Bin so klein, dass ich unsichtbar bin

Bin so klein, dass ich unsichtbar bin.

Sehr lange lebte ich schon im fernen Asien; ich kann mich gar nicht erinnern wie lange. Mein Wohnort war ein kleiner Turm und meine Wohnhöhle das flauschige warme Fell einer Fledermaus. Jeden Abend umkreiste ich, zusammen mit allen Fledermäusen, den alten Turm in dem wir wohnten. Und jeden Abend blickte ich in die Ferne und fragte mich, was wohl hinter dem weit entfernten Horizont zu finden sei. Doch wie die Zeiger einer Uhr, die nach 12 Stunden immer wieder an derselben Stelle stehen, kehrten auch die Fledermäuse immer wieder in ihren Turm zurück, ohne jemals weiter zu fliegen.

Eines Tages gelang es mir jedoch – und es bedurfte nur einer winzigen Änderung meines Genoms – die Fähigkeiten zu erlangen, auch auf und in den Menschen wohnen zu können. Natürlich habe ich das sofort ausgenutzt, wenngleich meine Wohnhöhle im Mund jetzt feucht und schleimig war. Schnell habe ich gelernt, von einem Menschen zum anderen zu springen, wobei ich mich munter vermehrte. Jetzt musste ich nicht mehr im Turm bleiben, sondern die Menschen trugen mich, ohne mein zutun, von Ort zu Ort, in immer fernere Gegenden und mit einer ungeahnten Geschwindigkeit. Was für ein Abenteuer war das für mich.

Zugegeben, vielen Menschen tat ich gar nicht gut, doch sie brauchten sehr lange, um zu bemerken, dass ich an ihrem plötzlichen Elend schuld war. Wie sich auf einmal die Welt veränderte, kaum dass ich sie kennengelernt hatte. Die Menschen weigerten sich jetzt, aus dem Haus zu gehen, sich zu treffen oder ihre Kontakte zu pflegen. Das machte es mir natürlich schwer, aber immer wieder traf ich auf Ausreißer, die sich nicht dem empfohlenen System der sozialen Enthaltung anpassen wollten.  So erreichte ich schnell alle Kontinente, alle Kulturen, alle Ordnungssysteme, eben die gesamte Welt. Nur einige wenige Ecken habe ich noch vor mir.

Nie hätte ich mir diesen Erfolg träumen lassen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass meine Winzigkeit die stärksten Festungen dieser Welt zum Wanken bringt. Unterschätzt haben sie mich, die Menschen, in ihrer Eitelkeit und in ihrem Wahnsinn. Zu wenig nachgedacht haben sie, die Menschen, in ihrer Gier nach Leben und in ihrer Gier nach Konsum. Jetzt sitzen sie da, auf ihren Kontinenten, in ihren Ländern, in ihren Häusern, und trauen sich nicht mehr heraus. Sie wissen noch nicht, die Menschen, dass das Leben in Zukunft ein anderes Leben ist, nein, sein muss, damit sich die Erde weiter drehen kann. Nicht die Atombombe oder das Klima waren letztlich das Sandkörnchen im Getriebe des Lebens und des Daseins, sondern Ich. Ich in meiner gewaltigen Winzigkeit. Könnte mich totlachen.

Bald werden sie mich kriegen und einfangen, das ist klar. Trotzdem hatte ich ohne Zweifel einen interessanten und aufregenden Ausflug. Vielleicht probiere ich es in einigen Jahren wieder mal. Muss nur mein Genom wieder ändern. Nichts einfacher als das!!!

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