Und die Haare sprießen

Und die Haare sprießen

Heute ist Sonntag, der 5. Fastensonntag, also kurz vor Ostern; Umstellung auf die Sommerzeit. Irgendwie werden die Tage sich immer gleicher und der Tagesablauf sich immer ähnlicher. Woran merke ich überhaupt, dass heute Sonntag ist? Ich sitze wie sonst auch bei dem Wetter im Garten und lese. Die Kirchenglocken hätten jetzt um diese Zeit schon zur Messe geläutet und ich hätte meine Sonntagsklamotten angezogen gehabt, hätte einen Kaffee gemacht und vielleicht Klassik im Radio gehört. Aber es fehlt Einiges. Die Ruhe ist fast dieselbe wie gestern am Samstag, der normalerweise mein Hauptarbeitstag zu Hause ist. Also ziehe ich gleich die Klamotten von gestern wieder an, meine Garten- bzw. Arbeitsklamotten. Zum wiederholten Mal fällt mir eine Haarsträhne nach vorne, stört den Blick, und ich muss sie wieder hochstreichen. Ein Blick in den Spiegel heute Morgen hatte mir schon das Chaos auf dem Kopf gezeigt: mein Gott wie die Haare sprießen; noch schneller als sonst. Und weil sie die letzten Tage auch ungebändigt waren, zeigen sie frech in alle Richtungen. Normalerweise wäre ich schon längst beim Friseur gewesen, um den Wildwuchs zu bekämpfen, aber das geht ja nicht. Ok, es sieht mich eh fast niemand. Ich gehe kaum aus dem Haus und es kommen keine Gäste oder Freunde. Und wenn, dann setze ich halt schnell eine Mütze auf. Aber auf den Geist geht mir der Kopfbusch schon.

Gestern Abend hatten wir über „Zoom“ eine Videokonferenz mit Freunden. Endlich mal wieder Freunde sehen, auch wenn sie nicht zum anfassen waren. Und dann gleich die erste Frage, ob ich wohl zugenommen hätte in der letzten Zeit. „Wie nett“, dachte ich, denn so lange dauert die Ausgangs- und Bewegungseinschränkung auch noch nicht, dass meine Waage Alarm geschlagen hätte! Lag wahrscheinlich doch an den Gartenklamotten, die ich auch am Abend noch nicht ausgezogen hatte und an den langen wilden Haaren, die meiner sonst so edlen Gestalt nicht gerade schmeicheln. Wahrscheinlich lässt sich mein Körper einfach gehen. Aber das braucht nicht und muss nicht sein! Doch sofort hat sich meine Haltung wieder etwas gestrafft. Nicht aufgeben; das wäre ja gelacht. Und mein Freund mit seinen Komplimenten, nennen wir ihn „Mister X“, hat was von einem A…….

So und jetzt ziehe ich zu meinen alten Klamotten noch meine Schildkappe auf und mache mich trotz Sonntag an die Arbeit. Vorsichtshalber habe ich noch mal den Kalender zu Rate gezogen und der hat mir bestätigt: heute ist ein normaler Sonntag; eigentlich Ruhetag. Ich fühle es anders, deshalb wird heute der Rasen gedüngt. Am Sonntag tue ich Gutes, wenigstens  für den Rasen. Und später steht noch eine Probe mit dem Nachbarn auf dem Programm; gebührender Abstand vorausgesetzt. Wir wollen heute Abend um 18 Uhr zusammen auf dem Balkon spielen, wie es viele andere Musiker auch tun. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Das soll heute, in der Krisenzeit, überall gespielt werden, weil heute Sonntag ist. Also doch was, woran man den Sonntag erkennt.

Freue mich schon auf morgen. Da ist alles anders und fast normal. Ich darf raus in die „Freiheit“ und zur Arbeit gehen. Aber wenn ich im Spiegel meine Haare sehe, oh Graus. Ich kann doch in der Praxis nicht meine Schildkappe aufsetzen.

Aber in Zeiten von Corona darf ich einfach einen Schutzanzug tragen, einen Mundschutz und zur Not sogar eine Haube für die Haare. Das würde – glaube ich – niemanden stören. Und das Alles lasse ich dann angezogen bis ich wieder zu Hause bin.

Tja, man muss sich nur in jeder Situation zu helfen wissen.

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