird…

    Like

Hinterlasse einen Kommentar